Autor Thema: Orient-Express 4: Filia - Dostluk - Freundschafts Express (50 B.)  (Gelesen 2618 mal)

Roni

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Hallo!


Zum vorherigen Teil der Serie:
Orient-Express 3: Abend auf zwei Kontinenten (50 B.)
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=3508.0



4. 11. 2008

Wir sind zurück am Orient-Express Bahnsteig von Istanbul Sirkeci.




Unser Zug wurde gezogen von E52518, welche uns schon am Morgen mit dem Bosfor-Express hertransportiert hatte.




Doch diesmal verließen wir Istanbul an Bord des 81022/445 Filia - Dostluk - Freundschafts Express, welcher damals die Türkei mit Griechenland verband. Im Februar 2011 ist der Zug ebenso wie alle anderen internationalen Passagier-Verbindungen von der griechischen Eisenbahngesellschaft OSE eingestellt worden, aufgrund der Finanzkrise.




5. 11. 2008

Der Zug Istanbul - Thessaloniki bestand aus der griechischen Garnitur, wir bezogen eine "obere" Kabine im ehemaligen SNCF-Schlafwagen. In der Türkei waren wir pünktlich und überquerten die türkisch-griechische Grenze auf der Original-Strecke nach Europa über Uzunköprü (die inner-türkische Verbindung nach Bulgarien wurde erst später hergestellt) hinter der TCDD Alsthom Diesellok DE24136. An der Grenze ergab sich eine sehr skurrile Szenerie, denn auf beiden Seiten des Grenzflusses standen die Soldaten aufgereiht. Besonders surreal war es in Griechenland, denn dort passierten wir irgendeinen Freizeitbereich mit Baldachin, Gartenmöbeln, gedecktem Kaffeetisch, daneben ein Volleyballplatz - und dazwischen posierten die Soldaten. Aussteigen wie in Kapikule musste man am Grenzbahnhof Pythion nicht, es wurden nur die Pässe eingesammelt.

Da ich nur mit der Videokamera rausging, möchte ich hier der Vollständigkeit halber zwei Fotos meines Reisebegleiters einfügen:









Verspätung sammelten wir erst beim Warten in Pythion an, wo unsere OSE-Lok mit dem Gegenzug D 444/81021 bestehend aus modernen TCDD-Wagen trotz großzügiger Standzeit erst 40 Minuten nach geplanter Abfahrt ankam. Nachdem wir schöne Landschaften im Frühnebel durchquert hatten, begegneten wir im Knotenbahnhof Strymonas D 360 Thessaloniki - Sofia, gezogen von der ADTranz-Lok 220 036, die letzte ihrer Serie. Links über die Brücke führt die Strecke aus Thessaloniki her, geradeaus wird in 15 km die bulgarische Grenze erreicht.




Unterwegs ab Strymonas wurde fleißig zweigleisig ausgebaut, wenn auch manchmal etwas seltsam, denn wo kein Platz war wurde das zweite Gleis in einer S-Kurve einfach abseits des alten geführt. Im Bauzugeinsatz waren auch zwei CD-Loks zu sehen, davon eine 742er. Letztendlich erreichten wir Thessaloniki erst kurz vor Mittag, mit 80 Minuten Verspätung. Wir steckten unser Gepäck schnell in Schließfächer und begaben uns auf einen ersten Ausflug an die Strecke nach Florina (dort gäbe es auch eine Abzweigung nach Bitola) und Kozani. Oberhalb von Edessa tauchten wir aus der dominierenden Hochnebeldecke auf.

Leider sahen wir im Abzweigebahnhof Amynteo bis auf die Züge, die wir nutzten, nur diesen einen Bautriebwagen. Vor Ort konnte man noch Formsignale, sowie abgestellte Wiener Stadtbusse entdecken. Schon müde ließen wir es für den Tag bleiben und fuhren in unser Hotel nach Thessaloniki.




6. 11. 2008

Frohen Mutes, in der Hoffnung endlich Rübenzüge zu erwischen, ging es am nächsten Morgen wieder an die gleiche Strecke, ans Ufer des Vegoritida-Sees bei Agios Panteleimon. Ab 8:30 starteten wir mit einer der miserabelsten Wartezeiten unserer Bahnfotografen-Karriere - und das will ob der Warterei in unserem Hobby schon einiges heißen! Der Nebel blieb vorerst persistent, es war einfach nur schweinekalt, trotz Jacke. Um 10:30 zeigte sich dann als erster Planzug 738 ein MAN-Doppel der Baureihe 621, gleich daneben wurde zur Freude unserer Nasen Plastik direkt am Gleis verbrannt...




Gegen Mittag lichtete sich der Nebel ein wenig, ich erkundete die schöne Strecke zu Fuß.




So ging sich ein Panorama in wunderbarer Nebelstimmung aus, mit älterem MAN-Triebwagen. Die Farben sind absolut echt!




Gegen eins reichte es uns, wir nahmen Zug 742 zurück. Highlight unseres Aufenthaltes war, neben der eigentlich herrlichen Landschaft, der Name der Haltestelle: Stasis km 152,150! ;-)




Im gut ausgelasteten Triebwagen, wie eigentlich die meisten OSE-Züge, ging es am schönen Ufer des Sees entlang. Die Abteiltür neben unserer Sitzgruppe wurde durch einen ausgefinkelten Mechanismus mittels Stein am Boden offen gehalten. Der Sohn des Lokführers (der auch die Stationen ansagen durfte ;-)) ging durch und verteilte Protest-Pamphlete gegen Privatisierungspläne.

In Arnissa am Ostufer des Sees wurde immer gekreuzt, hier fand sich noch schöne Infrastruktur.




Durch wunderbare Szenerien aber ohne ein Zipfelchen eines Rübenzuges gesichtet zu haben, tauchten wir bald bei Edessa nach Überquerung von Trestlework-Brücken wieder in den Hochnebel ein. Erst nach unserer Reise erfuhren wir, dass genau in jenem Jahr kein Rübenverkehr auf der Strecke stattfand. Dafür wurde der Personenverkehr ab Edessa bald darauf eingestellt und erst vor kurzem wieder mit drei Zugpaaren pro Tag nach Florina als Proastiakós (Vorortelinie) aufgenommen.




Bei der ersten Station in der Ebene unterhalb von Edessa entdeckten wir plötzlich etwas im Dickicht: A 507 (MLW MX-636 / Baujahr 1974) hatte tatsächlich einen Güterzug mit Kesselwagen nach Skydra gebracht, und ja, irgendwo versteckte sich noch ein Gleis.




Die Lok verschwand anschließend alleine in den Büschen, um plötzlich gedreht wieder aufzutauchen - offensichtlich gab es hier noch ein Gleisdreieck. Danach machte sie sich auf den Weg zurück Richtung Thessaloniki.




Nach einer Stunde Aufenthalt setzten wir unsere Fahrt auch fort, ab Edessa herrschte dichterer Verkehr.
Mittlerweile sprachen wir mit einer alten Dame, die meinen Begleiter, dessen Vorfahren nie Ostösterreich verlassen hatten, als "guten griechischen Jungen" bezeichnete, während ich osteuropäische Mischung als "echter Deutscher" identifiziert wurde... ;-)




In Platy an der Hauptstrecke Thessaloniki - Larissa - Athen endete unser Regionalzug, daneben stand A 204 (ALCO DL532B / 1962), welche wieder in die türkise Originallackierung zurückversetzt worden war.




Zurück zum Hotel brachte uns ein E-Desiro, welcher seit 2007 auf der Strecke Larissa - Thessaloniki als Proastiakós verkehrte.




Nicht unser Hotel, aber auf den Straßen Thessalonikis war die Hölle los, diese wurde verschärft durch den U-Bahnbau, hier vor dem Holiday Inn - was für ein entspannter Urlaub! ;-)




7. 11. 2008

Am nächsten Morgen kehrten wir zu den Betonbahnsteigen des Neuen Bahnhofs in Thessaloniki zurück (siehe: http://en.wikipedia.org/wiki/New_Railway_Station ).




Wir dachten uns: wenn schon in den Bergen nichts los ist, muss man es eben mit der Hauptstrecke versuchen. Allerdings war in der Ebene und entlang der Küste natürlich mit dem zähen Hochnebel zu rechnen. Unsere erste Station war Neo Pori kurz vor Larissa, Richtung Thessaloniki war soeben der Schnellzug 592 aus Kalambaka bestehend aus einem AEG-InterCity-Triebwagen der Baureihe 520 eingefahren.




Mit Zugbegleiter am Führerstand und Spitzenlicht hinten sah es fast gestellt aus. Eine leicht virtuelle Hommage an das vor der Elektrifizierung schöne Motiv in Neo Pori.




1 1/2 Stunden später folgte IC 70 Athen - Thessaloniki - Alexandroupoli, die Fernverkehrswaggons der OSE sind Verwandte der SGP ÖBB Modularwagen... es herrschte wirklich "viel" Verkehr auf dieser beton-modernisierten Hochleistungsstrecke.




Und dann wieder eine Stunde später tatsächlich: ein Rübenzug gezogen von A 503! Es sollte der einzige Güterzug bleiben, den wir auf der Hauptstrecke sahen.




Wir fuhren weiter nach Litochoro, wo die Bahn nahe der Küste verlief (nicht, dass man davon viel merkte). Plötzlich hatte man sich entschieden, Schnellzüge wie 501 nach Athen bis Larissa auf HellasSprinter der Baureihe 120 umzuspannen - hier konnten 160 km/h erreicht werden.




Eine halbe Stunde später passierte uns Schnellzug 500 aus Athen. Achja - ohne Hochnebel wäre irgendwo der Olymp zu sehen, wollte ich nur angemerkt wissen... :-)




Proastiakós in der Betonwüste von Litochoro.




Als letzte Station nahmen wir Katerini mit, hier hatte sich als einziges noch der frühere Charme der Strecke erhalten, doch es wurde schon fleißig modernisiert. Am provisorisch erhöhten Bahnsteig hielt IC 52 aus Athen. Danach reichte es uns mit der Hauptstrecke für den Tag.




8. 11. 2008

Bis zu unserem Abflug blieb uns noch ein Vormittag, wir beratschlagten was das Schlaueste wäre. Bisher war: 1) die Stelle schön und es blieb a) der Nebel zu lange, oder b) es kam nichts, oder 2) die Stelle war grottig, zu Tode modernisiert und es kam eigentlich auch kaum etwas.

Doch immer im Vorbeifahren war uns eine nette kleine ALCO am Verschubbahnhof aufgefallen, daher entschieden wir uns einfach zu bleiben. Ein Blick am frühen Morgen aus dem Hotelfenster sagte: kein Hochnebel! Also schnell gepackt und in den Stadtbus zum Güterbahnhof, wo wir...







... in eine andere Welt eintauchten!




Die Filme zur bisherigen Reise findet man übrigens hier:

http://www.youtube.com/watch?v=dZ93gBTEKuM

http://www.youtube.com/watch?v=aOl09S2eFBk

http://www.youtube.com/watch?v=2--Txxu0ws8



Und den Soundtrack zu den folgenden Bildern hier:

http://www.youtube.com/watch?v=RCF4nUZ-VRA








Die freundliche Besatzung von A 205.




Der Lokkasten ist sehr ähnlich zu einer indischen Meterspur-YDM-4, jedoch ist die Lok mit zweiachsigen Normalspur-Drehgestellen ausgestattet.




Eine ex-DB V100 konnte ebenfalls neben der Hauptstrecke abgestellt entdeckt werden, im Hintergrund sieht man einen Schienenbagger bei der Arbeit.




Aufgrund der Bauarbeiten nutzte dieser Desiro ein elektrifiziertes Gleis am Güterbahnhof entlang.




Als nächstes Highlight tauchte A 457 (MLW MX-627 / 1973) auf, welche mit schweren Verschubaufgaben betreut war.
























Dieselparadies Griechenland, wo sonst könnte man eine V100 neben einer MLW neben einer ALCO erleben?




Auch Streckendiesel fuhren vorbei.




Wohl der wohnlichste Abrollberg der Welt, allerdings waren die Gleisverbindungen schon gekappt worden.




Obwohl die Großstadt gleich daneben lag, hier gab es noch herrliches Flair.




Ich bin mir nicht sicher, was hier im Angebot war, es wurde mit einem Schöpfer in Plastikbecher eingefüllt.




Ein stolzes MLW Doppel aus A 510 (damit begegneten wir der Hälfte der betriebsfähigen Baureihe) und A 458 (in neuer Lackierung, mit niedriger "Schnauze") vor dem Posten Thessaloniki 2.




Nun kam auch wieder auf der Hauptstrecke etwas vorbei, durch die Schotterpiste staubte es immer ordentlich. Zunächst ein alter MAN-Triebwagen als 736 aus Edessa.




Wenig später düste 741 in die Gegenrichtung vorbei.




Wir erwischten einige Schnellzüge, hier wieder IC 70, allerdings war bis nach Mittag kein Filia Express in Sicht.




Nun hieß es Abschied nehmen, von dieser letzten Location, die einiges für die vorhergegangenen Tage gutmachte.




Mit genug Zeitpolster setzten wir uns in den Stadtbus direkt zum Flughafen - und es war auch nötig, denn wir benötigten eine Stunde um uns durch den wahnwitzigen Verkehrs-Moloch Thessaloniki zu kämpfen. Am Flughafen blieb noch ein wenig Zeit, dann hob unsere SkyEurope-737 Richtung Bratislava ab.

Belebter Abendhimmel über Belgrad - wohin er uns wohl als Nächstes verschlagen wird?
lg,
Roni

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DarkFox

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Re: Orient-Express 4: Filia - Dostluk - Freundschafts Express (50 B.)
« Antwort #1 am: 17. September 2013, 19:00:17 »
Eine schöne Reportage!

Ich erwarte in längerer Zukunft mehr. ;D

Mit freundlichen Grüßen
DarkFox

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Re: Orient-Express 4: Filia - Dostluk - Freundschafts Express (50 B.)
« Antwort #2 am: 19. September 2013, 17:46:16 »
Hallo Roni. Danke fuer die tollen Bilder.
Schoenen Gruss aus Bali
Peterle