Autor Thema: Ein Sprung ins Baltikum 2010 - 2: Tallinn, 18. 8. (50 B.)  (Gelesen 2890 mal)

Roni

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Ein Sprung ins Baltikum 2010 - 2: Tallinn, 18. 8. (50 B.)
« am: 03. Oktober 2010, 14:39:32 »
Hallo!


Wir fahren mit dem Bericht am Tag vor dem vorigen Reportageteil fort, 18. 8. 2010. Ich war noch vom Vortag ausgelaugt (kommt dann in den nächsten Teilen), da war es mir nur recht, dass es ein grauer Tag zu sein schien. Zudem interessierte mich auch die Stadt, also perfektes Besichtigungswetter. Hier findet sich ja ein absolutes Altstadt-Juwel von Hansestadt, anderswo ist kaum so viel erhalten worden wie hier. Der Name "Tallinn" bezieht sich auf eine "dänische Stadt/Burg" nach Eroberung durch die Dänen im frühen 13. Jhdt., die offizielle deutsche Bezeichnung bis 1918 war "Reval". Die einst zahlreich vertretene deutsche Bevölkerung wurde im 2. Weltkrieg umgesiedelt.

Ich verliess mein Hotel südlich der Altstadt kurz vor 8 Uhr, um noch den Schnellzug aus Moskau am Hauptbahnhof zu erwischen. Gleich in der Nähe lag der "Bussiterminal", wo man sich offensichtlich seine "Bussis" abholen kann... ;-)


Ebenfalls gleich bei meinem Hotel wurden einige Strassenbahnlinien geführt, die dafür zuständigen Verkehrsbetriebe nennen sich "Tallinna Trammi- ja Trollibussikoondise AS".


Ein Blick die Pärnu maantee hinab, "tee" heisst Weg und wird noch in verschiedenen Bezeichnungen vorkommen.


Hier sieht man die nordwestliche Ecke der Altstadt mit Domberg und baltischem Bahnhof (Balti Jaam), um dorthin zu gelangen durchquerte ich die untere Altstadt, welche lange Zeit vom Domberg verwaltungstechnisch in zwei Städte getrennt war. Die komplett erhaltenen Gebäude haben leider auch zu eine extreme Touristifizierung nach sich gezogen, vor praktisch jedem Haus gibt es ein Terrassenlokal.


Am Bahnhof angekommen, hier enden einige mit 3kV Gleichstrom elektrifizierte Vorortstrecken, diese werden von "Elektriraudtee" mit ER2-Triebwagen betrieben. Es handelt sich allerdings um einen absoluten Inselbetrieb, zur weiteren Fortbewegung stehen nur Dieseltriebfahrzeuge zur Verfügung.


Der "Moskva-Ekspress" D 34RJ wird von GORail (einst EVR Ekspress) geführt, Bahnarbeiter begrüssten freudig die Mannschaft der Zuglok TEP70-0238. EVR ist die Abkürzung von "Eesti Raudtee", einst die staatliche Bahngesellschaft, dann Mitte der 2000er einige Jahre privatisiert, bis sie wieder verstaatlicht wurde und heute in zwei Geschäftssparten, Infrastruktur und EVR Cargo, tätig ist.


Gleich nach der Ankunft rückte eine ChME3 der "Edelaraudtee", welche die Langstreckendieseltriebwagen betreibt, zum Verschub an, währenddessen fuhr auch ein ER2 ein.


Am Hausbahnsteig des Bahnhofs, rechts davon enden die elektrischen Züge, links gibt es noch ein paar unelektrifizierte Gleise.


Die Provodnikas stellten sich brav an jedem Wagen auf, um die Fahrgäste zu verabschieden.


Der Zug aus Moskau wurde schon gut benutzt, es leben auch 35% ethnische Russen in Tallinn. Bei Schildern und Ansagen merkt man das allerdings kaum, nur am Bahnhof selbst hörte ich manchmal Ansagen auf russisch, in Zügen nur auf estnisch. Auf der Strasse hingegen wurde oft russisch gesprochen.


Nun hatten auch die letzten Passagiere den Zug verlassen.


Wer dachte, der baltische Bahnbetrieb wäre eintönig: hier kann man immerhin alle Traktionsarten auf einem Bild sehen! ChME3-5194 zog gleich darauf die Garnitur aus dem Bahnhof, rechts ist ein "Edelaraudtee" DR1A mit Steuerwagen vor der Abfahrt Richtung Rapla zu sehen, es gibt auch Varianten mit zwei Triebköpfen.


Ein Blick auf die elektrischen Vorortgleise, in Estland wurde gerade viel an der Bahn gewerkelt, auch der Korridor Richtung Osten und Russland wird im Rahmen von "Rail Baltica" ausgebaut, allerdings natürlich nur die alten Breitspurgleise.


Gleiche Stammbaureihe, verschiedene Gesichter und Modernisierungsgrade.


Eigentlich wollte ich mich der Strassenbahn nur nebenbei widmen, doch die fotogenen Masten überzeugten mich sie weiter zu verfolgen, und so hatte ich meine Vormittagsbeschäftigung. Im Hintergrund sieht man die Oleviste kirik (Olaikirche), ein ständiger Begleiter und späterer Aussichtspunkt.


Ich war schon etwas vom Bahnhof entfernt, da entdeckte ich plötzlich die ChME3 laut hupend auf einem Gleis hinter dem Bahnhof. Im Moskva-Ekspress war ein blauer Salonwagen eingereiht gewesen, dem ich zunächst wenig Beachtung geschenkt hatte. Es handelte sich um den "Imperaatori Salong", welcher nun zurück in sein Depot gebracht werden musste. Dazu schob ihn die ChME3 als Erstes hinter den Bahnhof auf Gleisen, die früher weiter verliefen, aber heute abgeperrt sind - diese Richtung werden wir noch später erkunden - bis zu einem Parkplatz neben dem Stationssupermarkt. Danach wurde reversiert, und mit einem Sprint konnte ich noch diese Szene erwischen: wohl eine der "östlichsten" Ecken von Tallinn mit Strassenhändlern, das linke Gleis führt auf die Kopli-Halbinsel Richtung Norden, wo auch ich mich nun hinbegeben würde. Etwas fiel mir aber auf: ich glaube nicht, dass in der estnischen Bahnbetriebsordnung ein Schutzweg vorgesehen ist! ;-)


Ich folgte nun auf der Kopli der Strassenbahn, doch wie erhofft fand ich die ChME3 wieder, bei einer wohl nur selten frequentierten Waggonwerkstatt, in die der Salonwagen hineingeschoben wurde. Ganz rechts im Foto zweigt das Gleis zurück zum Bahnhof ab.


Ein alter Wasserturm fand sich dort ebenso, die Gleise führen noch weiter hinaus auf die Halbinsel. Die Strasse, Telliskivi, musste für den Verschubvorgang vom Verschieber abgesperrt werden.


Nachdem die ChME3 verschwunden war, widmete ich mich nun vollends den Strassenbahnen drüben auf der Kopli.


Die Strasse wirkte sehr skandinavisch mit einigen wunderbaren Holzhäusern.


Vieles war gut erhalten und zeugte von verhältnismäßigem Reichtum, manchmal fanden sich aber noch andere Ecken...


Es gibt nur vier Strassenbahnlinien in Tallinn, auf zwei Strecken, hier enden die Linien 1 und 2. Zu den 73 bereits vorhandenen KT4(SU) (Nummern bis 123) wurden noch 46 Garnituren aus Ostdeutschland importiert und tragen die Bezeichnung KT4D.
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/50/Tram_routes_in_Tallinn.jpg

Ein ehemals Erfurter KT4D passierte dieses schön erhaltene Holzhaus.


Heim mit eigenem Bahnübergang nahe der Wendeschleife Kopli - sowjetische Autos sieht man in Tallinn kaum mehr, ich konnte die von mir gesichteten wortwörtlich an einer Hand abzählen - 5!


Wieder in der Nähe des Bahnhofs, das war wohl eine der engsten Eisenbahnkurven, die ich bis jetzt gesehen hatte, selbst für eine Strassenbahn. Der Wagenkasten stand noch bei der Hälfte der Ecke fast im 90° Winkel zur Kurven-Ausgangslage.


Eine Cottbusser Garnitur, im Hintergrund ist der allgegenwärtige Domberg zu sehen.


Die Haltestelle beim Bahnhof, rechts erkennt man das bereits erwähnte Gleis, welches hinter dem Bahnhof weiterführte und von hier weg abgesperrt war.


Zum Bahnhof gelangen auch Trollibussis, hier ein Skoda Tr14, ein Netz aus acht Strecken versorgt den Westen der Stadt.


Das verlassene Gleis hinter dem Bahnhof führte mich zu einer weiteren ehemaligen Station, an der noch mehr Gleise erhalten waren.


An der Strassenbahn gab es hier eine Baustelle, alle anderen Gleise weiter rechts sind 1520 mm Breitspur und gehörten zum alten Bahnhof. Die Strassenbahn in Tallinn ist mit 1067 mm Kapspur eine Besonderheit.


Die verlassene und heute abgesperrte Station mit der Altstadt im Hintergrund, ich habe auch ein Bild aus dem späten 19. Jhdt. gefunden, dass den früheren Betrieb hier besser erkennen lässt, das Bahnhofsgebäude hat sich kaum verändert. Die Bahnstrecke führte wohl einst direkt weiter bis zum Hafen.
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/32/Reval%2C_general_view%2C_1890_-_1900_-_edited.jpg



Die Strassenbahn verlief durch eine schöne Parkallee.


Glück hatte ich wieder mit dem Wetter, bis jetzt hatte es entgegen der Ansage keinen Tropfen geregnet. Eine Cottbusser Spiegelung war trotzdem möglich.


Zwölf KT4 waren 2001-05 mit einem Niederflugmittelteil in KTNF6 umgewandelt worden.


Nun war ich am nördlichen Tor der Altstadt angelangt, inklusive Wehrturm "Dicke Margarete". Von der Stadtmauer sind noch 1,85 von ehemals 2,35 km und 26 von 40 Türmen erhalten.


Ich erklomm die Olaikirche, in den Jahren 1549 bis 1625 mit einem 159 m hohen Turm das höchste Gebäude der Welt. Allerdings war dieser nach einem Brand nur auf 123 m wiederaufgebaut worden.
Hier sehen wir den Bahnhof und einen Teil der Stadtmauer.


Neben der Niguliste kirik (Nikolaikirche) erhebt sich der Domberg mit der Burg Tallinns.


Ein Blick Richtung Norden zeigt uns den Hafen, in dem gerade die Kreuzfahrschiffe MSC "Poesia" und Celebrity Cruises "Constellation" lagen. Im Vordergrund mein letzter Fotostandpunkt am Boden mit Wehrturm und Strassenbahn.


Eine genauere Aufnahme der Bahnhofsumgebung, es kam gerade ein ER2 an, dazu gab es Strassenbahn und Trolleybus. Weiter hinten auf der Kopli-Halbinsel ist der Wasserturm des Waggondepots erkennen, und das dorthin führende Gleis.



Für einen kompletten Überblick kann man sich hier mein 360° Panorama der Stadt vom Turm aus ansehen:
http://www.fotocommunity.de/pc/pc/mypics/449549/display/22534893



So nah liegt die Parkstrassenbahn an der Ostsee, im Hintergrund verschwand ein Tallink-Fähre im Dunst des finnischen Meerbusens Richtung Helsinki, nur 80 km nördlich.


Wieder zurück am Boden gelangte ich nahe des Wehrturmes zum Estonia-Denkmal "Unterbrochene Linie", das sehr geschickt mit der Perspektive spielt. Die Enden der zwei Bögen sind weit voneinander entfernt, aus manchen Blickwinkeln wirken sie aber ganz nah.


Am Fährhafen ("sadam" heisst auf estnisch "Hafen" ;-) )


Nach den "Bussis" und "Trammis" hatte ich eigentlich auch "Taksis" erwartet, aber nein, es ist ein "Takso"! ;-)
Die Sprachanalyse klärt auf: bei den einen handelt es sich um den Genetiv, beim anderen um den Nominativ, wobei "Takso" mit "o" am Wortende eine von nur ein paar Ausnahmen im Estnischen ist.


Nun folgte ich der Mere puistee weiter Richtung Hotel zur Narva maantee.


Hier ist das Teilstück der Strassenbahn, auf welchem alle Linien zusammentreffen.


Vor meinem Hotel "G9" (von der Adresse Gonsiori 9), meinem Empfinden nach des einzige heruntergekommene Haus der Umgebung. Das Konzept ist interessant: das Hotel befand sich nur im 3. Stock, und man musste sich erst 3 Mal durchläuten, bis man persönlich eingelassen wurde (auch verständlich, in der ersten Nacht bei der Ankunft musste ich im Stiegenhaus einem Junkie ausweichen, weitere Begegnungen hatte ich allerdings nicht). Die Zimmer waren aber nicht schlecht, groß, modern und zweckmäßig eingerichtet (bis auf das Fehlen einer Duschtasse, was mich immer besonders stört), und die Rezeptionsdamen hilfsbereit.
Ich besorgte in der nahen Bäckerei ein gutes Mittagsessen (Pirogi mit Fisch) und konnte daraufhin ein bisschen ausspannen.


Später am Nachmittag ging es wieder hinaus zur Abfahrt des Moskva-Ekspress. Es hatte in der Zwischenzeit geregnet, auf der Narva maantee wurde ich von einem ex-Erfurter begrüßt. Beim Gang durch die Altstadt wechselte ich noch ein paar estnische Kronen, was bald mit der Euroeinführung nicht mehr nötig sein wird. Als häufigste Geschäfte findet man die "Alko"-Läden, und als interessante Kombination "Euro/Alko": Wechselstube und Alkohol in einem! ;-)


Am Bahnhof angekommen war die Garnitur schon bereitgestellt, in der Zwischenzeit fuhr ein ER2 nach Riisipere im Südwesten Tallinns aus.


Ebenso der rauchende DR1A-312 mit zwei Triebköpfen.


Die TEP70 konnte da um nichts nachstehen, der Motor wurde angeworfen.


Und sie verabschiedete sich pünktlich um 17:40 auf die Hauptstrecke Richtung Osten - dorthin werden wir uns auch in den nächsten Teilen begeben!
« Letzte Änderung: 05. Oktober 2010, 08:29:05 von Roni »
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Re: Ein Sprung ins Baltikum 2010 - 2: Tallinn, 18. 8. (50 B.)
« Antwort #1 am: 04. Oktober 2010, 09:36:38 »
Wieder ein toller Bericht und feine Bilder, Danke Roni

 
lg.
Viper

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Re: Ein Sprung ins Baltikum 2010 - 2: Tallinn, 18. 8. (50 B.)
« Antwort #2 am: 04. Oktober 2010, 12:28:13 »
Schöner Bildbericht aus einer Stadt von der ich nur den Flughafen kenne.  ;D

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Re: Ein Sprung ins Baltikum 2010 - 2: Tallinn, 18. 8. (50 B.)
« Antwort #3 am: 04. Oktober 2010, 14:29:20 »
@Roni

Toller Report! Ich warte schon gespannt auf die nächsten Teile! :D

MfG
Loknarr
Bei Einbruch der Finsternis muss mit Dunkelheit gerechnet werden!

Roni

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Re: Ein Sprung ins Baltikum 2010 - 2: Tallinn, 18. 8. (50 B.)
« Antwort #4 am: 05. Oktober 2010, 08:20:11 »
Hallo!

Danke euch!  :)
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