Autor Thema: Indien 2012 - 9: Auf Meterspur nach Udaipur (50 B.)  (Gelesen 3119 mal)

Roni

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Indien 2012 - 9: Auf Meterspur nach Udaipur (50 B.)
« am: 09. April 2012, 14:15:27 »
Hallo!



Der vorherige Teil der Reportagen:
Indien 2012 - 8: Wüstentraum Jaisalmer (50 B.)
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=3206.0



Das Video zum Bericht:
http://www.youtube.com/watch?v=Ln9ntoVBVts&hd=1




9. 2. 2012

Meine Bekannten aus Udaipur hatten mir ein Busticket für den direkten Übernachtbus Jaisalmer - Udaipur beschafft, nun musste ich nur noch die Busfahrt dorthin aushalten. Ursprünglich wäre ich mit dem Nachtzug nach Jodhpur gefahren und von dort weiter zur Meterspurbahn ab Marwar, jedoch hätte man so einige Zeit verloren. Ein Tuk Tuk brachte mich zum „Busbahnhof“, ein staubiger Acker mit ein paar Buden neben einem Kreisverkehr. Einige spanische Mädels warteten dort auch schon auf denselben Bus, daneben eine verzweifelte Deutsche, denn sie hatte keine Schlafkoje mehr bekommen und durfte nicht über Nacht fahren. Der Bus bestand aus den Sitzreihen für kürzere Strecken Reisende - welche an jeder Straßenecke aufgelesen und abgesetzt wurden - , darüber, mit Leitern zu erreichen, lagen die Schlafkojen, links Einer, rechts Doppel. Das große Gepäck musste man in einen staubigen Stauraum hinten im Bus legen. Ich hatte es mir in der engen Einerkoje halbwegs gemütlich gemacht, da sah ich schon das Problem: Sowohl Richtung Fahrgastraum, als auch nach draußen, waren Schiebefenster angebracht, und zwar so, dass man mit zwei Fenstern die Seiten jeweils komplett öffnen konnte. Natürlich ohne ordentliche Isolierung, die Luft zog beim ersten Anfahren schon hinein. Nur hatte es jetzt bei Sonnenschein noch 25 Grad draußen, in der Nacht sollte es allerdings auf sechs Grad abkühlen. Ich richtete mich soweit es ging her, warme Sachen hatte ich mitgenommen. Die Fensterlücken füllte ich mit Sackerln und Taschentuchpaketen, klemmte das dauernd aufgehende vordere Außenfenster mit einer leeren Plastikflasche fest. Denn natürlich war es bei weitem kein sanfter Ritt, manche Straßen waren besser, manche schlechter, dazu die ständigen Geschwindigkeitsschwellen in indischen Ortschaften und waghalsige Ausweichmanöver. Zur Ruhe kam man nie.


10. 2. 2012

In Jodhpur wurde in der Nacht gehalten, dann ging es in den Süden nach Udaipur. Nahe Udaipur sind die Straßen zwar gut, aber gebirgig. Kurz vor der Ankunft gegen 6:30 wurde es am kältesten, kaum mehr auszuhalten, aber was leidet man nicht für ein paar gute Fotos mehr. Noch dazu baute sich ein gewisser Druck bei mir auf, zumindest ein zusätzlicher Halt um 3 Uhr Früh brachte Erleichterung. Doch ich schaffte es und wurde in Udaipur geschwind wie alle Passagiere rausgeworfen. Den Rucksack bekam ich schwer verstaubt zurück, ich hätte ihn fast nicht wiedererkannt. Am Gehsteig säuberte ich ihn gründlich, und wartete dann auf meinen hiesigen Führer Harish, der mich abholen sollte.
Harish kam mit Jeep und jungem Fahrer und begrüßte mich herzlich. Erst einmal gab es von einem Straßenstand Chai zum Aufwärmen, dann ging es in ein Hotel, wo ich auf den deutschen Tourveranstalter Heinrich Hubbert traf, der mir bei den Reisevorbereitungen und der Fotogenehmigung geholfen hatte und uns auch in den nächsten zwei Tagen begleiten würde. Ich konnte mich noch kurz in seinem Zimmer frischmachen, dann ging es zur Meterspurstrecke aus Ahmedabad. Diese endete nun hier in Udaipur, früher war das Netzwerk viel weitläufiger. Als ersten Zug erwarteten wir den ankommenden 19944 "Ahmedabad - Udaipur Express", einen der letzten Meterspur-Nachtschnellzüge. Wir passierten die erste Station außerhalb Udaipurs, Umra, auch schon in sehr schöner Hügellandschaft. Allerdings entstehen hier auch schon immer mehr Neubauten. Wir fuhren weiter, und kamen zu einer kleinen Ansammlung Bauernhöfe. Meine Begleiter meinten, dass es hier am Hügel schön zu fotografieren wäre.


Straße am ersten Fotopunkt.




Ich ging alleine vor und passierte ein Feld mit Bauern, eingesäumt von Steinmauern, darauf als Abschreckung Dornengewächse. Die Tore zu den Feldern bestanden immer nur aus dicht zusammengeflechteten Ästen, die man auf die Seite biegen mussten. Weiter den Berg hinauf traf ich auf einen Schrein, an dem Kokosnüsse geopfert wurden. Nun musste ich durch die Vegetation, die in etwa mit der mediterranen nahe Split vergleichbar war, zum Gipfel des Aussichtshügels. Heinrich meinte, er hätte hier noch nie Schlangen oder ähnliches gefährliches Getier getroffen, nur einmal einen Leoparden aus der Ferne gesehen. Wir hatten genug Zeit, denn nach Entgleisungen sind hier Langsamfahrstellen von 20-30 km/h vorgeschrieben. Der Express würde daher mit ca. einer Stunde Verspätung um neun kommen. So war es auch, man konnte den schönen Zug schon lange davor hinten im Tal vor der Bergkette, welche mittels Tunnel durchquert wird, sehen.


19944 ADI UDZ EXPRESS M G

1 ADI Ahmedabad Jn First 23:00 WR 0 1
2 ASV Asarva Jn 23:11 23:13 2 WR 2 1
3 SDGM Sardargram 23:22 23:24 2 WR 7 1
4 HMT Himmatnagar 01:35 01:50 15 WR 88 2
5 DNRP Dungarpur 04:14 04:16 2 NWR 183 2
6 JYM Jai Samand Road 05:47 05:49 2 NWR 235 2
7 ZW Zawar 06:25 06:27 2 NWR 258 2
8 UDZ Udaipur City 08:05 Last Stn NWR 298 2

Der Zug schlängelte sich durch das Aravalli-Gebirge, an dessen südlichen Ausläufern Udaipur liegt.




Der Bauernhof wird passiert.




Die gewöhnungsbedürftig violette Sabarmati YDM-4 6299, ein ALCO-Derivat gebaut im März 1972, tuckerte brav mit der schönen braunen Garnitur inklusive Sleepern vorbei.




Meine Freunde, die Dornen.




Ein Nachschuss Richtung Umra ging sich auch locker aus. Man sieht, wie sich hierhin die Stadt ausbreitet, neue Parzellen wurden bereits vorbereitet.




Dann begaben wir uns wieder hinunter und schauten uns im Bereich des südlichen Einfahrtssignals von Umra nach einem Platz um. Das Signal stand wie so oft etwas abseits auf einem Hügel. Nun hieß es warten, und warten, denn der Personenzug ab Udaipur hatte Verspätung.

Um elf war es dann endlich so weit, YDM-4 6720 beschleunigte schön rauchend mit dem 52927 Udaipur - Ahmedabad Fast Passenger an uns vorbei.




Das Einfahrtssignal von Umra.




Eingerahmt von einem Pflanzen-Potpourri.




Hier befand sich der höchste Punkt der Meterspur-Strecke mit 585,45 m, Udaipur lag nicht viel tiefer und ist daher im Winter klimatisch für Europäer sehr angenehm.




Nun konnten wir der Strecke nicht folgen, sondern mussten das Tal wechseln. Dort trafen wir auf eine mautpflichtige Straße, welche die Bezahlung auch zurecht verdiente. Der Belag war gut, was nicht hieß, dass es hier nicht auch die üblichen indischen Hindernisse wie allerlei Vehikel, Menschen und Vieh auf der Straße zu überwinden gab. Nach vierzig Minuten Fahrzeit ab Umra erreichten wir das große, bekannte Ord Viadukt, welches schon zu Dampfzeiten oft fotografiert wurde. Dieses überquerte ein Gewässer, daneben gab es Palmen, Affen, Büffel, schöne Wasservögel und einige andere wunderbare Motive, die ich versuchte, so gut es ging zu vereinen. Die Affen wurden von den danebenlebenden Menschen regelmäßig in den Wald zurückgescheucht.

Die letzten Wasserreste in der Trockenzeit, nur genährt von einem kleinen Bach.




Der Zug kam, mit Bacherl und Affen am Boden.




Der Weitwinkelblick.




Das Panorama mit allerlei Fauna und Flora.




Wir fuhren weiter bis zum Dorf Devpura, wo wir zur Padla River Brücke abbogen. Hier musste das Gewässer über eine Furt durchquert werden, dann ging es an Feldern und sehr ursprünglichen Bauernhöfen vorbei hinauf zu einer erhöhten Position. Nur das ständige Tuckern der Pumpe und Bewässerungsschläuche erinnerten an die Neuzeit. Alle Frauen waren wie immer farbenprächtig gekleidet, die Männer eher westlich, einer trug ein Puma-T-Shirt.

Nun kam der Zug ein letztes Mal an uns vorbei, mit einem herrlichen Panorama von trockenen Bergen im Hintergrund bis zu grünen Feldern und Palmen im Vordergrund.




Der Zug verließ die Station Padla mit etwa 1:20 h Verspätung.









Die Brücke über den Fluss mit angrenzendem Tempel.




Das Panorama, zu der Position hatte ich mich alleine durch zahlreiche anhängliche Gewächse hinaufgekämpft.




Bauernhöfe.




Ein letzter Blick mit lokaler Vegetation.




Jetzt, 13:00, hieß es Mittagspause halten und auf den Gegenzug aus Ahmedabad warten. Dies sollte bis 15:00 Uhr, wahrscheinlicher nach 16:00 dauern, aufgrund der Verspätung des Zuges aus Udaipur. Der stets um alles bekümmerte Harish hatte uns allen von zu Hause Köstlichkeiten mitgebracht, Chapati Fladenbrot und Alu, eine aus Kartoffeln gemachte, sehr komplette Hauptspeise. Es mundete besonders gut, da ich am Tag davor keine echte Mahlzeit zu mir nehmen konnte. Dann hielt ich noch ein kurzes Nickerchen.

In der Wartezeit konnte man auch einige Tätigkeiten am Bauernhof beobachten, zum Beispiel das Abholzen eines Baumes von oben nach unten in der Baumkrone.









Das Grün war in dieser trockenen Landschaft nur durch künstliche Bewässerung möglich, ich sah fast nur Frauen am Feld arbeiten.




Die Familie vom Bauernhof nebenan.




In den langen Zugpausen, es gibt hier nur zwei Zugpaare, wurde die Brücke wie überall in Indien von Fußgängern genutzt.




Später kamen aus dem Wald ein paar Mädchen und ein ächzender alter Mann, welche am Kopf Zweige transportierten.




Um 16:30 war es endlich so weit, ein Hupen in der Ferne kündigte den Zug an.









Sabarmati YDM-4 6258 überquerte mit dem 52928 Ahmedabad - Udaipur "Mewar" Fast Passenger den Fluss.




Bauernhof-Blick.




Eingefügt mit den Holzträgerinnen.




Die nicht mehr so ganz violette YDM-4, anfänglich hatte ich sie für braun gehalten. Den Grund für die Verfärbung sollten wir bald herausfinden.




Holzträgerin und Zug.




Nach kurzer Pause wurde das Holz weitertransportiert.




Wir düsten endlich zurück zum Ord Viadukt.






Affe unter der großen Brücke.




Echter Thyssen-Stahl.




Die anderen kletterten weiter hinauf, ich entschied mich für ein Gegenlicht-Tele, was sich als goldrichtig erwies.




Verblasste Info-Tafel zum Viadukt.




Die YDM-4 sorgte nun für ein ALCO-Rauch-Spektakel, das seinesgleichen suchte.




Aus den Bergen rauch' ich her...









Für den Lokführer Alltag.




Blick entlang des Meterspur-Regionalzuges, immerhin 9 Wagen lang.




Da kann man sich nur festhalten.




Der Zug entschwand in die Berge. Das war es nun an Zugsverfolgung für den Tag, bei Licht war der Zug nicht mehr zu erwischen.




Ein lokales Heiligtum, wie man sie überall findet.




Stattdessen wollte ich in mein am See gelegenes Hotel, um dort noch etwas von der Abendstimmung einzufangen. Sonnenuntergang ging sich zwar ob des schweren Udaipurer Abendverkehrs nicht mehr aus, dennoch hatte der Himmel noch genügend Färbung, als ich am Gangaur Ghat (in dem Fall bedeutet Ghat Uferstelle) eintraf.






Abendstimmung am Lake Pichola.



Ich checkte schnell ein, verabschiedete mich für den nächsten Tag noch von meinen Begleitern und eilte nach kurzem Zwischenstopp im Zimmer gleich ins Terrassenrestaurant am Dach. Den Ausblick dürft ihr dann nächstes Mal mit mir genießen... :-)
lg,
Roni

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Re: Indien 2012 - 9: Auf Meterspur nach Udaipur (50 B.)
« Antwort #1 am: 09. April 2012, 15:49:36 »
Spitze wie Immer.

Aber diesesmal hab ich eine Frage zum 2. Bild von oben. Das ist ja eindeutig eine Eingleisige Strecke und Bahnhof seh ich auch nicht. Da sind aber 3 Zuege auf den Bild. Ist der gerissen? Fahren die da auf Sicht? Oder war das einfach Photoshop? Nachdem er die selbe Reihung hat vermut ich letzeres.
Schoenen Gruss aus Bali
Peterle


Roni

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Re: Indien 2012 - 9: Auf Meterspur nach Udaipur (50 B.)
« Antwort #2 am: 09. April 2012, 16:51:42 »
Hallo Peter!

Danke dir!  :)

Natürlich Photoshop. solche "Sandwiches" solltest du doch schon von mir kennen... ;)
So sieht man den Streckenverlauf auch besser. Im Panorama ist der Zug ebenfalls 3 Mal enthalten.
lg,
Roni

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Andi M.

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Re: Indien 2012 - 9: Auf Meterspur nach Udaipur (50 B.)
« Antwort #3 am: 09. April 2012, 18:34:04 »
Einfach großartig. Mit welcher hochpreisigen Spiegelreflex bist du den da immer unterwegs?

Roni

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Re: Indien 2012 - 9: Auf Meterspur nach Udaipur (50 B.)
« Antwort #4 am: 09. April 2012, 18:36:11 »
Hallo!

Danke noch einmal! :)

Mit der Canon EOS 7D.
lg,
Roni

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Re: Indien 2012 - 9: Auf Meterspur nach Udaipur (50 B.)
« Antwort #5 am: 09. April 2012, 18:39:11 »
Hi Roni

das ist sicherlich nicht Meter- sondern Kapspur (1067 mm, 3´6 1/2").

Tolle Bilder, Danke

Gruß

Alf

PS: hast das Leben in Indien toll eingefangen!
Leben und leben lassen!

Roni

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Re: Indien 2012 - 9: Auf Meterspur nach Udaipur (50 B.)
« Antwort #6 am: 09. April 2012, 19:10:24 »
Hallo!

Danke noch einmal! :)

Natürlich ist das Meterspur. Kapspur gibt es in Asien als Hauptbahn nur auf Inseln (Japan, Indonesien, Philippinen), Meterspur am asiatischen Kontinent außer in Indien auch in Thailand, Burma, Malaysia, Vietnam (in allen Ländern als Hauptbahnnetz), Pakistan...

In Indien wird seit Jahren auf Breitspur umgespurt, daher ist die Meterspur am Verschwinden.
lg,
Roni

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Bianchi310

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Re: Indien 2012 - 9: Auf Meterspur nach Udaipur (50 B.)
« Antwort #7 am: 09. April 2012, 20:15:44 »
einfach nur Klasse .... da schmeiss ich doch meinen Knipsomaten in den nächsten Mistkübel .... lol ...
schöne Grüsse vom Neckarstrand ..... Bianchi310 (Hans)