Autor Thema: Indien 2012 - 1: Punjab Mail, nicht in den Punjab  (Gelesen 3739 mal)

Roni

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Indien 2012 - 1: Punjab Mail, nicht in den Punjab
« am: 03. März 2012, 18:47:15 »
Hallo!

Das Video zum Bericht:
http://www.youtube.com/watch?v=Ln9ntoVBVts&hd=1

Für sämtliche allgemeine Informationen über indische Bahnen - ein paar werde ich natürlich auch in die Berichte einbinden - empfehle ich wärmstens die sehr umfangreichen Seiten meiner Freunde von IRFCA:
http://irfca.org


An elektronischen Fahrplantools kann ich diese beiden Seiten empfehlen:
http://www.trainenquiry.com - http://www.erail.in


Eine schematische Bahnkarte mit den Verwaltungszonen findet man hier (allerdings Achtung, wie auf vielen anderen Karten ist die fortschreitende Konvertierung von Meterspur in Breitspur nicht aktuell, hier ist im Norden leider fast nur noch das über, was ich in den folgenden Berichten zeigen werde!):
http://www.irfca.org/faq/faq-map-schematic.html


Vorbereitung

Schon seit mehr als 10 Jahren, als ich der indischen Eisenbahnfangemeinde IRFCA beitrat und den exotischen Ambitionen virtuell per MSTS frönte, war Indien eines meiner sehnsüchtigsten Reiseziele. Im Laufe der Zeit lernte ich per Internet viele Leute kennen, doch bis jetzt hatte ich nur einen persönlich getroffen - und das in Neuseeland! Immer wieder kam etwas dazwischen, zum Beispiel Winterdampf in China, doch diesen Februar sollte es nun endlich so weit sein. Im Winter natürlich deshalb, da hier die Trockenzeit in Indien herrscht, während im europäischen Sommer der Monsun seine Spuren zieht. Für Inder ist es zwar eher unverständlich, dass man nicht zur herrlich grünen Jahreszeit, die für sie viel schöner ist, kommen will, aber als Europäer ist, vor allem auf der ersten Reise - und das soll nicht die einzige Indienfahrt geblieben sein -, doch der monatelange, stabile Sonnenschein bei angenehmer Luftfeuchtigkeit von 30% vorzuziehen.
Als erste Vorbereitung buchte ich im November die Flugtickets, bei den Austrian Airlines sind Hin- und Rückflug bereits ab 600 Euro zu haben. Ich wählte Mumbai als Start- und Endpunkt, erstens kannte ich da mehr Leute und zweitens konnte ich so das graue Delhi vermeiden. Danach folgten der Bahnticketkauf und die größte Herausforderung, die Beschaffung der Eisenbahnfotogenehmigung. Diese ist in Indien zur Fotografie auf bahneigenem Gelände nötig, auch wenn man sich ohne manchmal lokal arrangieren könnte, bei einer Rundreise ist es auf jeden Fall empfehlenswert.
Als Fahrkarte nahm ich einen Indrail Pass, auch wenn einzelne Fahrkarten vermutlich etwas billiger kämen. Mit diesem nur für Touristen erhältlichen Pass kann man Reservierungen bereits ein Jahr im Voraus tätigen, und erhält sämtliche Reservationen gratis. Zudem sollte man zumindest theoretisch leichter an weitere Plätze kommen, falls benötigt. In Indien herrscht auf allen Langstreckenzügen bis auf die allgemeine 2. Klasse - nicht empfehlenswert - Reservierungspflicht. Kein Wunder, bei der Population - und die Bahn ist das billigste und beliebteste Verkehrsmittel. Je nach Strecke gibt es ein ausgeklügeltes Quotensystem, neben allgemeiner Quote auch für einzelne Personengruppen, zum Beispiel auf manchen Zügen für Touristen. Vor ein paar Jahren wurde zudem die "Tatkal"-Quote für Spontanbucher eingeführt, mit der man am letzten Tag vor Abfahrt gegen Aufpreis noch Plätze bekommen kann. An allen größeren Station findet man Reservierungscenter, wo die Restplätze für Züge in den kommenden Tagen oder Wochen aufgelistet werden. Neben dem bestätigten Status ("confirmed") kann man auch auf die Warteliste gelangen, ebenso wird einem pro Reservierung eine Passagiernummer ("PNR") zugewiesen, mit der man alle Informationen im Internet abfragen kann, wie etwa Wagen- und Platznummer.
In Indien gibt es einige Wagenklassen, die häufigsten sind neben allgemeiner zweiter Klasse: Sleeper (6 + 2 Abteile mit Vorhängen) bilden den Hauptteil des Zuges, A.C. Three Tier (identisch mit Sleeper, nur mit Klimaanlage) gibt es meistens drei Wagen, A.C. Two Tier (4 + 2 mit Klima, Vorhänge) meist ein Wagen, je nach Wichtigkeit der Verbindung. Zudem führen ein paar wichtige Züge First Class A.C., das sind absperrbare Viererabteile oder die im Schwinden befindliche First Class (unklimatisierte Abteile). Ich nahm jedoch nur einen bis AC II Tier (alte First Class auch inkludiert) gültigen Pass, da der für die erste Klasse mit 400 Dollar statt 200 für 21 Tage doppelt so teuer gewesen wäre und nur zwei Züge auf der Reise diese Klasse führten. Zudem gibt es noch einen sehr billigen Sleeper Class Pass, aber der ist nur für Abenteurer empfehlenswert, außerdem kann man da wirklich gleich die billigen Tickets einzeln kaufen.
Es gibt einige "General Sales Agents" der Indian Railways in Europa, ich bestellte von dem in Großbritannien inklusive einer Liste meiner Reservationen und bekam bald darauf den Pass, der noch an gute, alte handschriftliche Fahrkarten erinnert, mit einer hineingeklammerten Liste der Züge. Ebenso wurden mir die Reservationen bestätigt, PNRs und Platznummern bekam ich allerdings nicht, das muss ich nächstes Mal sofort anfordern, denn es hätte mir ein bisschen Mühe in den ersten Reisetagen erspart.


Die offiziellen Seiten des Indrail Pass.



Das eingeheftete Reservierungsblatt, die Nummern wurden dann später darauf geschrieben.




Nun aber zur Fotogenehmigung: Ich hatte im Jahr zuvor schon Kontakt mit Heinrich Hubbert von der Reiseagentur Real Indian Journeys gehabt, aufgrund seines Plans Meterspurdampf rund um Udaipur wiederauferstehen zu lassen. Dies kam leider nicht zu Stande, hoffentlich wird es in den nächsten Jahren noch etwas. Doch die Anfrage, ob er mir eine Genehmigung für die Reise beschaffen könnte, wurde bejaht, so trat ich in Kontakt mit Sumit Sharma und seinem als Dampflokfahrtorganisator bekannten Vater Ashok, die die Agentur in Delhi betrieben. Die Vorgehensweise war folgende, dass ich die indische Botschaft in Wien dazu bringen musste, meinen Brief an das indische Eisenbahnministerium weiterzuleiten, während die Agentur in Delhi das selbe machen würde, mit einer Vollmacht meinerseits, die Genehmigung für mich abzuholen. Ebenso war ein Visum von mir nötig. Nun denn, ich dachte mir nichts dabei und machte mich zunächst an die Visumbeschaffung, es war Ende November und für die Genehmigung sollte man etwa zwei Monate Spielraum zur Absolvierung aller Amtsgänge lassen. Im Internet konnte man sich ein neues Visumformular herunterladen, das eine absolute Zumutung ist. Ein Freund hatte mir erzählt, dass man kurz davor noch einen Zettel ausfüllen musste, das hatte gereicht. Nun musste man sich durch drei Seiten Kleingedrucktes kämpfen, in dem Fragen über eigene Religion, selbst Vater und Mutter und deren genaue Herkunft zu beantworten waren. Als Europäer hat man es noch gut, als Pakistani muss man bis zu Großvätern und Großmüttern gehen. Es hätte doch einfach eine Kreuzerlbox "Ich hatte noch nie etwas mit Pakistan zu tun" gereicht! Aber was soll's, jetzt weiß zumindest jemand in Indien mehr über mich, als es ein Amt in Österreich jemals tun wird - oder auch nicht, vermutlich verschwindet alles sowieso auf Ewigkeiten ungelesen...
Damit ging ich zur outgesourceten Visumstelle (in der auch Österreicherinnen arbeiten - Ironie der Globalisierung) und versuchte mein Visum für Februar zu beantragen. Dies klappte natürlich nicht, da man ein Touristenvisum nur zwei Wochen vor der Abfahrt bekommt! Die Damen dort diskutierten, und ich schrieb handschriftlich einen Brief an den Botschafter, um mein Anliegen darzulegen. Anschließend sandte ich von zu Hause noch ein Mail an die Hauptadresse der Botschaft. Natürlich kam keine Antwort, und am Anfang der nächsten Woche schaute ich persönlich im Hauptflügel der Botschaft vorbei. Es war ein von einem Sicherheitsmann abgesperrtes edel eingerichtetes Büro, ich setzte mich auf eines der eleganten Sofas im Warteraum. In der Ecke stand ein enormes Modell einer Rakete der Weltraumnation. Dort wurde ich von einer Mitarbeiterin empfangen, doch natürlich stößt man immer wieder auf das selbe Problem: kein Mensch hat auch nur die entfernteste Ahnung, dass es so etwas wie Eisenbahnfotografen auch nur geben könnte. Außerdem wollen Bürokraten auch nie von selbst Initiative oder Verantwortung übernehmen. Als die Frau dann auch noch begann, dass sie nach dem Durchlesen meines Briefes meinte, was denn da für ein verborgenes Ziel hinter meinem Vorhaben liegen könnte, dachte ich nur noch: Hilfe! Wie soll ich diese Leute jemals dazu bringen, den Brief abzuschicken? Doch ich konnte mich auch an Weisheiten bekannter erfahrener Indienreisender erinnern: 1. So stur die indische Bürokratie beim ersten Anlauf wirkt, letztendlich klappt doch alles irgendwie. 2. So abweisend Offizielle bei den Einreisevorbereitungen sind, so gastfreundlich sind die Menschen im tatsächlichen Land. Ich ging wieder, und wartete noch einmal auf E-Mail Antwort. Dann schickte ich wieder Mails, diesmal auch an den Konsularflügel der Botschaft. Am nächsten Nachmittag bekam ich dann einen Anruf von einem Beamten dort, der mich bat, gleich hinzukommen. Von halb fünf bis fünf ist hier Dokumentenausgabe, man taucht schon ein wenig in die indische Realität ein, denn dieser Bereich ist eigentlich nur für indische Staatsbürger gedacht. Es handelt sich um einen abgenutzten Amtsraum, von der Decke hängt immerhin ein kleiner Satellit. Der Herr machte mir zunächst einmal das frühe Visum möglich, auch den Brief könne er einschicken, aber erst mit einer Kopie des Visums. Am nächsten Tag wurde ich von der Visumstelle angerufen, und ich konnte es endlich beantragen, am 8. Dezember, einem österreichischen Feiertag - die indischen Einrichtungen halten sich an dortige Feiertage - , war angenehm wenig los. Beim Abholen allerdings eine ganze Menge, denn nun drängten sich die Weihnachtsreisenden. Gleich danach eilte ich in den Copyshop und es ging sich genau mit den Öffnungszeiten des Amtes aus, um alles aufzugeben. Es war Montag, der 12. Dezember, weniger als zwei Monate bis zum Reisebeginn und es hatte drei Wochen gedauert, bis an der Botschaft in Wien alles erledigt war. Nun ja, zumindest war ich nun um einige Erfahrungen reicher, nächstes Mal weiß ich immerhin, wohin ich mich wenden muss.
Letztendlich klappte alles problemlos, Ashok Sharma bekam die Genehmigung schon Anfang Jänner und schickte sie zu meinem Freund nach Mumbai, das Ministerium hatte tatsächlich weniger als einen Monat gebraucht! Die Weisheit Nummer 1 hatte sich also schon bewahrheitet, und auch Nummer 2 sollte sich auf der Reise hundertfach bestätigen. Für meine Freunde hatte ich ein paar Geschenke im Gepäck, Fotobücher und Kalender, ein paar Papierbilder zum Herzeigen und -schenken, auch für Eisenbahner, und sogar eine Modellbahnlok für meinen ältesten Bekannten in Indien, I.S. Anand in Mumbai.


Die Fotogenehmigung von höchster Eisenbahninstanz in voller Pracht:





Zum ersten Mal habe ich gleich während der Fahrt Tagebuch geführt, also bitte schön, hier sind die Live-Berichte:


2. 2. 2012

Am Morgen des 2. 2. 2012 ging es endlich los, gerade in der ersten Phase bitterkalten Winters in Wien. Die Sonne stieg rot auf und die Dämpfe der Raffinerie Schwechat materialisierten sich plastisch bei der Anfahrt zum Flughafen. Das Check-In ging blitzschnell, bei der AUA ist alles automatisiert, man muss nur noch das Gepäck abliefern, falls nötig. Ich hatte nun genug Zeit, etwa eine Stunde vor Boarding ging ich Richtung Gate, nach einer schnellen Passkontrolle hieß es wieder warten, der Sicherheitscheck erfolgte erst am Gate. Nachdem ich mein Gepäck gründlich durchleuchten ließ, inklusive Roco-Railjet-Taurus, nahm ich im Warteraum Platz. Etwas mehr als die Hälfte der Passagiere waren indischer Abstammung, inklusive einer Truppe aus Frankreich, bei der es offensichtlich Pflicht war zumindest eine grell-pinke Verzierung an der Kleidung zu tragen. Die Europäer teilten sich in eher gehobenere Klasse, Business-Passagiere und die in Indien üblichen Alternativ-Reisenden auf. Pünktlich wurden wir in Tranchen in die Boeing 767-300ER gelassen, ich nahm meinen reservierten Sitz 11D in der ersten Reihe der Mitte der Economy Class ein. Ich hatte beim Buchen keine Ahnung, wie es dort wirklich aussehen würde, aber die Spekulation zahlte sich aus. Ich hatte zwar teilweise eine Wand vor den Füssen, aber auch ein Eck, in das ich mich ganz ausstrecken konnte. Noch dazu war der Sitz neben mir in der mittleren Dreierreihe leer, am anderen Ende saß ein Geschäftsreisender, der fast den ganzen Flug lang auf seinem MacBook eine Tabelle bearbeitete. Anfangs gab es leichte Probleme mit dem Unterhaltungsprogramm, das ganze System musste neu gestartet werden, dann konnte ich aber den „Gestiefelten Kater“ in ganzer Länge genießen, dazu wurden gar nicht einmal schlechte Shrimps mit Reis und Spinat serviert. Irgendwann muss man ja einmal nachholen, was man ansonsten nie anschauen würde. Unser Kärntner Käpt’n sagte uns eine Flugzeit von nur 7 Stunden voraus, und die musste ja ausgefüllt werden. Die Route führte bei Constanta auf das Schwarze Meer, nördlich von Ankara durch die Türkei, über Bagdad und Kuwait in den Golf und den iranischen Luftraum meidend über Dubai in den Indischen Ozean, immer ein wenig der Küste entlang an Karachi und Gujarat vorbei.


Unsere Flugroute von OS35 Wien Schwechat - Mumbai am Entertainmentsystem.




Kurz vor der Landung wurde uns eine verfrühte Ankunft um 22:30 Ortszeit (die indische Standardzeit liegt 4:30 vor der mitteleuropäischen Zeit) verkündet. Tja, ohne die Rechnung mit dem Chhatrapati Shivaji Flughafen gemacht zu haben. Es lief alles glatt, wir näherten uns der bis dicht an die Rollbahn mit Häusern vollgestopften Halbinsel von Mumbai – ehemals Inseln, welche künstlich verbunden worden waren. Nach dem Touchdown waren wir auf dem Weg zum Gate, doch dann standen wir plötzlich. Einige Passagiere begannen schon ihr Handgepäck zusammenzusuchen, doch eine Flugbegleiterin alarmierte den Kapitän, welcher wiederum die Information ausgab, dass die Final Parking Position noch blockiert war. Nach ein paar Minuten ging es wieder weiter, bis wir auf das nächste Hindernis stießen: der Jetway am Terminal, welcher offensichtlich nicht benutzt werden konnte, war so nah am Flugzeug geparkt, dass es nicht möglich war, die Rollstiege an das Flugzeug zu docken. Nachdem wir so etwa eine halbe Stunde vergeudet hatten, ging es endlich per Bus (Cobus 3000 – überall zu finden) zum nahen Terminal. Hier liefen mir gleich die diversesten Uniformen über den Weg, am imposantesten fand ich den Zollbeamten, der wie ein US-Marineoffizier in Ausgehuniform ganz in Weiß gekleidet war. Zunächst musste man aber an den Einreiseschalter, im Flugzeug hatte man noch ein weiteres Formular ausfüllen müssen. Der sehr nette ältere Herr, der mich bediente, brauchte zwar etwas länger, um meine Daten einzutippen, ansonsten gab es aber außer ein paar freundlichen Fragen nichts zu bewältigen. Der Rucksack war bald vom Förderband abgeholt, und so blieb mir nur noch das Geldwechseln über. Mir wurde dringend geraten, dies bei der Staatsbank zu machen, da alle anderen Unternehmen Kommission verlangen würden. Ich wechselte 600 € bei einem Kurs von 62 Rupien / 1 Euro und ging nun endlich hinaus in die Ankunftshalle, wo Heerscharen von Taxifahrern mit Schildern warteten. Prepaid Taxis konnte man bereits kurz vor der Empfangshalle bestellen, doch ich hatte mir vom Hotel aus ein Pickup-Service bestellt. Der freundliche Fahrer wartete gegen Ende der Schlange auf mich und schob alsbald meinen Gepäcks-Trolley zu seinem Wagen am geräumigen Parkplatz. Ich hatte AC nicht für nötig befunden, und so kam ich zu einem etwas abgeschundenen Hyundai-Kleinwagen. Eine Rücklichtabdeckung fehlte – ein häufiges Merkmal bei Mumbaier Taxis, und auf der Rückbank hatte ich zwar einen Gurt, aber die Halterung am Sitz war bereits herausgerissen. Na gut, vielleicht ist es ohnehin besser, wenn man sich schneller retten kann, dachte ich mir. Der Fahrer bezahlte die Parkgebühr bei der Ausfahrt, und ein paar Meter darauf hatten wir schon einen Beinahe-Unfall. Ein eleganteres Auto vor uns, das lieber in der Mitte als auf den Fahrstreifen fuhr – ein häufiges Phänomen – hätte uns fast geschnitten. Zur Einführung in den indischen Verkehr muss man folgendes wissen: es wird hier im Echolot-Verfahren gelenkt, das heißt ohne Hörsinn kann man das Vorhaben gleich aufgeben. Sobald man sich schräg hinter einem Fahrzeug befindet und vorbeifahren will, fängt man an zu hupen, bis man sicher ist, dass der Vordermann von einem Notiz genommen hat. Bei den meisten Lastwagen steht hinten auch „Blow Horn OK“ oder ähnliches darauf. Mein Fahrer hatte Videospiel-ähnlich den Daumen immer auf der Hupe, und so stürzten wir uns in den mitternächtlichen Verkehr. Nur einmal gerieten wir in einen Stau aufgrund eines Unfalls, das Unfallfahrzeug stand kaum beschädigt quer über der Straße mit Warnblinkern, die Insassen standen sich gemütlich unterhaltend daneben. Ansonsten ging es aber sehr zügig voran, mit 70-80 Sachen durch die Stadt, manchmal entstanden da schon mulmige Gefühle. Bei Tag kann man wenigstens nicht so schnell fahren, und die Ampeln stehen nicht auf Blinklicht (auch wenn sie ohnehin oft ignoriert werden). Außerdem sind selten Fahrstreifen frei, so dass Überholmanöver über Sperrlinien oder überhaupt Fahrten auf der falschen Fahrbahn nicht so häufig vorkommen. Die Fahrt dauerte trotzdem eine Stunde, da mein gebuchtes Hotel im Viertel Colaba fast an der Spitze Mumbais lag. Vorbei an Bandra und über den imposanten Marine Drive an Chowpatty Beach entlang näherten wir uns dem Ziel. Recht nah davor erlebte ich noch einen Beinahe-Unfall, zwei Autos fuhren an einer Kreuzung im rechten Winkel aufeinander zu und blieben nur durch Notbremsungen in zwei Meter Abstand voneinander stehen. Ich erreichte mein Hotel in einem alten Villenviertel nahe des Gateway of India jedoch heil. In einem herrlichen, alten Stahlkäfigaufzug ging es zu meinem durch ein Vorhangschloss gesichertes Zimmer, dies ist, wie ich später herausfand, allgemein bei Wohnungen üblich. Das Zimmer hatte gut und schlechte Seiten, so war der Boden sauber, es hing ein LCD-Fernseher an der Wand und es hatte ein privates Badezimmer, furchtbar war dagegen das nicht vertrauenswürdig aussehende Bettzeug auf einem steinharten Bett. Letzteres machte mir weniger aus, doch ich legte mich doch lieber auf eigene Sachen und die zur Verfügung gestellten Handtücher. Dazuschaltbare Klimaanlage hatte ich mir keine bestellt, und sie war auch nicht nötig, in der Nacht hatte es unter 25 Grad, und ein lauter Deckenventilator ist zur Not sowieso meistens da.


Mein Zimmer der ersten Nacht, das einzige, das ich anhand eines Reiseführers gebucht hatte.





3. 2. 2012

Bald begab ich mich zur Nachtruhe, welche aufgrund des Jetlags auch nur aus Ruhe bestand. Zudem waren vor und auf dem Fenster eifrige Krähen zugange, ein Phänomen, das mir auch später noch anderswo auffiel. Dennoch konnte ich ruhen, bis mich mein Freund und legendärer Mumbai-Eisenbahnfreund Anand anrief, wann er mich abholen könnte. Letztendlich war es schon nach 12 Uhr, bis er eintraf, er hatte sich eineinhalb Stunden durch den Verkehr gequält. Ich wartete schon vor der Tür, denn die meisten indischen Hotels werden von 12 bis 12 am nächsten Tag gebucht. Die ruhige, vornehme Nebenstraße Oliver Road offenbarte schon einiges vom indischen Leben. Einige verschiedene Charaktere kamen vorbei, darunter Taxifahrer, die in der touristischen Gegend nach Kundschaft suchten. Einer bot mir sogar an, mich bis Bangalore zu führen – eine recht weite Fahrt über mehr als tausend Kilometer! Am Ende der Straße stand ein Schrein mitten am Gehsteig, daneben warteten ein paar weitere Taxis.


Oliver Road in Colaba, Mumbai.



Sehr reifenfreundlich!



Hier sind schöne, alte Villen vorherrschend.



Pay & Park... selbst hier entkommt man der indischen Realität nicht.




Doch mein Freund kam schon, zunächst musste ich nach Mumbai Chhatrapati Shivaji Terminus (CST), von den Einheimischen immer noch VT (Victoria Terminus) genannt, um meine Reservierung für den abendlichen „Punjab Mail“ zu bestätigen. Parkplätze gibt es am größten Gebäude des britischen Raj nicht, so riskierten wir es und parkten uns vor ein paar Regierungsfahrzeugen ein. Schnell machten wir uns auf die Suche nach dem Central Railway Touristen-Büro, doch dieses sollten wir nie zu Gesicht bekommen. Selbst die Auskunft hatte keine Ahnung, wo es sich befinden könnte. Stattdessen suchten wir einen herkömmlichen Schalter auf, die Dame dahinter ging kurz mit meinem Indrail-Pass weg, kam bald zurück und bestätigte danach meinem Platz im 2AC Wagen Nummer A1, Platz 31. Das Auto war ebenfalls noch nicht abgeschleppt worden, und so begaben wir uns entlang der alten Harbour Line, einer Vorortstrecke, zur Wohnung im Stadtteil Chembur. Jetzt bekam ich noch stärkere Eindrücke des Verkehrs, die brenzligen Situationen blieben im dichten Verkehr untertags und auf Grund defensiverer Fahrweise aber aus. Dafür war nun das gesamte Spektrum an Vehikeln und Menschen im Einsatz. Im Stadtzentrum hielt es sich noch in Grenzen, da hier unter Tags keine Lastwägen verkehren dürfen, doch außerhalb ist die Hölle los. Man kann sich die Fahrbahn als massiven Shared Space vorstellen, auf dem von Handkarren bis zu Bussen alles verkehrt. Das positive am indischen Verkehr ist die Macht der Fußgänger, Autos bleiben stehen und an engen Straßen oft auch geduldig hinter einem. Dafür kann man bei Rot mit dem Auto kaum stehenbleiben, da man sonst von hinten nicht nur angehupt, sondern eventuell auch angefahren wird. Das extravaganteste Vehikel war ein von zwei Kühen gezogener Karren auf dem ein zeremonielles Pfauenboot transportiert wurde. Später sah ich vermutlich dieselben zwei Kühe etwas weiter die Straße hinunter angebunden, ansonsten keine einzige in ganz Mumbai.


Ein Engpass muss bewältigt werden, auf der Fahrt von CST nach Chembur.



People & Goods Mover.




So ging die Fahrt voran, durch ein muslimisches Viertel, und weiter die Bahnstrecke entlang, welche von sehr ärmlichen Barrackenbauten gesäumt wurde. Nach weniger als einer Stunde erreichten wir Chembur, eines der reicheren Viertel in Mumbai, dennoch mit großem Angebot an Straßenbuden und enorm viel Leben auf der Straße. Ich konnte mich nun in der Wohnung ausrasten, kurz vor sechs machten wir uns auf den Weg zurück zum Zug. Von Karthik, einem jungen Eisenbahnfreund, hatten wir erfahren, dass der Punjab Mail von einem neu gebauten Teil des CST abfahren würde. Dieser liegt in einer komplett leeren Pampa und würde Parkplatz für hunderte  Fahrzeuge bieten. Diese Bahnsteige wurden geschaffen, da die neuen 28-Wagen-Züge mehr Platz benötigen als im alten Kopfbahnhof vorhanden. Das Eingangsgebäude befindet sich etwa auf der Höhe des achten Wagens, dies sollte man bedenken, wenn man einen Zug von hier nimmt, denn der Fußmarsch vom Hauptterminal ist kilometerweit. Hier wird in einer Sicherheitskontrolle das Gepäck durchleuchtet, und mein Freund besorgte sich eine Bahnsteigkarte, um mit mir zu warten. Beides komplett sinnlos, der Fahrkartenverkäufer meinte sogar: „Wozu kaufst du die Karte? Geh doch einfach rein!“. Das Eingangsgebäude liegt nämlich komplett unabgeriegelt am Bahnsteigrand, man kann einfach daran vorbeimarschieren, und das bequemer!


Blick vom Parkplatz auf den Bahnsteig in CST neu.



Hier kann man einfach so Waren verladen und natürlich reinmarschieren, im Hintergrund die Kuppel des großartigen Bahnhofes im täglichen Abend-Smog - am Ende der Reise werden wir hier auf Sightseeing gehen!




Auf der Fussgängerbrücke begrüßte uns der Muezzin mit seinem Ruf, ich war nun voll in Aufbruchsstimmung, wie kann es auch etwas anderes als eine große Reise sein, wenn man mit einem Zug mit klingendem Namen „Punjab Mail“ aufbricht. Nun hatten wir noch mehr als genügend Zeit und setzten uns auf eine Bank am Bahnsteig, wo mein Zug einfahren sollte. Die Wagenpositionen werden auf den Bahnsteigen für Expresszüge kurz vor der Einfahrt durch digitale Displays angezeigt, welche zwischen Zug- und Wagennummer wechseln. Ich füllte meine Wasserflaschenreserven auf, danach beobachteten wir, wie eine betagte WCG-2 mit typischem Heulen einen Personenzug hereinzog. Diese Baureihe sollte eigentlich schon seit Jahren offiziell abgestellt sein und kann jetzt nur noch auf ein paar Kilometern Gleichstromnetz ab CST eingesetzt werden, alles andere wurde auf Wechselstrom umgestellt. Die indische Bahn ist in mehrere Verwaltungszonen eingeteilt, zwei davon gehen klassisch von Mumbai weg, die Western Railway nach Norden und die Central Railway von CST nach Osten, die ich nun nehmen würde, in neuerer Zeit kam Richtung Süden ab dem Ende des Ballungsraums die Konkan Railway dazu. Durch die Nachfrage entstanden im Laufe der Zeit immer mehr Terminals in Mumbai. Die Loks sind in diversen Traktionsstandpunkten ("Shed") stationiert, von denen jeder offensichtlich freie Hand beim Design hat, was die Vielfalt interessant macht. Die lange Wagenschlange meines Zuges wurde von einer WDM-2 aus Kurla in klassisch-braunem Anstrich als Verschublok hineingezogen (siehe Video). Die indischen Lokomotivreihenbezeichnungen setzen sich aus drei-vier Buchstaben und einer Ordnungszahl zusammen. Die erste Stelle bezeichnet die Spurweite: W - Breitspur, Y - Meterspur, Z - 760 mm Schmalspur und N - 600 mm Schmalspur werden wir während der Reise kennenlernern. Die zweite und eventuell dritte Stelle bezeichnet die Traktionsart: D - Diesel, A - Wechselstrom, C - Gleichstrom, CA - Zweistromlok. Die dritte/vierte Stelle zeigt einem letztendlich den Einsatzzweck an: P - Personenzüge, G - Güterzüge, M - gemischter Einsatz, S - Verschub. Mein Wagen befand sich relativ weit hinten an zwanzigster Position. Ich war der erste im Waggon, fast eine Stunde vor der Abfahrt, überhaupt gestaltete sich alles wesentlich bequemer und unhektischer als von mir vorgestellt. Das Abteil gleicht in etwa einem europäischen Viererliegewagen, nur ist es im 2AC durch Vorhänge vom Gang getrennt. Gegenüber gibt es noch zwei Sitze oder in Nachtposition Betten entlang der Wand, welche ebenfalls über individuelle Vorhänge zum Gang verfügen. Durch die Breitspur ist alles etwas geräumiger als in Europa, Platz für Gepäck gibt es in diesen Abteilen nur unter den unteren Betten. Hier findet man auch Stahllaschen, an denen man die Gepäckstücke sichern konnte, was ich bei meinem großen Rucksack auch tat. Ebenfalls wird geraten, die Schuhe nicht in der Nacht unter den Betten stehen zu lassen, zumindest nicht so schöne Trekkingschuhe wie ich sie für die Reise gekauft hatte. Schon lange vor der Abfahrt liefen die offiziellen und inoffiziellen Verkäufer („Wallahs“) durch den Zug, Chai - ein süßer Tee mit enormem Milchanteil und Gewürzen wie Ingwer - , Kaffee, Tomatensuppe, Knabbersachen, selbst USB-Sticks werden so direkt an den Platz geliefert. Während der Fahrt sah ich eigentlich nur von der Bahn offiziell sanktionierte Verkäufer in meinem Wagen.


Die 1930 km Route des 12137 "Punjab Mail" bis Firozpur Cantt. (Cantonment = eine militärische Siedlung), Ankunft an Tag 3 um 5:40, ich fuhr nur 1232 km bis Gwalior. Wie auf anderen Karten kann man die Spurweiten ignorieren, es wurde viel Meterspur ersetzt, aber die Schmalspurbahn Gwalior - Sheopur Kalan lässt sich schon erkennen.



1 CSTM Mumbai CST 19:40 CR 0 1
2 DR Dadar Cr 19:53 19:55 2 CR 9 1
3 KYN Kalyan Jn 20:35 20:40 5 CR 54 1
4 KSRA Kasara 21:43 21:45 2 CR 121 1
5 IGP Igatpuri 22:28 22:30 2 CR 137 1
6 DVL Devlali 23:08 23:10 2 CR 182 1
7 NK Nasik Road 23:23 23:25 2 CR 188 1
8 MMR Manmad Jn 00:25 00:30 5 CR 261 2
9 CSN Chalisgaon Jn 01:18 01:20 2 CR 328 2
10 JL Jalgaon 02:23 02:25 2 CR 421 2
11 BSL Bhusaval Jn 02:55 03:05 10 CR 445 2
12 BAU Burhanpur 03:48 03:50 2 CR 500 2
13 KNW Khandwa Jn 05:05 05:10 5 CR 568 2
14 KKN Khirkiya 05:58 06:00 2 WCR 645 2
15 HD Harda 06:23 06:25 2 WCR 676 2
16 BPF Banapura 07:00 07:02 2 WCR 719 2
17 ET Itarsi Jn 07:40 07:50 10 WCR 752 2
18 HBD Hoshangabad 08:08 08:10 2 WCR 770 2
19 HBJ Habibganj 09:18 09:20 2 WCR 838 2
20 BPL Bhopal Jn 09:35 09:40 5 WCR 844 2
21 BHS Vidisha 10:18 10:20 2 WCR 897 2
22 BAQ Ganj Basoda 10:48 10:50 2 WCR 936 2
23 BINA Bina Jn 12:10 12:15 5 WCR 982 2
24 LAR Lalitpur 12:57 12:59 2 NCR 1045 2
25 BAB Babina 13:42 13:44 2 NCR 1109 2
26 JHS Jhansi Jn 14:20 14:30 10 NCR 1135 2
27 DAA Datia 14:50 14:52 2 NCR 1159 2
28 DBA Dabra 15:15 15:17 2 NCR 1190 2
29 GWL Gwalior Jn 16:00 16:05 5 NCR 1232 2



Mit leichter Verspätung ging es los, am ersten Stopp Dadar kam eine Familie in meinem Abteil dazu und Karthik schaute kurz mit einem Freund zu mir hinein, um Hallo zu sagen. Bald schon wurden die Karten kontrolliert, nach Essenswünschen gefragt – es gibt drei offizielle Mahlzeiten am Tag, der Zug verfügt auch über einen Speisewagen – und das Bettzeug bestehend aus zwei Leintüchern, Kopfpolster und warmer Decke gebracht. Diese ist auch nötig, denn die Klimaanlage kühlt schon ordentlich. Wer seine Jacken und Pullover bei einer Reise ins warme Indien zu Hause lassen will, dem sei gründlich davon abgeraten! Schon mit dem Flug beginnend gibt es einige sehr böse Klimaanlagen, dazu wird es im Norden im Winter des Nächtens ziemlich kalt. Bald schon legten sich alle hin, die Vorhänge wurden zugezogen und das Licht ausgemacht. Der Waggon war erstaunlich laufruhig, und auch sonst gab es kaum laute Geräusche, nur gelegentlich düste ein Gegenzug mit Pfeifen-Dopplergeräusch vorbei. In Nashik wurde der vierte Liegeplatz von einem Mann belegt, der etwas ungeschickt alles verstaute, und einmal kam kurz ein extrem schlecht miefender Betrunkener durch den Vorhang getorkelt, aber sonst gab es keine besonderen Vorfälle. Die Verkäufer stellen während der Nacht ebenfalls ihren Betrieb ein, also wird man nicht weiter gestört, Ohrenstöpsel sind trotzdem für die absolute Ruhe empfehlenswert.



4. 2. 2012

Am nächsten Morgen wachte ich in einer Traumlandschaft kurz vor Sonnenaufgang auf, Silhouetten von Palmen, anderen Bäumen, Menschen und Gebäuden waren in ein tiefes Gelb-Orange getaucht. Bald schon erhob sich ein roter Feuerball aus dieser um diese Jahreszeit staubig-trockenen Umgebung (siehe Video). Wir hielten gerade in Harda und hatten etwa 25 Minuten Verspätung. Bis zum nächsten größeren Halt, Itarsi Jn, wurde diese auf 15 Minuten gedrückt, erhöhte sich anschließend aber wieder auf 45 Minuten, ohne wirklich erkennbaren Grund. Nach Hoshangabad überquerten wir den Fluss Narmada auf der ersten größeren Brücke meiner Reise, später würde ich eine andere große Brücke an diesem Fluss als Motiv haben. Diese werden in Indien aus Paranoia meist so gebaut, dass die Gleise auf separaten Brücken geführt werden, in dem Fall wurde das andere Gleis als Fußgängerweg genutzt. Es folgte eine einsame "Ghat" (Berg)-Sektion, dominiert von vertrockneten Bäumen, dazwischen hohes, trockenes Gras. Danach wieder im Flachland tauchte ich endlich in das richtige, ländliche Indien ein, wie man es sich vorstellt: kaum Autos, viele Motor- und Fahrräder, viele Kühe am Straßenrand und natürlich überall Menschen, die an allen möglichen und unmöglichen Orten ihren Alltagstätigkeiten nachgingen. Seien es Frauen in farbenprächtigsten Kleidern, die auf ihren Köpfen Baustellenlasten balancieren, oder Burschen, die am Gleisrand Kricket spielen. Die Einfahrt in Bhopal, in trauriger Berühmtheit durch eine der weltgrößten Chemiekatastrophen in den 80ern, war dominiert von ärmlichen Barracken. Hier kreuzten wir den „Link Express“ von Hazrat Nizamuddin (ein Bahnhof in Delhi) mit Wagen nach Hyderabad und Vishakapatnam. Anschließend ging es weiter Richtung Bina, 20 Minuten nach Bhopal kam uns ein Rajdhani, die traditionell schnellste indische Nachtzugart, mit klassischen Wagen in rot-weißer Lackierung entgegen. Hier wird ein drittes Gleis gebaut, eingesetzt werden neben Muskelkraft auch auf Schienenverkehr konvertierte Tata-LKWs. Entlang der gesamten Strecke kamen mir neben den ellenlangen Expresszügen auch Güterzug nach Güterzug entgegen, gezogen von diversesten Baureihen. Hinter Bina hatten wir auf einmal nur noch zwanzig Minuten Verspätung, in Indien sind oft große Pufferzeiten in die Fahrpläne einkalkuliert, zum Beispiel sogar bis zu einer Stunde für zehn Kilometer, um große Verspätungen an den Endbahnhöfen zu vermeiden – was natürlich nicht immer gelingt. Nun bekam ich meine erste Bahnmahlzeit serviert, bekannterweise in gewöhnlichen Zügen nicht besonders gut, aber man konnte es vertragen. Man hat die Wahl zwischen „Veg“ und „Non Veg“, also vegetarisch oder nicht, wobei NV tatsächlich kein Gemüse enthalten soll. Ich hatte vegetarisch bestellt und bekam drei verschiedene vegetarische Gerichte am Tablett, dazu Reis und Fladenbrot im Plastiksackerl. Der Speisewagen („Pantry“) war am anderen Ende des Zuges, das wollte ich mir doch nicht antun. Der nächste große Bahnhof, Jhansi Jn, hatte seinen auf Stickern proklamierten Ruf als „cleanest station“ nicht zu unrecht, der Boden glänzte, es wurde das Bahnsteigdach weitergebaut, per Betonmischer und Eselskraft. Nun ging es erneut über eine „Ghat Section“ via Datia und Dabra, auf der die verschiedenen Streckengleise manchmal in psychedelischer Weise verschieden geführt wurden und sich gelegentlich im rechten Winkel übereinander kreuzen. Nun war es aber Zeit, sich zum Aussteigen bereit zu machen, Gwalior nahte. Das erste Mal in einer indischen Station alleine mit der Menschenmenge ist natürlich ein gewisser Kulturschock. Doch es ist alles gut gepflegt und angeschrieben, jetzt musste ich nur die Reservierung für den nächsten Tag bestätigen lassen. Wieder einmal ein kleiner Spießrutenlauf, bei dem wieder einmal niemand so richtig wusste, was er mit dem Indrail Pass und den darin inkludierten Reservierungen anfangen sollte. Im Nachhinein bemerkte ich, dass sie mir dort eine neue Reservierung statt meiner schon bestehenden gaben.


Meine unnötige neue Reservation für den 12001 Bhopal - Delhi Shatabdi, den schnellsten Zug Indiens - mit Zement-Werbung!



Ich erfuhr die indische Variation des Schlangestehens aus erster Hand, man kommt zum Schalter und schon drängen sich von links und rechts Leute neben dir zum Fenster, unter anderem schmiegte sich ein Alter mit Turban etwas zu eng für meinen Geschmack an mich. Nach ein bisschen Wartezeit bekam ich dann meine Confirmation und machte mich auf den Weg zum Hotel, in Gehweite zum Bahnhof. Hier ist schon noch eine andere Welt als in Mumbai, nur Staub am Strassenrand, fast nur Autorickshaws im Strassenverkehr. Ich musste einen Kreisverkehr überqueren, man kann sich einfach nur dem Verkehr entgegenstellen und hoffen, dass die Leute stehenbleiben (was sie auch tun). Einfach echter „Shared Space“. In einer Nebenstrasse befand sich mein Hotel, neben ein paar anderen. Das Leben an jeder Ecke ist auch dort einfach faszinierend. Im Hotel wurde ich sehr freundlich und bevorzugt begrüßt, gratis WLAN gibt es auch. Das Zimmer war in Ordnung, wenn auch nicht am frischesten Renovierungsstand. An Wasser gab es nur die Auswahl zwischen kalt und nicht ganz so kalt. Ansonsten war die Ausstattung gut, auch ein Heizlüfter gehörte hier dazu, denn in der Nacht wird es doch kühl, unter Tags hat es meist angenehme 20-25°. Am Abend kam ein Herr des Autovermieters, den ich am nächsten Tag beanspruchen würde, zum Hotel, um extra mit mir die doch eher unkonventionellen Pläne zu besprechen. Wollen wir einmal hoffen, dass es auch klappt!
lg,
Roni

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