Autor Thema: Diesel - Dampf - Elektrisch: Nordeuropa-Tour, August 2011 (2 Std. Video, 12 B.)  (Gelesen 2482 mal)

Roni

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Hallo!



Hier der Film mit 1:52 Länge, anklickbarer Index ist dabei, leider funktioniert dieser auf YouTube derzeit nicht über einer Stunde, ab da muss man den Videoschieber selber einstellen:
http://www.youtube.com/watch?v=Akq1hX9e98s&hd=1


Vorschau-Video-Screenshots:





Anfang August machte ich mich wieder einmal zu einer etwas größeren Tour auf, welche ich auf Basis eines geplanten Wales-Aufenthaltes ausbaute. Am Abend des 2. 8. nahm ich EuroNight 420 von Wien nach Köln und stieg am nächsten Morgen in Koblenz aus. Am Vormittag folgte eine Fahrt durch das Moseltal geführt von Bekannten aus der fotocommunity, das Wetter erwies sich als für diesen Sommer typisch, insgesamt hatte ich jedoch wie immer meist extremes Glück mit Wetter und Zügen. Ein paar Rückschläge ließen mich die Tour dann aber auch wieder als manisch-depressive oder schizophrene Reise bezeichnen...





Im Moseltal lag der Fokus natürlich auf den 181ern, welche mit den ICs von und nach Luxembourg im 2-Stundentakt verkehren. Zunächst widmeten wir uns Hatzenport, anschließend ging es nach Treis-Karden, wo vermutlich die einzig sonnigen Minuten des Tages an der Mosel genau mit gehäuften Vorbeifahrten von Güterzügen und der unvermuteten blauen 181 201 zusammentrafen. Mein Hotel für die Nacht war in Sarreguemines gebucht, daher entschied ich mich nach Mittag ins Elsass zu wechseln um die zwei verbliebenen BB 67000 Leistungen Strasbourg - Sarreguemines zu erwischen. Per RE und TER konnte ich mit nur einmal Umsteigen in Saarbrücken Tieffenbach-Struth erreichen und machte mich von dort mit vollem Marschgepäck - das einzige Mal auf der Reise - auf die etwa 1,5 km Fußmarsch nach Frohmuhl. Während der Fahrt hatten wir schwere Schauer durchquert, ich war nun an der anderen Seite der schwarzen Wand angelangt. Auf dem Fußweg begann es bald zu regnen, doch nicht unangenehm, da es sommerlich schwül war. In Frohmuhl hatte ich noch etwas zu warten, und tatsächlich, genau für den lokbespannten Zug machte es eine Viertelstunde lang auf, manchmal sogar mit voller Sonne! Da die schwarzen Wolken aber noch bedrohlich über mir hingen, riskierte ich nichts und kehrte zur Station zurück, um mit der zweiten BB 67000 nach Sarreguemines zu fahren. Die Fahrkarte in den fast leeren Corail-Wagen bekam ich von der Schaffnerin per Hand ausgestellt. Nach ein paar Verschubmanövern begab ich mich zum Hotel gegenüber des Bahnhofs, der etwas biedere Angestellte wollte oder konnte mir just keine Rechnung ausstellen, und verwies mich auf die Chefin am nächsten Morgen. Natürlich hatte ich da schon etwas Stress, aber es sollte kein Problem sein. In der Früh bestieg ich einen der Züge nach Sarre-Union, welche noch aus heruntergekommenen Caravelles gebildet werden. Die Ausfahrt verlief spektakulär mit Parallelfahrt der gerade an den Bahnsteig verschiebenden BB 67000.





In Zetting, noch vor Abzweigung der beiden Strecken in Kalhausen, stieg ich aus, da ich hier am Vortag nette Stellen entdeckt hatte. Frühnebel an der Saar sorgte für tolle Morgenstimmung. Den ersten lokbespannten Zug nach Straßburg, noch vor Sonnenaufgang, nahm ich an der netten Ortdurchfahrt, für den zweiten und zwei Caravelles suchte ich mir die Brücke über Saar und -kanal aus. Leider herrschte zu dieser frühen Stunde noch kein Bootsverkehr. Anschließend ging es wieder per Caravelle zurück nach Sarreguemines, Rechnung bezahlen, Gepäck aufnehmen, am Bahnhof noch einen Güterzug mit BB 69400 fotografieren und ab in die Saarbahn Stadtbahnlinie S1. Diese nutzt zwischen Sarreguemines und Saarbrücken die Staatsbahngleise und wechselt anschließend auf Strassenbahn, eine wirklich nette Fahrt in Führerstandsperspektive. In Saarbrücken hatte ich noch ein bisschen Wartezeit, welche ich im Zentrum und am Bahnhof verbrachte. Einen kleinen Schock erlitt ich bei Anblick eines ÖBB-Ochsen, welcher mit einer IC-Garnitur aus Frankfurt abgestellt stand. Ebenfalls unangenehm waren ein paar Typen, die mich zuerst fragten, ob ich noch mehr Kameras im Rucksack hätte, und anschließend ihre Lust nicht verhehlten mich vor den nächsten TGV zu stoßen. Da war ich doch einmal froh über die auffällig starke Polizeipräsenz in Deutschland und stellte mich zu einer Gruppe von fünf Polizisten am Bahnsteig. Es gab dann keine Probleme, und ich konnte bequem in meinem TGV nach Paris Platz nehmen, Abfahrt und Ankunft mit etwa 10 Minuten Verspätung. Gleich in Paris Est begrüßten mich meine nächsten Zielobjekte, die großen CC 72000 Dieselloks, welche im Stundentakt, zur Stoßzeit auch Halbstundentakt, auf der Strecke Richtung Mulhouse unterwegs sind. Ich begab mich sofort zum Hotel in der Nähe, nördlich von Klein Indien - im Himalaya, sozusagen - , und konnte unterwegs ein ausfahrende CC 72000 von einer Brücke aus erwischen. Leider geht das in Paris eher schwer und nur mit vielen Drähten und Zäunen als Hindernis. Als Standort für den Nachmittag hatte ich mir Verneuil l'Etang ausgesucht, die erste Station an der Dieselstrecke, welche von den Regionalzügen nach Provins von Paris Est aus nonstop angesteuert wird. Der Ticketkauf erwies sich in Frankreich, wie auch schon von früher bekannt, als eher mühsam, vor allem ohne ausreichend Münzen oder VISA-Code für den Automaten. Ein einziger Schalter war für Paris-Umgebung geöffnet, vor mir kaufte ein Pärchen eine Hunderterpackung irgendwelcher Karten, hinter mir flippte eine Pariserin aus, weil ihr Zug gleich abfahren würde. Letztendlich erreichte ich gemütlich per hybridem B 81500 Verneuil l'Etang und konnte zwei Stunden lang die vorbeidonnernden Diesel-Monster genießen, am Anfang bei Regen, gegen Ende kam dann sogar die Sonne heraus. Zurück in Paris nahm ich noch ein paar Ausfahrten am Ostbahnhof auf, um die Zeit sind einige Züge sogar doppelt bespannt, auch wenn eine Lok kalt mitlief. Ebenso konnte ich die Bereitstellung der CityNightLine nach Deutschland mit RZD-Kurswagen beobachten. Nach einer kurzen Pause begab ich mich zur U-Bahn-Station La Chapelle direkt bei meinem Hotel und fuhr Richtung Eiffelturm, denn hier wollte ich ein paar Abendstimmungsbilder inklusive U-Bahn über die Seine anfertigen. Tatsächlich hatte der Himmel genau über dem Zentrum aufgerissen und ich konnte einen herrlichen Abend genießen, sogar der Mond zeigte sich schön. Auf einem für Fußgänger eigentlich verbotenen Straßenstück, welches um die Zeit aber leer war, erwischte ich auch die Metro mit Eiffelturm, zusätzlich kam eines der mit Scheinwerfer bestückten Ausflugsschiffe vorbei.





Am nächsten Morgen nahm ich den ersten Eurostar nach London, am Bahnhof Nord hatte sich beim Check-In schon eine enorme Schlange gebildet, doch sobald die Tore geöffnet werden, geht es eigentlich sehr schnell und effizient. Das einzige Foto der Reise, an dem ich gehindert wurde, vereitelte ein Security-Typ, der meinte es wäre verboten bis ans Bahnsteigende vorzugehen. In flotter Fahrt ging es Richtung England und bald auch gutem Wetter. Nach schnellem Bahnhofswechsel von St. Pancras nach Euston saß ich auch schon im Pendolino nach Manchester und erreichte mein Ziel inklusive Umsteigen in fünf Stunden Fahrt von Paris bei einer Stunde Zeitbonus. Nach schnellem Einchecken im Hotel setzte ich mich in die Metrolink-Stadtbahn ab Piccadilly nach Bury zur East Lancashire Museumsbahn. Dort herrschte herrliches Sommerwetter und Zweizugbetrieb mit Schienenbus in BR Blue und Dampfzug gezogen von der Hunslet "Sapper", ebenso tuckerte gleich nach meiner Ankunft eine 37er durch die Station Bury Bolton Street. Ich fuhr im 101er bis nach Irwell Vale, eine einsame Haltestelle in lieblicher, schafgespickter Landschaft, später wechselte ich per Dampfzug zur Irwell-Brücke in Summerseat. Als Abendprogramm kam der "Scarborough Flyer" über die Pennines, ich hatte gemütlich Zeit von Manchester Victoria aus einen Northern Regionalzug nach Greenfield zu nehmen, wo das Saddleworth-Viadukt über den Huddersfield Kanal in Ur-Industrieland als Motiv wartete. Dieses ist von der Station problemlos nach 1 km Spaziergang auf einer kleinen Straße die Hügelflanke und den Golfplatz entlang zu erreichen. Ich hatte noch 1 1/2 Stunden bis zum Dampfzug, dazwischen erwischte ich einige Triebwagen, auch 142er, in voller Sonne. Kurz vor dem Dampfzug rollte auch ein Güterzug mit DBS 66er-Doppelbespannung vorbei, auch LMS 6201 "Princess Elisabeth" wusste nicht zu enttäuschen und sorgte für eine Dampffahne im letzten, schönen Abendleuchten.





Der nächste Tag war als einziger Schlechtwettertag angesagt, dennoch konnte ich zwei Dampf-Specials über die Settle-Carlisle Line nicht widerstehen. Es war anfangs auch recht erträglich, und ich machte mich in Ribblehead auf den Weg nach Blea Moor. Ich hatte den Platz für den ersten Dampfzug erreicht, plötzlich brach der erste von zwei Extremschauern der Reise über mich hinein. Noch dazu zuckten in wenigen Kilometern Entfernung Blitze über den Himmel, auch in voller Regenkleidung konnte ich mich nur noch auf den Boden zusammenkauern und hoffen, dass es bald vorbei sein würde. Nach einer dreiviertel Stunde Beschuss kam endlich pünktlich der "Waverley" gezogen von Black Five 44932 vorbei, die Stimmung und der herrliche Sound auf der glitschigen Steigung entschädigten für die Mühen. Zurück in Ribblehead trocknete und zog ich mich so weit es ging um, für die Schuhe bastelte ich die schon in Hohenlohe Anno 2006 bewährten Plastiksackerleinlagen. Dennoch beschloß ich, den Trip kurz zu halten und nicht mehr auf die dritte Dampfzugvorbeifahrt (Waverley hin und zurück) am Abend zu warten. Den zweiten Zug wollte ich noch in Kirkby Stephen erwischen, da dort auch der beschleunigte Eilzug nach Leeds hielt. Dazu fuhr ich zunächst nach Appleby und wieder zurück bis Kirkby Stephen, wo ich mich im Bahnhofsteehaus weiter aufwärmte. Zwanzig Minuten vor geplanter Vorbeifahrt des "Cumbrian Mountain Express" ging ich hinaus. Gerade rechtzeitig, ich wunderte mich noch, wieso der Stellwerker draußen an seiner Tür stand, da hörte ich schon 45305 von hinten im Schnellzugtempo andampfen. Ich ließ alles inklusive Video-Stativ an Ort und Stelle fallen und erreichte im Sprint gerade noch in letzter Sekunde das Motiv. So hatte ich doch noch einen sehr glücklichen Ausgang des Tages und nahm den Eilzug Richtung Leeds und Hotel in Manchester.





Der nächste Morgen, Sonntag 7. 8., lief gemütlich an, Züge fahren da in UK ja meist erst ab 8 Uhr. Ich wollte nach Nordwales wechseln und wunderte mich in Piccadilly nur über das Polizeiaufgebot, dass den Pendolino nach London begleitete. Über die Ausschreitungen in der Nacht davor erfuhr ich erst später. Ein Cross Country Voyager brachte mich nach Crewe, wo mich als erste Überraschung die Leerfuhre meines Sonderzuges für den Nachmittag, "The North Wales Coast Express", erwartete und ausfuhr, mit 70013 "Oliver Cromwell" und einer 47er am anderen Zugende. Schon Aufnahmen im Kasten, setzte ich mich in einen Arriva Wales 175er, der mich direkt nach Bangor zu meinem Hotel brachte. Nach freundlicher Aufnahme machte ich mich gegen Mittag auf nach Llandudno Junction und den großen fotografischen Spielplatz, den die Conwy-Mündung mit gleichnamiger Burg und den Orten darum bildet. Da der "North Wales Coast Express" hinaus auf die Stichstrecke zum Seebad Llandudno fuhr, konnte ich ihn problemlos zwei Mal erwischen, zuerst an der Küstenstrecke auf die Halbinsel, dann beim Bowling Green vor Conwy Castle. Anschließend bewegte ich mich Richtung Llandudno für eine nette Bahn-Attraktion: Die Great Orme Tramway, eine zweiteilige Standseilbahn, die nach einem Unfall aus einer Straßenbahn umgebaut wurde. Herrliche Motive erwarteten mich in den steilen Gässlein mit lieblichen Häusern, Blumen, Palmen und Blick auf die Bucht von Llandudno, eines der besterhaltensten viktorianischen Seebäder. Leider war ich etwas übereifrig, übersah bergab bei einem Hauseingang eine Stufe und konnte nur mit Mühe Schaden von der Kamera fernhalten, nicht aber von Händen und rechtem Knie. Unten an der Talstation sprach ich das nette Ticket-Mädl an und wurde per Erste-Hilfe-Kasten versorgt. Nun wollte ich den Tag nur noch gemütlich ausklingen lassen und setzte mich in einen Bus nach Old Colwyn, zu einem Motiv, das uns ein Brite zur Zeitschrift In Vollen Zügen eingesendet hatte. Hier hatte man von der Straße aus vollen Ausblick auf Colwyn Bay und die Halbinsel von Llandudno mit dem Great Orme im Hintergrund. Der "North Wales Coast Express" sollte an der Station halten, also war ein herrliches Britannia Class Spektakel in Bild und Ton vorprogrammiert, und tatsächlich, "Oliver Cromwell" enttäuschte nicht!





Am nächsten Morgen nahm ich das Abenteuer Snowdon in Angriff, ich war schon einmal Mitte der 90er oben gewesen, nun war mein Plan vom Gipfel hinüber nach Rhyd Ddu zur Welsh Highland Railway zu wandern. Das Wetter war ab Nachmittag gut angesagt, davor nicht so toll, aber kaum Regen. In Llanberis wurde ich schon vor null Sicht am Berg gewarnt, ich nahm dennoch nur die einfache Fahrt. Nach ein bisschen Wartezeit, in der ich schon zwei Dieselzüge auf dem Viadukt kurz nach der Talstation erwischte, wurde ich in den ersten Dampfzug des Tages eingeteilt, welcher von der ältesten Dampflok der Snowdon Mountain Railway, #2 "Enid", geschoben wurde. Bis zur Hälfte der Strecke war es eine lustige Fahrt mit herrlichem Sound der Lok, auch wenn die dauernden Einspielungen eines Sprechers in Fantasyfilm-Manier mit der Zeit nervten. Danach tauchten wir in den Nebel ein, der kalte Wind drang durch die Ritzen der Türen. Kurz vor der Bergstation blieben wir noch dazu kurz liegen, nachdem der Dampfdruck wieder aufgebaut war, ging es weiter. Nach zwei Fotos versteckte ich mich in der Cafeteria, welche bei meinem letzten Besuch noch nicht erbaut war, und wartete erst einmal eine Stunde, ob etwas von Wetterbesserung zu sehen sein würde. Als sich nichts zeigte, entschloss ich mich zum Aufbruch und machte mich mit Hilfe von GPS auf den Weg durch Sturm und Nebel. Nach einer Eingewöhnungsphase war es eigentlich kein Problem. Der Weg nach Rhyd Ddu führte zunächst einen Grat entlang, sobald man auf der südöstlichen Seite wanderte, herrschte plötzlich Windstille und es war sehr angenehm. Dann ging es schon in sanfterem Terrain einen breiten Weg hinunter, eigentlich alles problemlos und vor allem trocken. Etwa auf Hälfte der Distanz hinunter, bei einer Bachquerung, verlor ich plötzlich den Weg, watete durch ein Moor, und just in dem Moment brach der zweite Extremschauer der Reise über mich hinein. Ich konnte nur noch den Regenschirm in den Wind drehen und hinter einem Felsen in Deckung gehen. Lustigerweise sah man von dort schon hinunter, es fand gerade die Kreuzung der verspäteten Welsh Highland Mittagszüge statt, der Klang der Garratt-Pfeifen drang bis zu mir. Da ich jedoch nicht ewig in dieser Position verharren konnte, und es schon etwas kalt wurde, musste ich doch weitergehen. Dank iPhone und GPS fand ich den Weg gleich wieder, ohne wäre ich wohl bis Rhyd Ddu wild gegangen. Kurz vor dem Ziel hörte der Regen wieder auf, es kam sogar unten im Tal die Sonne heraus. Trotzdem musste ich den Nachmittag abkürzen, verschob den Besuch von Beddgelert auf ein anderes Mal und fuhr geradewegs ins Hotel für eine warme Dusche. Am Abend nahm ich einen Bus nach Llanfairfechan, wo mich folgender Anblick mit dem 57er-bespannten Arriva Wales Cardiff - Holyhead Express alle Mühen des Tages vergessen ließ:





Am Dienstagmorgen stand ich früher auf, um die 57er mit Conwy Castle zu erwischen, anschließend hieß mein Ziel für den Tag Blaenau Ffestiniog, denn auch der "Welsh Mountaineer" sollte heute die Normalspurstrecke hinaufdampfen. Ein 150er brachte mich in das ehemalige Zentrum das Schieferbergbaus, in der Früh war es in den Bergen noch kalt, da ich ohnehin auf die ersten Züge warten musste, setzte ich mich in ein Lokal für ein Full English Breakfast. Den Vormittag verbrachte ich mit den langen Schmalspurzügen der Ffestiniog Railway, heute waren eine Diesellok und Doppel Fairlies im Einsatz. Gleich bei Ffestiniog findet man massenhaft Motive, sowohl in der Landschaft, als auch bei der Ortdurchfahrt. Dort konnte ich auch zwei walisisch sprechende Einheimische auf Video einfangen, kurz bevor die Neubau-Fairlie "Earl of Merioneth" vorbeigedampft kam. Zu Mittag nahm ich den Zug Richtung Llandudno eine Station durch den Tunnel bis Roman Bridge, in eine komplett andere, liebliche Tallandschaft. Mit einer Viertelstunde Verspätung donnerte 48151 an mir und einigen anderen Fotografen vorbei, ich erwischte gleich darauf den Bus zurück nach Blaenau Ffestiniog und sogar unvermutet den nächsten Ffestiniog-Zug hinauf am selben Bahnübergang wie vorhin, gezogen von der alten Doppel Fairlie "Merddin Emrys". Nach zwei weiteren Zügen in der Landschaft wanderte ich zur Ausfahrt des Sonderzuges Richtung Tunneleinfahrt, wo herrlich apokalyptische Motive mit den Überresten des Schieferabbaus und massiven alten Pfeilern warteten. Leider wurde das Video dazu wohl aufgrund niedrigen Batteriestandes nicht aufgenommen. Dennoch sehr zufrieden mit der bisherigen Ausbeute setzte ich mich sofort in den nächsten Bus und hatte den "Welsh Mountaineer" bis Llandudno Junction eingeholt. Nach Wassernehmen und Umsetzen legte die Mannschaft der 48151 ordentlich nach und eine massive Ausfahrt hin. Ich nahm mir nun gemütlich Fish & Chips, setzte mich an den Bahnhof und wartete auf den Zug nach Abergele & Pensarn, wo ich den letzten Abend in Wales ausklingen lassen wollte. Im Westen zeigte sich von Irland her schon die angekündigte Front, dennoch konnte ich noch perfekt im letzten Abendlicht die 57er aus Cardiff und ein paar andere Züge mit Formsignalen und Küste aufnehmen.





Der nächste Tag erwies sich als idealer Reisetag, es war eine Schlechtwetterfront angesagt, dennoch hatte ich auch ein bisschen Sonne zwischendurch. Die Nachrichten waren nicht erfreulich, überall Ausschreitungen, daher nahm ich eine Route ohne größere Städte quer durch das Land nach Stansted über Chester, Crewe, Stockport und Ely. Es war allerdings nicht das Geringste zu bemerken, nicht einmal in betroffenen Städten wie Nottingham gab es auch nur einen Polizisten mehr am Bahnhof. In Ely hatte ich wieder einmal Glück, es gab Sonne, zwei Güterzüge rauschten innerhalb der Wartezeit durch. In Stansted hatte ich mir ein Zimmer am Land, aber dennoch in Gehdistanz zum Flughafen, gebucht, am Abend wurde ich per Minibus abgeholt. Am nächsten Morgen wanderte ich um fünf den kurzen Weg zum Terminal, für den Easyjet Flug nach Tallinn, auf dem alles planmäßig verlief. Im Baltikum war schönes Wetter angesagt, also konnte den letzten Tagen des Urlaubs nichts mehr im Weg stehen. Perfekt waren auch die Gepäckfächer am Flughafen Ülemiste, also packte ich nur meine Sachen für eine Nacht in den kleinen Rucksack und konnte den Rest bequem verstauen. Ich hatte noch drei Stunden Zeit bis zum nächsten Zug Richtung Osten, die Bauarbeiten an der Strecke waren im vollen Gange, neben Gleissanierung werden auch die Stationen durch futuristisch aussehende Bahnsteige in geschwungenem Design ausgetauscht. Stadler-Triebwagen sind ebenfalls im Anmarsch, doch noch präsentierte sich alles ex-sowjetisch. Die Station Ülemiste liegt gleich neben dem Flughafen, ein großes Shopping-Center ist auch dabei, es ist also für alles gesorgt. Nichts wusste ich von der Geiselnahme im estnischen Verteidigungsministerium an dem Tag, offensichtlich verfolgten mich auf der Reise die Horrormeldungen - natürlich unterwegs unbemerkt. Nach drei Uhr kam endlich mein DR1B nach Tartu, die Fahrt verlief langsam, auf der Strecke wäre wesentlich mehr möglich, doch nach Baustellenfahrplan erreichten wir alles pünktlich. Der Fahrplan ist sogar so flexibel, dass man ihn noch 10 Tage im Voraus per Internet überprüfen sollte.
Diesmal hatte ich mir Tapa als ersten Fotopunkt ausgesucht, und der Reigen fing gleich nach meiner Ankunft an. Kaum Ausgestiegen, rollte schon die erste GE Dash-7 auf der anderen Seite des Inselbahnhofs, an dem sich die Strecken Richtung Rakvere und Tartu teilen, mit langer Tankwagenschlange vorbei.





Ich eilte so schnell wie möglich zur Ausfahrt des Güterbahnhofs Richtung Lehtse, wo ich letztes Mal gewartet hatte. Dort angekommen, begegneten sich vor meiner Nase zwei 2TE116 Doppelloks mit weiteren Zügen der rollenden Pipeline. Insgesamt sah ich jedoch wieder viel mehr Dash-7 im Einsatz, noch sieben weitere an dem Abend! Gerade als es Zeit war, zu gehen, und ich dachte, jetzt wäre es noch perfekt für einen Güterzug, kam auch schon eine GE den Berg hoch. Und am Weg zurück, genau bei einer Lücke mit Blick auf den Güterbahnhof, donnerte ein weiteres Doppel an mir vorbei. Ich kam gerade pünktlich zu meinem Zug nach Rakvere, eine GE verschob währenddessen im Gegenlicht. Nach kurzer Fahrt in Rakvere eingetroffen, was stand da? Ein westfahrender GE-Güterzug! Allerdings wollte der aus irgendeinem Grund nicht so bald weiter nach Westen fahren, obwohl die Strecke absolut frei gewesen wäre. Da mein Hotel nur wenige Fussminuten entfernt war, und ein spätes Check-In kein Problem, wartete ich geduldig und wurde fast eine Stunde später kurz nach Sonnenuntergang mit einer herrlichen Ausfahrt belohnt. Nur ein paar betrunkene Jugendliche störten ein bisschen, zwar nicht unfreundlich und meine Livebilder aus der Videokamera bewundernd, aber dem Alkoholpegel entsprechend laut.





Der nächste Morgen war wieder traumhaft, gleich zwei Güterzüge donnerten an mir vorbei. Diesmal stieg ich in Lehtse aus, wo die Sonne den Morgennebel durchbrach, als gerade der "Moskva-Express" Moskau - Tallinn vorbeirollte. Nun nahm ich den nächsten Zug nach Tapa, da mir hier die Ortsdurchfahrt mit Kirche und altem Bahnhof gefiel. Hier wurde ebenfalls fleißig an der Modernisierung gearbeitet. Kurz vor meiner Weiterfahrt fuhr noch eine GE mit langem Güterzug Richtung Rakvere aus. Ich nahm nun den Zug nach Tallinn, eine gute Wahl, denn dort herrschte noch besseres Wetter, und es ist auch über Mittag viel los. Ich zog wieder ein bisschen durch die Stadt und ans Meer, in das ich mich zumindest mit den Füssen wagte. Ein paar Alte sprangen sogar komplett hinein und planschten als wär es Karibik-warm. Am Nachmittag wechselte ich für den Zug nach Moskau wieder zur großen Bahn, ich hatte bei der Bahnhofsausfahrt ein paar Stellen entdeckt, die von der Straße aus zu erreichen waren. Nun, am Freitagabend, vollzog sich im schönsten Licht eine regelrechte Parade vor meinen Augen. Eine TEM2 verschob diesmal den Personenzug, welcher dann von der GO Rail TEP70 übernommen wurde. Ins Depot rollten sogar ein Dash-7 Pärchen und eine ChME3 vom Güterbahnhof Ülemiste, auf der Hauptstrecke herrschte der übliche Verkehr aus ER2 und DR1B. Einen der letzteren nahm ich dann, um wieder nach Ülemiste zu gelangen. Kurz darauf folgte ein ER2 in ältester Bauform nach Aegviidu bei schöner Abendstimmung. Eine Air Baltic Fokker 50 brachte mich wie letztes Jahr nach Riga, nur hatte ich dieses Mal schon den Abendflug gebucht, der genauso als Verbindung für den Weiterflug am nächsten Tag nach Wien gilt. In Riga nahm ich kurz nach 11 den Bus ins Zentrum, wo ich das Quartier gleich beim Bahnhof hatte.
Das Wetter am letzten Morgen war nicht so gut angesagt, doch ich raffte mich zu einer finalen Frühtour auf und wurde nicht enttäuscht. Der Morgennebel riss leicht auf und schaffte eine herrliche Stimmung an schon bekannter Daugava-Brücke. Diesmal ging ich näher an die Bahnbrücke am Ufer gegenüber der Stadt, ohne große Erwartungen an einem Samstagmorgen. Doch kaum angekommen, grummelte es schon, und eine 2M62 mit Monster-Güterzug rollte über die Brucke, innerhalb einer halben Stunde gefolgt von einer weiteren M62 mit Kranzug, einem 2M62 Lokzug und einigen ER2 Triebwagen. Ich kehrte durch die Stadt zum Quartier zurück, nahm meinen Rucksack und schaute vor der Abfahrt noch kurz zum Bahnhof. Dort hörte ich ein auffallendes Motorengeräusch, zunächst erwischte ich aber den gerade eingefahrenen Nachtzug aus Weißrussland, der mir bis jetzt nicht bekannt war, gezogen von TEP70. Doch am äußersten Gleis des Hauptbahnhofes stand tatsächlich eine 2M62 mit kilometerlangem Zug abfahrtsbereit. Unter heftigem Trommeln verabschiedete sie sich gebührlich, ein DR1A setzte noch einen schönen Schlusspunkt und ich konnte fröhlich zum Flughafen fahren, kaum glaubend, was in so kurzer Zeit alles vorbeikommen kann!


lg,
Roni

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