Autor Thema: Indien 2012 - 13: Auf Meterspur über den Fluss Narmada (50 B.)  (Gelesen 1924 mal)

Roni

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Hallo!



Der vorherige Teil der Reportagen:
Indien 2012 - 12: M. H. O. W. - Auf Meterspur zum Ort ohne Namen (50 B.)
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=3224.0



Das Video zum Bericht:
http://www.youtube.com/watch?v=Ln9ntoVBVts&hd=1





12. 2. 2012

Wir setzen unsere Reise bei meinem ersten "Verhör" durch den indischen Militärgeheimdienst fort. Es kam ein junger Mann in Air Force-Uniform zu mir und stellte sich als "Military Secret Service" vor. Ich wollte ihm die Genehmigung zeigen, doch er meinte, das sei nicht nötig, er hätte sie ohnehin schon in seinem Schreibtisch! Schon ziemlich unheimlich, welche Auswüchse die indische Bürokratie manchmal annimmt... Er fragte mich warum ich als Tourist hier in diese absolut untouristische Stadt kommen würde, ich erklärte ihm die Eisenbahnfotografie, zeigte ihm ein paar Bilder und versicherte ihm, dass ich nur die Bahn fotografieren würde. Zudem betonte ich, dass die Strecke bald in Breitspur umgewandelt werden würde und es die letzte Chance zu sehen sei. Dies gab wohl den endgültigen Ausschlag, es meinte es sei OK, und verabschiedete sich. Allein blieb ich trotzdem nicht, denn es hatten mich nun einige jüngere Männer entdeckt, von denen natürlich alle meine Bekanntschaft machen wollten, es wurden immer mehr dazugerufen. Ich wechselte nun die Position, dort wurde ich von einer Horde Kinder empfangen. Einer der jungen Männer war auch dabei und schleppte immer mehr von seinem eigenen Nachwuchs heran, den ich fotografieren sollte. Mittlerweile gab es einige Action am Lokschuppen. Die einzige violette YDM4 hier rückte aus, währenddessen war eine andere Lok im Güterverschub von Flach- und Kesselwagen beschäftigt.

Die ehemalige Sabarmati YDM-4 6415, die einzige am Lokschuppen Mhow beheimatete in dieser Lackierung.




Gleisarbeiter waren beschäftigt, im Hintergrund kam gerade mein "Verhörspezialist".




Es gab zwei Verschubgleise, an denen die Crews kurz pausierten, in einer Pause konnte ich einen Lokführer portraitieren.




Die Kinder, die daneben bei einem Tümpel gespielt hatten, mussten natürlich auch alle posieren.




Etwas weiter hinten befand sich noch ein kleiner Rangierbahnhof, YDM-4 6373 setzte nun ein paar Güterwagen um - so kam ich noch zu meinem Meterspur-Güterzug.




Ob es etwas hilft?














Vier auf einem Motorrad - sollte später noch getoppt werden!




Es wurden auch Kesselwagen rangiert.









Ich wartete auf den nächsten Zug nach Süden, doch er fuhr nicht ab - das war der Grund: YDM-4 6719 zog den 52988 Akola - Mhow Passenger mit 20 Minuten Verspätung um die Einfahrtskurve.




Der Zug war aus den Bergen gekommen, wo Leute Holz gesammelt hatten - dieses wurde nun schnell aus den Türen geworfen.




Andere warteten bereits auf den Abtransport. Auf der Ghat Sektion war der Zug mit YDM-4 6360 als Schublok ausgestattet worden.




Ein Gruppenbild der Kinder dort, es gab auch einen sehr heruntergekommenen Burschen, der von der Gruppe offensichtlich verstoßen wurde.




Endlich fuhr nun die violette YDM-4 mit dem 52987 Mhow - Akola Fast Passenger aus. Das Holzlager war nun schon sehr dezimiert worden.




Das Mhow-Panorama mit der rangierenden YDM-4 6373, der wartenden 6735 und der ausfahrenden 6415, rechts Büffel und Tümpel, wo die Kinder spielten.




Ich verteilte jetzt noch schnell Zuckerln an alle Kinder, stellte sicher, dass auch der eine Junge etwas bekam, und marschierte zurück zum Bahnhof. Ich wollte nur noch schnell mein Hotel in Indore erreichen, war hundemüde, und der immer heißer werdende Ort voller Menschen nicht der ideale Platz zum Entspannen.

Full House in Mhow.




Ich verabschiedete mich vom Vorstand und erwischte noch den nächsten Zug nach Indore, um die Zeit fuhren drei innerhalb von weniger als einer Stunde ab.




Ich fand Platz in einem allgemeinen Abteil des bereits sehr vollen Zuges. Hier lernte ich einen anderen Studenten kennen, mit dem ich Mailadressen tauschte. Wir kamen recht bald nach Indore, und ich musste mir nur noch meinen Weg zum Ausgang durchboxen. Mit dem Einsteigen warten, bis alle ausgestiegen sind, gibt es hier nicht. Glücklicherweise bin ich jedoch etwas größer als der Durchschnittsinder und konnte meinen Kamerarucksack sicher über den Köpfen aller hinausbugsieren. Meine neue Bekanntschaft begleitete mich noch zum Tuk-Tuk Stand, wo er mir noch seine Halskette als Andenken schenkte. Es war wieder einmal eine jener Begegnungen, die man sich in Europa gar nicht vorstellen könnte.
Anschließend ging es ins nahe Hotel, von der Business-Ketten-Art. Meinen Fahrer musste ich etwas auf die Folter spannen, denn die Rezeption suchte lange, bis jemand einen 1000er in 30 Rupien umtauschen konnte. Das Zimmer war angenehm und groß, ich wollte endlich einigen Schmutz loswerden, startete einen Generalputz aller Sachen und ließ Kleidung waschen. Die Dusche war ebenfalls sehr nett, zudem sündigte ich im Restaurant und bestellte mir erstmals nicht indisch, sondern einen Chicken-Burger. Nach angenehmer Ruhe besuchte mich Vivek, ein junger Student und IRFCA-Mitglied, mit dem ich mich schon vor der Reise per Mail verabredet hatte. Anschließend ging es früh schlafen, denn am nächsten Tag sollte es wieder zeitig losgehen.



13. 2. 2012

Ich hatte für 6 Uhr Früh ein Auto bestellt, das mich nach Khandwa bringen sollte. Einerseits waren mir die Meterspurzüge zu überfüllt, andererseits konnte ich so ein Wunschmotiv unterwegs erledigen. Da hatte ich allerdings Zweifel, ob wir rechtzeitig hinkommen würden, denn es war über die Berge 90 km entfernt, und der Zug sollte nach 7:52 dort sein. Es würde alles auf Verkehr und Straßenverhältnisse ankommen. Ein Wermutstropfen war natürlich das Auslassen der Ghats im Zug, aber hier soll vielleicht ohnehin eine touristische Meterspurstrecke bestehen bleiben. Ich war in der Hoffnung auf eine frühe Abfahrt um 5:45 in die Lobby gekommen, sprach draußen auch ein paar Fahrer an, aber keiner wollte mich haben. Endlich, nach 6:20 wurde ich von meinem Fahrer Lucky abgeholt, der allerdings bis auf die Tatsache, dass er mich nach Khandwa bringen sollte, wenig wusste und kaum Englisch sprach. Die Straßen waren noch schön frei, und so konnte der Tata Indica ordentlich beschleunigt werden. Indore wirkte modern, an der Umfahrungsstraße gab es sogar rote Blinklichter, die die Fahrstreifen einsäumen, hatte ich in der Form noch nie gesehen. Bald bogen wir in den State Highway 27 ein und kamen zu einer Mautstelle, wo 32 Rupien zu bezahlen waren. Der Straßenbelag war ab hier durchaus sehr gut, teilweise ganz neu. Aufhalten konnten uns nur die hin und wieder auftretenden Ortschaften mit Speedbumps und LKWs, welche glücklicherweise um die Zeit hauptsächlich Richtung Indore strömten. Dennoch stand Lucky unserem Fahrer in Rajasthan kaum nach, und so kamen wir die meiste Zeit mit 80-100 km/h voran. Die Bergsektion wurde mit einigen Serpentinen überwunden, hier trafen wir auch auf die Bahn und überquerten sie mehrmals. Danach ging es wieder flach dahin, langsam häuften und vergrößerten sich die Ortschaften, das Morgenleben begann und Schulkinder wurden in allerlei Vehikeln herumgekarrt. An den Straßenrändern wurden am kühlen Morgen wieder einmal Feuer entfacht (für Eindrücke der Fahrt siehe Video, ab 1h:01:40). Es war kurz nach 7:30, da erreichten wir einen besonders großen Ort, und der Fluss Narmada - den ich am ersten Tag der Reise schon einmal bei Hoshangabad überquert hatte - kündigte sich an. Genau hier hatte ich mein Wunschmotiv, mehrere enorme Brücken gleich nördlich der Station Omkareshwar Road. "Road" ist die Bezeichnung für Stationen, die im Vergleich zur namensgebenden Ortschaft am A* der Welt liegen, manchmal dutzende Kilometer entfernt. Die Morgenstimmung war fantastisch, überall Tempel entlang des Flusses, hier lag gleich die Tempelstadt Omkareshwar auf einer Flussinsel in der Nähe. Menschen badeten vor mir im Fluss, hinter mir wurde in einem Tempel Gesang mit dazwischenklingenden Gongs angestimmt.

Die Bogenbrücke des State Highway 27 über den Fluss Narmada.




Der Ort und die Stimmung mit leichtem Nebel waren einfach bombastisch.














Ich habe es ja versprochen: Fünf auf einem Motorrad! :-)



















Altmodische Kuh vs. motorisierte Kuh.




Ach ja, Eisenbahnbrücke gab es hier natürlich auch! Der Zug hatte leicht Verspätung, und Lucky, der sich im Auto entspannt hatte, kam zu mir. Dann war es aber endlich so weit.
YDM-4 6737 beschleunigte am Einfahrtssignal von Omkareshwar Road vorbei auf die mächtige Brücke, im Tempel hinter mir wurde der Gesang genau passend immer ekstatischer.




Der 52992 Khandwa - Ujjain Passenger hinterließ eine lange Rauchspur an den Badenden vorbei.









Das Narmada-Panorama mit Eseln und Kühen.




Wir setzten die Fahrt fort, Blick von der Brücke mit einer modernen im Hintergrund.




Überholmanöver auf der Brücke...




Nun ging es doch noch eine gute Stunde weiter ins Land, das teilweise einsam und dürr wirkte, anderseits in den Ortschaften enormes Chaos und Leben barg. Besonders fielen mir einige Ochsenwagen auf, bei denen die Zugtiere blau bemalte Hörner trugen. Letztendlich bogen wir auf den Highway 26 ab und kamen bald nach Khandwa – es klang bei den Einheimischen nach "Kandawa" - , eine sehr lebhafte Kleinstadt. Lucky brachte mich vor den teils berstend vollen Bahnhof, nun im Bereich der Central Railway, und ich war bis zur Abfahrt meines Zuges am Abend auf mich allein gestellt. Leider hatte ich keinen Platz mehr für einen früheren Zug nach Manmad bekommen, ursprünglich wollte ich mit dem Meterspurzug um 14:00 ankommen und direkt nach Pune weiterfahren. Ich ging gleich am nächstbesten Bahnsteig zum Station Manager hinein und zeigte ihm die Fotogenehmigung. Doch der meinte, er sie nur der Vorstand des Meterspurbahnhofs, ich sollte mich an den Breitspurkollegen auf Bahnsteig 1 richten. Tatsächlich, ich stand auf Bahnsteig 5, in der Meterspursektion der Station. Über die Fußgängerbrücke marschierte ich hinüber zum Breitspurbahnsteig 1.

Blick auf den Meterspurteil von Khandwa Junction, rechts steht gerade ein Express nach Norden an einem der drei Breitspurbahnsteige.




Geschäftiges Leben am Breitspur-Hausbahnsteig.




Der große Boss war noch nicht da, also begab ich mich zum Duty Station Manager, der die tatsächliche Arbeit erledigt. Im Büro waren lauter freundliche Kerle, sie meinten nur, ich sollte warten, bis der echte Station Manager - ein älterer Beamter - kommen würde. Dieser kam dann auch, las den Brief gründlich durch, und schickte seinen Assistenten zum Markt, um eine Kopie davon anzufertigen, da ich schon alle an vorherige Vorstände verteilt hatte. Mittlerweile hatte ich meine ausgedruckten Fotos ausgepackt, besonders der Duty Station Manager war ganz fasziniert davon, ebenso der dazugekommene Guard. Ich ließ alle die Bilder durchschauen und ein paar aussuchen.

In einer Pause ohne Chef wurde ich vom Assistenten um ein Foto gebeten.




Danach wurde mir auch der Retirement Room, quasi ein Hotelzimmer direkt am Bahnsteig, verschafft, damit ich die Wartezeit bis zum Abend ausgeruht überstehen konnte. Ich legte mich in den einstigen Prachtraum, nur dem Bettzeug traute ich nicht und breitete eine Jacke darüber aus. So konnte es sich leben lassen, ausschlafen, die Züge direkt vor der Zimmertür, hier gleich rechts. Es tat sich auch recht viel, denn dies hier war die Central Railway Hauptstrecke, die ich schon am ersten Tag der Reise mit dem Punjab Mail befahren hatte.




Nach Mittag ging ich dann im verlassenen vegetarischen Refreshment Room - es gab getrennte vegetarische und nicht-vegetarische Lokale - etwas essen und erwartete anschließend die Ankunft meines Meterspurzuges vom vorherigen Tag, Ratlam – Akola. Leider war die Location alles andere als verführerisch, mit dem Bahnsteig zum Bersten voll hatte ich mich auf einen kleinen Hügel dahinter verzogen, der allerdings der Erleichterung der Passagiere diente, obwohl die offiziellen Toiletten wenige Meter Luftlinie entfernt am anderen Bahnsteig lagen. Zwei ältere Männer spazierten während ich dort stand einfach her, hockerlten sich hin, und vollführten ihr kleines Geschäft – in Indien traditionell im Sitzen, bei indischen Gewändern ist auch kein Öffnen nötig. Dazwischen tummelten sich am Gleis einige Schweine. Nun kam ein Zug aus Richtung Akola an, auf diesen hatten besonders viele Menschen gewartet.

YDM-4 6726 - meine Zuglok vom vorigen Tag - kehrte mit dem 50 Minuten verspäteten 52974 Akola - Ratlam Passenger aus dem Süden zurück. Am Meterspur-Hausbahnsteig 5 beschleunigte sie noch einmal kurz rauchend und trieb ein armes Schweinderl vor sich her.









Stop! Stop! Immer diese Verkehrsrowdies... ;-)




Anschließend war es Zeit für den Gegenzug die schöne Formsignalgruppe zu passieren.




YDM-4 6431 aus Mhow mit meinem Zug vom vorherigen Tag, dem 52975 Ratlam - Akola Passenger, traf auf die Breitspur Güterzug-E-Lok WAG-5 HA 23282 aus Arakkonam - nahe Chennai im Süden Indiens! - mit Güterzug.




Mein Entscheidung gegen diesen Zug war offensichtlich nicht schlecht gewesen, das einzige Mal, dass ich auf Meterspur-Dachreisende traf. Ich hätte zwar im Sleeper reservieren können, aber dass man da hinausschauen kann, ist bei der Masse auch nicht garantiert.














Auf Bahnsteig 3 (Breitspur) und 4 (Meterspur).




Gruß an das Stellwerk bei der Ausfahrt.




Armut findet man vor allem auf Bahnhöfen deutlich sichtbar, ein kleines Mädchen einer Familie, die offensichtlich am anderen Bahnsteig lebte, kam zu mir hinübergelaufen.




Nun fuhr auch der Zug nach Akola aus.



Im Breitspurteil sollte sich in nächster Zeit nicht viel tun, es reichte mir auch wieder in der aufkommenden Hitze. Ich schenkte dem kleinen Mädchen noch etwas und legte mich hin.
Nach vier, just als ich wieder einmal rausschauen wollte, klopfte es plötzlich an der Tür, der Station Manager würde mich erwarten. Ich ging in das Büro, dort empfing mich gegenüber vom Vorstand sitzend ein Herr von der "Central Railway Intelligence"...
lg,
Roni

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