Autor Thema: "Miar bauet des, koschte es was es wolle" - eine Lagebericht aus Stuttgart  (Gelesen 4298 mal)

Andi

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Hallo zusammen,

ich weiß nicht inwieweit das Thema Stuttgart 21 zu euch nach Österreich getragen wird, darum möchte ich einfach mal einen kleinen Lagebericht schreiben.

Langsam verhärten sich die Fronten von Gegner und Beführworter, trotz ausstehender Gerichtsverhandlung und ungewisser Zukunft für die Schnellstrecke von Stuttgart nach Ulm wurde von den Projektverantwortlichen der Startschuss gegeben.
Die S-Bahnrampe im Gleisvorfeld ist schon weitgehend umgebaut und bringt uns Pendlern noch ein extra Schmankerl. Da die Planen vom bestgeplanten Bahnprojekt aller Zeiten ein Signal "vergessen" haben wurde eine in den 70er Jahren von Eisenbahnbundesamt gegebene Sondergenehmigung aufgehoben. Diese sah vor das die Zugführer auf Sicht auf die vorausfahrende S-Bahn auffahren durften. Dadurch konnte ein dichter Takt im S-Bahntunnel entstehen, der jetzt weitgehend aus den Fugen geraten ist. Zuerst hieß es dass bis mitte September das Problem behoben sein, jetzt kam eine Pressmitteilung des VVS das bis Januar 2011 noch mit den Behinderungen gerechnet werden muss.

Eine Bahnsteigverlängerung scheint nun auch bald weitgehend fertig zu sein....und nun zum "Skandal" wenn man so will..
Es scheint so das die Projektverantwortlichen mit dem recht frühen beginn des abrisses am Nordflügel des Stuttgarter HBF ein Zeichen setzen wollen
-->Demonstrieren zwecklos...dies hatte aber zu folge das die Gegner noch weiteren Zulauf fanden (was auch gut ist :))

Ich lehne das Projekt auch strikt ab nur sehen ich im moment alles sehr nüchtern, da Diskussionen mit Beführwortern sinnlos sind, vorallem werden da einem "Argumente" an den Kopf geworfen wie "wollen Sie zurück in die Steinzeit?"

Damit jeder sich seine eigene Meinung bilden kann hab ich auch noch zwei Links dazu

Einmal natürlich die schöne heile Welt der Projektseite
http://www.das-neue-herz-europas.de/
und natürlich den Gegnern, die natürlich weitaus interessanter ist  ;)
http://www.kopfbahnhof-21.de/

So nun aber zu meinem Bilderbericht von heute. Da ich eh nach Stuttgart wollte um mir einige Kleinigkeiten zu kaufen nutze ich die Zeit auch um ein paar Bilder zu schießen die ich dann mal meinen Kindern zeigen werde.
Es macht traurig wenn man sieht wie mit einem potentiellen Weltkulturerbe umgegangen wird. Der Denkmalschutz wurde ausgehebelt und das Versprechen dass die wertvollen Fasadensteine Stück für Stück abgetragen werden wie alle anderen Versprechen gebrochen.



Die Baustelle ist durch hohe Absperrgitter und direkt bei den Abbrucharbeiten nochmal durch einen Zaun abgeriegelt. Die Polizei ist ständig vor Ort und muss wenn die LKW zum abtransport des Materials kommen eine Gasse bilden damit die Fahrzeuge überhaupt durchkommen.



Die Wut gegen den Architekten ist auch sehr groß da er in Interviews sehr arrogant erscheint



Der Bauzaun wurde zu einem Kunstwerk an dem man die Stimmen der Bevölkerung sehr deutlich ablesen kann









Das sind die "Feinbilder"


Angesichts der Ausmaße des Projekts ist Größenwahn ein angebrachtes Wort






Soviel zum jetztigen Standpunkt.
Das Projekt hat meine Politische Meinung in den letzten 2 Jahren sehr geprägt und ich freu mich schon auf die Landtagswahlen wenn mit großer Sicherheit endlich die CDU/FDP in Baden-Württemberg abdanken darf.
Die derzeitigen Umfragewerte setzen die Regierenden sehr unter Druck und Ministerpräsident Mappus seine sehr Atomfreundliche Meinung wird ihm auch nicht zugute kommen.

Wer beim abriss zuschaun will dem sei dieser Link empfohlen

http://www.fluegel.tv/

Grüße Andreas

www.schlepptender.com <-- meine Homepage


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Simon

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Re: "Miar bauet des, koschte es was es wolle" - eine Lagebericht aus Stuttgart
« Antwort #1 am: 07. September 2010, 19:44:53 »
sehr schöne bilder
LG Simon

Loknarr

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Re: "Miar bauet des, koschte es was es wolle" - eine Lagebericht aus Stuttgart
« Antwort #2 am: 07. September 2010, 20:40:36 »
@Andi

Da ich auch aus Deutschland komme, bin ich bestens informiert. Ich habe bis jetzt den momentanen Stand der Dinge immer nur in der Zeitung verfolgt, doch nun werde ich auch öfter auf die Webcam und auf kopfbahnhof-21.de schauen. Ein Gegner von S21 bin ich schon von Anfang an, auch wenn ich von Stuttgart aus ca. 400km weit weg bin. Schließlich ist es streng genommen auch mein Geld, das in dieses kranke Projekt fließt. Vor ein paar Wochen ist auf Frontal21 ein Bericht gekommen, seitdem verfolgt mich die Thematik beinahe täglich. Ich weiß aber auch nicht, was man noch dagegen machen kann. Man hätte das Projekt gleich im Keim ersticken sollen...

@Simon

Zitat
sehr schöne bilder
Scheinbar ist dir S21 egal, um es mild auszudrücken...

MfG
Loknarr
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Bianchi310

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Re: "Miar bauet des, koschte es was es wolle" - eine Lagebericht aus Stuttgart
« Antwort #3 am: 07. September 2010, 21:15:55 »
dazu noch ein paar nette Infos:

die "Projektbefürworter" behaupten ja, dass mit den genehmigten 5 Milliarden Euro nicht nur der Umbau des Bahnhofs sondern auch die Neubaustrecke bis Ulm finanziert werden kann ...

vor kurzem wurde ein hoher Beamter der DB vorzeitig in Ruhestand geschickt, weil er Focus und Focus-Online die aktuelleste Hochrechnung der Bahn zugespielt hat:
der Bahnhof wird wohl 8 Milliarden verschlingen, der Tunnel vom Bahnhof hinauf zum Flughafen samt Umbau Flughafen-Bahnhof ca. 3-5 Milliarden und die Neubaustrecke ebenfalls 3-5 Milliarden .... also insgesamt wird bei der Bahn hinter verschlossenen Türen mit 15 Milliarden spekuliert ...

aus Sicht der Bahn bedeutet das: weitere einschneidende Sparmaßnahmen bei Sicherheisteinrichtungen wie z.B. regelmässiger Check der ICE's, Stopp von dringend erforderlichen Ausbaumassnahmen wie z.B. 3. und 4. Gleis auf der Rheintalsstrecke für den Güterverkehr, Reperatur von defekten Weichen auf der Güterzugumfahrung des HBF Stuttgart, an der ich wohne und an der ich die täglichen Panik-Notbremsungen der schweren Güterzüge vor der im Gefälle liegenden Einfahrt in den Bahnhof Stuttgart-Münster (von dem wegen Weichenschäden nur noch 1 von 5 Gleisen befahrbar ist) hautnah erleben kann ....

aus Sicht der Stadt Stuttgart bedeutet das: drastische Anhebung von Steuern, Abgaben und Preisen z.B. für Parkplätze und Strassenbahngebühren (es ist die Rede davon, dass der Einzelfahrschein für 1-5 Haltestellen von derzeit 2 € auf 4-5 € angehoben werden soll/muss) .... die Stadt hat ja darauf spekuliert, dass das Gelände
am Bahnhof lukrativ verkauft werden kann .... diese Spekulation ging aber bisher in die Hose, da die Investoren nach der Bankenkatastrophe 2008 allesamt abgesprungen sind ... kleine Anekdote am Rande: vor der Bankenkatastrophe hat die Stadt die Frischwasser- und Abwasserversorgung an ein US-Unternehmen verkauft und dann wieder angemietet und sich dadurch saniert, keine Schulden mehr .... durch die Pleite der Lehman-Bank ist auch dieser US-Partner Pleite gegangen, Stadt und Land mussten die Abwasser+ und Wasserversorgung für viel viel Geld wieder zurückkaufen ..... dadurch ist Stuttgart wieder so pleite und knapp bei Kasse wie vor dem Verkauf
« Letzte Änderung: 07. September 2010, 21:42:11 von Bianchi310 »
schöne Grüsse vom Neckarstrand ..... Bianchi310 (Hans)

Bianchi310

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Re: "Miar bauet des, koschte es was es wolle" - eine Lagebericht aus Stuttgart
« Antwort #4 am: 07. September 2010, 21:31:08 »
Grundsätzliche Anmerkung meinerseits:

Sanierung des HBF ja - aber nicht so wie geplant, denn diese Planung hat nichts aber auch gar nichts mit einer eisenbahnbezogenen Neuplanung zu tun ...

es ist nicht nachvollziehbar, wie das Verkehrsaufkommen um 25% gesteigert werden kann, wenn der Bahnhof von 16 auf 6 Gleise reduziert und unter Tage gelegt wird ...

es geht einzig und allein darum, dass sich speziell die Herren Oettinger und Schuster auf Kosten der Bevölkerung ein architektonisches Denkmal setzen wollen, das
vom architektonischen Aufwand und Spektakel den neuen HBF Berlin in den Schatten stellen soll / muss, weil den beiden Herren die geplanten politischen Laufbahnen nicht gegönnt wurden .... (Oettinger wollte unbedingt Minister in Berlin werden und Schuster dann Oettingers Nachfolger als Ministerpräsident) ...

der Bahnhof in seiner jetzigen eisenbahntechnischen und verkehrstechnischen Planung wird ein Rückschritt in die Steinzeit, da es sich um eine katastrophale Fehlplanung und Fehleinschätzung handelt ....

in den 80ern gab es einmal eine hoch interessante Planung der Unis Karlsruhe/Stuttgart zusammen mit der Bahn, diese wurde jedoch von der Politik verworfen und nicht zum Wettbewerb zugelassen, weil zu billig, zu einfach, ohne spektakuläre Architektenfürze und einzig und allein auf einen leistungsfähigen Eisenbahnknotenpunkt Stuttgart mit einer Kombination aus Kopfbahnhof (für den gesamten Zugverkehr, der in Stuttgart beginnt oder endet) und unterirdischem Durchgangsbahnhof (für den Durchgangsverkehr) parallel zur jetzigen Lage der S-Bahn ...
« Letzte Änderung: 07. September 2010, 21:51:32 von Bianchi310 »
schöne Grüsse vom Neckarstrand ..... Bianchi310 (Hans)

Bianchi310

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Re: "Miar bauet des, koschte es was es wolle" - eine Lagebericht aus Stuttgart
« Antwort #5 am: 07. September 2010, 22:04:11 »
und dann noch dies ....

Denkmalschutz .... wenn man ein Bauwerk verändern will, das unter Denkmalschutz steht, dann bekommt man je nach Bundesland entsprechend hohe Auflagen ...
einzig und allein die Politik hat die Macht sich darüber hinweg zu setzen und zu entscheiden, dass von dem Gesamtbauwerk Stuttgart Bahnhof nur der Turm und der Vorderteil des Bauwerks erhaltenswert sind, 2/3 werden als überflüssig und nicht erhaltenswert angesehen, der Abbruch wird angeordnet und durchgeführt BEVOR das zuständige Gericht die letzte Entscheidung fällen kann, ob das Gebäude abgerissen werden darf oder nicht .....

Sicherheit .... die Planung sieht vor, dass im Flughafenbahnhof die ICE's und S-Bahnen den gleichen Einfahrtunnel und die gleichen Bahnsteige nutzen sollen ...
das Eisenbahnbundesamt als oberste Bau- und Sicherheitsbehörde hat dies aus Sicherheitsgründen strikt verboten:
1. weil die Lichtraumprofile schon für die S-Bahn zu klein sind, die dürfen nur mit 60 km/h durch den Tunnel einfahren, damit keine Überdruckverhältnisse entstehen, die im schlimmsten Fall zum Bersten der Scheiben führen könnten, für die ICE's bedeutet das, dass die Geschwindigkeit auf 40 km/h reduziert werden muss ...
2. gibt es wegen der unterschiedlichen Wagenprofile enorme Sicherheitsbedenken, da die ICE-Wagenkästen 10-20 cm weiter in den Bahnsteig hineinragen als die S-Bahnwagen .... wenn da jemand zu nah am Warnstrich steht, wird er gnadenlos umgenietet ....

der amtierende Bundesverkehrsminister Ramsauer hat diese  Sicherheitsbedenken und Verbote für Null und Nichtig erklärt und die erforderlichen Genehmigungen erteilt,
die zuvor von Eisenbahnbundesamt verboten wurden .... übernimmt er auch die Verantwortung nach dem 1. Unfall mit Personenschaden ??????

schöne Grüsse vom Neckarstrand ..... Bianchi310 (Hans)

Loknarr

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Re: "Miar bauet des, koschte es was es wolle" - eine Lagebericht aus Stuttgart
« Antwort #6 am: 08. September 2010, 07:59:47 »
@Bianchi310

Du hast natürlich vollkommen recht. Ich schätze, du könntest noch 5 Seiten zu diesem Thema schreiben...
Zum Glück gibts den Kopfbahnhof noch in PT3... :D

MfG
Loknarr
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Speedy

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Auch wenn das Thema schon etwas älter ist...

ich selber habe ja als Dienststelle den Stuttgarter Hauptbahnhof.
Auch ich bin gegen diesen Umbau, so wie er geplant ist.

Allerdings muss ich zugeben, die Schnellfahrstrecke Ri Ulm braucht man.
Eine knappe Stunde für nicht ganz 100 Kimlometer ist nun einmal nicht mehr
Zeitgemäß. Diesen Durchgangsbahnhof allerdings braucht keiner, außer natürlich
die lieben Politiker...

Jeder der Stuttgart kennt, der weis das der Bahnhof Sanierungsbedürftig ist.
Jeder der vielleicht die Räumlickeiten des Zugpersonals im Südflügel kannte,
wird dem zustimmen... Es wurde schließlich Jahrzehnte nichts gemacht.
Warum auch immer... Aber es bedarf dringend einer Sanierung...

Nur warum so nen schwachsinnigen Durchgangsbahnhof, welcher keinen Nutzen bringt?
Mal abgesehen von den um die Hälfte reduzierten Gleisen... Was will man noch als Reisezeitverkürzung?
4 Min Wendezeit haben die ICE "Dortmund-München" heute schon... Von Minute 08 auf Minute 12...
Glauben die Verantwortlichen wirklich das Fahrgäste noch schneller Ein, bzw Aussteigen?
Also ich nicht....

Ich bin mir auch sicher, das locker 70% der Mitarbeiter auf dem Bahnhof Stuttgart gegen dieses Projekt sind.
Denn wenn es in vielen Jahrzehnten mal irgendwann fertig sein sollte, dann denke ich wird es eine Einsatzstelle
Stuttgart so wie heute (betreff Personal) mit Sicherheit nicht mehr geben...

Mit etwas Glück bin ich dann kurz vor der Rente...  ;)

Also lassen wir uns überraschen. Bekommen es ja leider life mit...

P.S. Man solle mal einen Blick nach Leipzig werfen. Das beste Beispiel, was man aus einem Kopfbahnhof machen kann.... Ein Kopfbahnhof hat nun einmal eine besondere Atmosphäre und diese sollte man beibehalten...
Bei uns läuft alles...

...bald laufen auch Sie ! ! !

Loknarr

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@Speedy

Zitat
Allerdings muss ich zugeben, die Schnellfahrstrecke Ri Ulm braucht man.
Eine knappe Stunde für nicht ganz 100 Kimlometer ist nun einmal nicht mehr
Zeitgemäß.

Du hast zwar recht, dass 1 Stunde für 100km nicht mehr zeitgemäß sind, aber so wie diese Strecke geplant ist, sollte sie nicht gebaut werden. Das ist ein Millionengrab... >:(

MfG
Loknarr
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Speedy

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Mit der Strecke habe ich mich bisher nicht beschäftigt um ehrlich zu sein.
wobei mir da ein Neubau zwecks der Zeitersparnis schon sinnvoll scheint.
Was für mich absolut "Hirnlos" ist, ist der Stuttgarter HBF... Der soll so
bleiben wie er ist nur saniert, denn das ist wie erwähnt dringend nötig.

Nicht umsonst gibt es für den Bahnhof einige Sondergenehmigungen.
Gerade was Gl 16 betrifft...

Das Geld was da verplant wurde wäre echt sinnvoller in anderweitige
Problembehebungen zu stecken. davon gibt es im Moment ja leider mehr als
genug...

Gerade was das Wagenmaterial angeht...

Bei uns läuft alles...

...bald laufen auch Sie ! ! !