Autor Thema: Indien 2012 - 2: Gwalior - Zug ebener Erd und erster Stock (50 B.)  (Gelesen 3638 mal)

Roni

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Hallo!


Der vorherige Reportageteil:
Indien 2012 - 1: Punjab Mail, nicht in den Punjab
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=3176.0


Das Video zur Reportage:
http://www.youtube.com/watch?v=Ln9ntoVBVts&hd=1




5. 2. 2012

Ich stand um 5:25 auf und machte mich kurz frisch, gröberes Duschen würden erst am Abend Sinn ergeben. Mein Fahrer rief mich um Punkt 5:45 an, dass er vor dem Hotel wartete, ich ging um 5:55 hinunter. Es erwartete mich der sehr nette und zurückhaltende Salim, der mich in seinem Tata Indica sicher und geschickt durch den Vormittag sowohl in der Stadt als auch in entlegene Dörfer führen würde. Wir nahmen die um die Uhrzeit leeren Hauptstraßen, bis das erste Highlight der Schmalspurbahn Gwalior - Sheopur Kalan erreicht war: der vermutlich längste Bahnübergang Indiens. Südlich vom Fort Gwaliors führen sowohl die Bahn als auch eine Straße, obwohl die momentan den Namen nicht wirklich verdient – nicht aufgrund Mangels an Verkehr! – durch eine herausgesprengte Schlucht. Diese wird bei der Zugdurchfahrt gänzlich abgesperrt. Wer drinnen gefangen ist, was natürlich immer passiert, hat allerdings mehr als genug Platz, auf der Seite stehen zu bleiben. Noch im Dunkeln kamen wir am Schrankenwärterhäuschen an. Auch wenn Salims Englischkenntnisse begrenzt waren, er bezog bei jedem Stopp sofort die lokale Bevölkerung in Konversationen mit ein, so auch die Schrankenwärter. Nach einer Fotogenehmigung wurde übrigens nie im Leben gefragt, eher nach dem Gegenteil, davon aber später mehr. Beim Warten faszinierte mich das geisterartige Spiel der Scheinwerfer vorbeifahrender Fahrzeug im Staub. Der Zug war pünktlich um 6:25 am Hauptbahnhof von Gwalior weggefahren, und durchquerte nun in der Dämmerung grummelnd die Schlucht. Leute auf Waggons gab es wie erwartet hier keine, dies würde sich aber ab der gleich folgenden Station Ghosipura schlagartig ändern.


Der Fahrplan des Zuges 52171 Gwalior - Sheopur Kalan, genau 200 km auf 610 mm Schmalspur in 10 Stunden Fahrzeit:
52171,GWL SOE PAS

1 GWO Gwalior Ng 06:25 NCR 0 1
2 GOPA Ghosipura 06:46 06:47 1 NCR 4 1
3 MTJL Motijheel 07:05 07:06 1 NCR 8 1
4 MIAL Milavali H 07:22 07:23 1 NCR 14 1
5 BMZ Bamour Gaon 07:37 07:38 1 NCR 19 1
6 ABE Ambikeshwar 08:10 08:11 1 NCR 33 1
7 SMV Sumaoli 08:27 08:28 1 NCR 39 1
8 THR Thara 08:53 08:54 1 NCR 46 1
9 JPO Jora Alapur 09:06 09:07 1 NCR 51 1
10 SKU Sikroda 09:27 09:28 1 NCR 58 1
11 BHAT Bhatpura 09:39 09:40 1 NCR 61 1
12 KQS Kailaras 10:05 10:06 1 NCR 70 1
13 SYF Semai 10:36 10:37 1 NCR 81 1
14 PPCK Pipalwali Chowki10:52 10:53 1 NCR 86 1
15 SBL Sabalgarh 11:10 11:20 10 NCR 93 1
16 RMPH Rampahari 11:42 11:43 1 NCR 101 1
17 BJPR Bijaipur Road 12:00 12:01 1 NCR 107 1
18 KAKN Kaimarakalan 12:27 12:28 1 NCR 117 1
19 BIB Birpur 12:45 12:46 1 NCR 125 1
20 SPRA Sillipur 13:25 13:26 1 NCR 138 1
21 IKD Ikdori 13:49 13:50 1 NCR 148 1
22 TKLN Tarra Kalan 14:13 14:14 1 NCR 157 1
23 SEX Seroni Road 14:26 14:27 1 NCR 161 1
24 KJP Khojeepura 14:39 14:40 1 NCR 166 1
25 DURP Durgapuri 15:07 15:08 1 NCR 176 1
26 GIW Girdharpur 15:19 15:20 1 NCR 179 1
27 DTQ Datarda Kalan 15:48 15:49 1 NCR 191 1
28 SOE Sheopur Kalan 16:25 Last Stn NCR 200 1


Die Bahn wurde von den Maharajas Scindia, die wir später in den Berichten noch genauer kennenlernen werden, Anfang des 20. Jahrhunderts als Gwalior Light Railway gebaut, Baubeginn 1904, die gesamte Strecke bis Sheopur Kalan war 1909 fertiggestellt.
Hier findet man einen Artikel über die eventuelle Aufnahme der Strecke als Weltkulturerbe:
http://whc.unesco.org/en/tentativelists/5403


Scheinwerfer-Schuss in der Schlucht.




Sonst war die Umgebung staubtrocken, aus einer Wasserstelle floss dennoch etwas kühles Nass auf die Straße. Eine Dame hatte gerade ihren Morgenvorrat geholt und balancierte ihn gekonnt gerade noch vor der Zuglok Type NDM-5 über die Gleise.



Zufrieden mit einer herrlichen ersten Szene fuhren wir eine Schleife des Zuges abkürzend durch nicht so gute Straßen bis zum National Highway Nummer 3, der hier nach Gwalior hineinführt. Hier trifft die Bahn auf die Hauptstraße und führt auf einem separaten Gleisbett daran entlang, zwei Mal wird der National Highway überquert. Ich suchte mir gleich wieder ein Plätzchen, das Leben erwachte langsam auf den Straßen – nicht, dass es komplett jemals eingeschlafen war. Sofort zogen wir wie überall – selbst im vermeintlich einsamsten Gebiet – eine „local crowd“ an.


Hier ließ der Zug die Straßenkonkurrenz links liegen, einige Teilnehmer für immer...




Das Leben erwacht vor einem der lokalen Tempel.



Der Straßenverkehr passte auch zur Zugdurchfahrt, also war schon die zweite Szene im Kasten. Danach hatten wir allerdings die Lastwagen, die sich am Schranken kurz davor gestaut hatten, vor der Nase, welche von Salim wagemutig überholt wurden (siehe Video). Kurz nach der Stelle sah ich dann ein Formsignal am Straßenrand und ärgerte mich schon, doch bald nachdem der Zug überholt war, folgte das Einfahrtssignal zum nächsten Bahnhof, Motijheel, so war nichts verloren. Es handelt sich hier um "Lower Quadrant Signals", also wird der Flügel zur Freigabe gesenkt.


Vorsicht, Ladies, der Playboy ist unterwegs!




Der Zug hatte sich schon in Ghosipura ordentlich gefüllt.




Kurz vor dem Bahnhof Motijheel wird der NH3 zum zweiten Mal überquert, ein paar Nachzügler eilten noch zum Zug.



Hinter Motijheel stieg der Sonnenball hervor, zufällig kam auch gerade ein günstiger Hügel mit Straße, der als perfekter Standpunkt diente. Salim begab sich schon gleich in Fluchtposition, einfach ein Naturtalent, ihm brauchte man nicht einmal mehr das Bahnverfolgen beibringen!


Sonnenaufgang in Motijheel, Ziegellager im Vordergrund.




Eine Sikh-Familie wollte unbedingt mit auf das Bild.



Nach Motijheel führt die Bahn etwas entfernt von der Straße, kommt dann aber bald wieder in die Nähe. Hier kamen wir an einem Kreisverkehr mit unvollendetem Ast vorbei, vermutlich die bitter benötigte Umfahrung des NH 3, denn ab hier handelt es sich um eine vierspurige Straße mit geteilter Fahrbahn, bis hier war es eine zweispurige Straße mit extrem viel Staub beidseits. In der Station Milavali fotografierte ich die Einfahrt und machte gleich die Bekanntschaft mit ein paar Jugendlichen. Man kann hier einfach nirgendwo hin gehen, ohne angesprochen zu werden. Noch extremer ist allerdings der Wunsch, fotografiert zu werden!


Nur hier, am NH3, ist der Busverkehr so edel.




Einfahrt Milavali Haltestelle mit Lokmannschaft der NDM-5 803.









Familien-Trainspotting am Morgen.




Die üblichen Beschriftungen und Verzierungen auf Lastwägen, in der Nacht verwendet man statt der Hupe manchmal das Fernlicht.



Bei der Einfahrt von Bamour Gaon erwischte ich den Zug noch mit Palmen und Formsignal, dann mussten wir einen Umweg antreten, denn die Bahn schwenkt hier von der Straße weg westwärts.


Einfahrt Bamour Gaon, links wird sich an der Straße erleichtert...









Der Ort Bamour (manchmal Banmore geschrieben), mit einer der üblichen Megaladungen auf einem Lastwagen.



Etwas nördlich am NH 3 führte uns eine Abzweigung in eine komplett andere Welt, ins ländliche Indien. Anfangs mussten wir uns noch durch die ärmlichen Ausläufer von Bamour kämpfen, und ich dachte schon, bei der Straße schaffen wir das niemals, den Zug wieder zu erwischen. Doch außerhalb der Ortschaften ist die Straße sogar verhältnismäßig sehr gut, hier kann man Tempo machen. Nur in den bewohnten Abschnitten wurden einige „Speedbumps“ errichtet. Was man hier für Szenen sah, die man eigentlich vor Jahrhunderten ansiedeln würde, unglaublich! Wir fuhren nun durch herrlich weite, luftige Landschaft, die Temperatur war durchwegs angenehm, in der Früh kühl. Einige nette Felsformationen in trockener Umgebung gaben dem Landstrich Charakter.


Auf der Landstraße sind motorisierte Transporte rar, darum gibt es hier nicht viel mehr Platz als am Schmalspurzug. Als lustige Begegnung hatte ich einen Traktor, der einen Anhänger voller Arbeiter zog, von denen jeder einen brandneuen gelben Helm einer Baufirma trug.




Dorf-Impressionen unterwegs.




Überall werden die Kuhfladen zum Trocknen aufgelegt, Holz zum Heizen ist hier rar.




Pfau kreuzt!



Als die Landschaft zu fruchtbaren Feldern überging, schwenkten die Gleise wieder in Abstand die Straße entlang ein. Hinter Ambikeshwar fanden wir eine nette Bogenbrücke als nächsten Standpunkt. Der Zug kündigte sich bald schon durch ständiges Hupen in der Ferne an. Es gab allerdings auch ein faszinierendes Naturschauspiel zu sehen: zwei Pfaue in Balzstimmung.


Pfau im Flug.




Pfauenparade.




Der Zug überquerte das kleine Viadukt hinter Ambikeshwar, rechts die Pfauen.



Als nächstes düsten wir nun gleichauf mit dem Zug, der hier gar nicht so langsam unterwegs war, Richtung Sumaoli. Am Dorfeingang änderte sich allerdings die Straßenlage abrupt, wir fuhren auf einem schlechteren Feldweg durch das voller Leben strotzende Örtchen. Bald darauf folgte eine Abzweigung, welche links zum Bahnhof führen sollte. Das war ein Fehler, denn nach nur wenigen Ecken stießen wir auf einen straßenüberquerenden Graben, in den gut und gerne die Vorderräder des Tata hineingepasst hätten. Schnell ein paar Einheimische gefragt – natürlich nicht ich - , und schon waren wir in die andere Richtung auf der glorreichen Ringstraße von Sumaoli unterwegs.


Das urige, aber natürlich wie alles hier überbevölkerte Dorf Sumaoli.




Ich liebe die plakativen Wände mit daraufgemalten Slogans und Werbungen.




Dorfleben.




Vermutlich ein politisches Graffiti.




Welche Waren wohl hier angeboten werden?



Nach einigen weiteren tollen Impressionen, die ich im Vorbeifahren so gut es ging einzufangen versuchte, erreichten wir tatsächlich die Station, und der Zug war noch da! Mein Wunschbild der Reise würde gleich am ersten Tag in Erfüllung gehen, denn der Gegenzug aus Sabalgarh hatte ein wenig Verspätung.


Die bevölkerte Dorfstation.



Ich lief gleich zum ersten Wagen, und fragte ein paar Umherstehende in Gestensprache nach der besten Technik, auf die Wagen zu gelangen. Diese führt nicht über die Gitter an den Fenstern, sondern zwischen zwei Wagen über Kupplung und Schläuche bis man sich auf den gegenüberliegenden Wagendächern abstützend hochstemmen kann. Kaum oben angekommen, fand ich natürlich sofort einen Haufen neuer Freunde, die alle gerne fotografiert werden wollten. Natürlich mit meiner Kamera, persönlich bringt das also niemandem etwas. Ein paar hatten auch Handys mit Kameras dabei.






Gar nicht so verschieden wie in der Wiener U-Bahn.




Hier zahlen die Leute natürlich für die Zeitung und sorgen für den Lebensunterhalt anderer.



Mittlerweile hatte sich auch das Stationspersonal um meinen Fahrer versammelt und verlangte zwei – unbedingt! – Gruppenportraits.








Nun mussten wir schon einige Zeit auf den Gegenzug warten, in Sumaoli hat sich schon ein echtes Geschäft um die Züge entwickelt, es wird so einiges angeboten. Dann endlich erschien der Gegenzug in der Ferne, das Einfahrtssignal war schon gezogen seit ich angekommen war.






Die bunten Kleider indischer Frauen sind einfach fantastisch für Fotografie.



















NDM-5 802 zog den noch schwerer beladenen Frühzug aus Sabalgarh mit 25 Minuten Verspätung in den Bahnhof.
52174,SBL GWL PAS

1 SBL Sabalgarh 06:15 NCR 0 1
2 PPCK Pipalwali Chowki06:29 06:30 1 NCR 6 1
3 SYF Semai 06:43 06:44 1 NCR 12 1
4 KQS Kailaras 07:13 07:14 1 NCR 22 1
5 BHAT Bhatpura 07:37 07:38 1 NCR 31 1
6 SKU Sikroda 07:47 07:48 1 NCR 34 1
7 JPO Jora Alapur 08:08 08:09 1 NCR 42 1
8 THR Thara 08:19 08:20 1 NCR 46 1
9 SMV Sumaoli 08:30 08:31 1 NCR 54 1
10 ABE Ambikeshwar 08:58 08:59 1 NCR 59 1
11 BMZ Bamour Gaon 09:34 09:35 1 NCR 74 1
12 MIAL Milavali H 09:46 09:47 1 NCR 78 1
13 MTJL Motijheel 10:05 10:06 1 NCR 84 1
14 GOPA Ghosipura 10:21 10:22 1 NCR 89 1
15 GWO Gwalior Ng 10:50 Last Stn NCR 93 1













Es gelangen einige Einfahrtsbilder, dann ging die Reise wieder vom Wagen runter und in die Gegenrichtung nach Gwalior zurück.

Ein extrem spritzender Trinkbrunnen.




Kuhidylle in Sumaoli.




Blick in ein Zuhause.



Bei Beginn der kargen Landschaft erwartete ich den Zug noch einmal, doch selbst hier finden sich überall Menschen, die gerne fotografiert werden wollten.




Schmalspur neben der über das Land gut ausgebauten Straße.









Einige am Zug hatten mich auch bemerkt und begannen zu johlen und zu winken, als die NDM5 den Zug unter Volllast in die karge Landschaft hinein vorbeizog.



Weiter geht es nächstes Mal mit der Verfolgung zurück nach Gwalior und einigen Sehenswürdigkeiten dort.
lg,
Roni

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messermoser

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Re: Indien 2012 - 2: Gwalior - Zug ebener Erd und erster Stock (50 B.)
« Antwort #1 am: 05. März 2012, 15:44:39 »
Hallo Roni

Absolut genial geiler Bericht. Herzlichen Dank.
Schoenen Gruss aus Bali
Peterle


Viper

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Re: Indien 2012 - 2: Gwalior - Zug ebener Erd und erster Stock (50 B.)
« Antwort #2 am: 05. März 2012, 20:26:39 »
Wie immer bin ich begeistert. Danke für den Bericht

 
lg.
Viper

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Re: Indien 2012 - 2: Gwalior - Zug ebener Erd und erster Stock (50 B.)
« Antwort #3 am: 06. März 2012, 16:19:45 »
Super Bericht aus einer Gegend wo ich schon lang nimmer war.  :D

lG
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Roni

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Re: Indien 2012 - 2: Gwalior - Zug ebener Erd und erster Stock (50 B.)
« Antwort #4 am: 07. März 2012, 21:08:42 »
Hallo!

Danke euch!  :)
lg,
Roni

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Andi M.

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Re: Indien 2012 - 2: Gwalior - Zug ebener Erd und erster Stock (50 B.)
« Antwort #5 am: 07. März 2012, 21:45:55 »
Absolut schöne Reportage, wenn man solche Bilder sieht sollte man sich fast schon nimmer beschweren, wenn bei der ÖBB mal der Zug ein bisschen voller ist ;D

Neulinho

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Re: Indien 2012 - 2: Gwalior - Zug ebener Erd und erster Stock (50 B.)
« Antwort #6 am: 08. März 2012, 13:37:14 »
da kann ich mich eigentlich nur anschließen: saugeile, superstimmungsvolle Reportage!!! Herzlichen Dank dafür!!!
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