Autor Thema: Orient-Express 5: Dogu Ekspresi (50 B.)  (Gelesen 2159 mal)

Roni

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Orient-Express 5: Dogu Ekspresi (50 B.)
« am: 05. Oktober 2013, 22:30:22 »
Hallo!


Zum vorherigen Teil der Serie:
Orient-Express 4: Filia - Dostluk - Freundschafts Express (50 B.)
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=3513.0



Willkommen zurück auf der Tour, auf der man nie weiß, wohin es einen als Nächstes verschlägt - ganz getreu dem "Orient"-Faktor im Express, man könnte es aber auch in "Inschallah"-Tour umbenennen...
Ende 2012 fasste ich den Entschluss, heuer an einer organisierten Zugfahrt durch die Türkei teilzunehmen, es sollte Ende September 2013 ab Divrigi durch das Euphrattal nach Osten bis Kars gehen. Als Anreise hatte ich mir eine individuelle Woche vorgenommen, um am Landweg dorthin zu kommen und eventuell noch Station in Serbien und Bulgarien zu machen. Klarerweise wäre das Ganze mit Hindernissen um die aktuellen Streckensperren in Istanbul verbunden gewesen, ein paar Stunden Busfahrt zur Überbrückung hätte man eben irgendwie durchdrücken müssen. Nun, im April war alles gebucht, Hotels und Reiseroute vorgeplant. Leider machte mir gegen Juni dann mein Job einen Strich durch die Rechnung, im September wurde ich dringend gebraucht, nur die eine Kernwoche rund um die organisierte Tour konnte ich mir freihalten. Also wieder einmal alles umgeplant, der Rückflug ab Erzurum konnte bleiben, hin sollte es am Donnerstag, 19. 9. 2013, Nachmittag mit Pegasus Airlines bis Kayseri gehen. Dorthin gelangte ich absichtlich einen Tag früher und plante ein Auto zu mieten, um so viel wie möglich von der Gegend erkunden zu können. Tja, auch daraus wurde nichts, denn in der Woche vor der Reise fühlte ich mich nicht so gut, daher wollte ich nicht unter Medikamenteneinfluss ein Mietwagenabenteuer in der Türkei wagen. Also wieder einmal storniert und umgebucht, irgendwie würde man vor Ort schon weiterkommen. Trotz der vielen Veränderungen und Ungewissheiten freute ich mich schon tierisch auf die Reise und blätterte als Einstimmung noch alle Reiseberichte auf DSO durch, sowohl aktuelle, als auch die tollen historischen von User Karabük und Co.


Zum Nachschauen und Schmökern gibt es hier eine sehr detaillierte Karte des TCDD-Bahnnetzes (Achtung 12,9 MB groß, aber ist es wert!):
http://www.tcdd.gov.tr/upload/Files/ContentFiles/2010/harita/TR-M-S-001.jpg



19. 9. 2013

Am Donnerstag zu Mittag nahm ich einen Bus der Linie 9A, welcher mich bequem mit großem Rucksack als Gepäck zum Bahnhof Wien Meidling beförderte. Dort wartete ich auf den Flughafenbus ab Dörfelstraße, der sich in letzter Zeit als bequemster und direktester Weg zum Flughafen herausgestellt hatte. Beim Einsteigen erfuhr ich jedoch, dass nun 8€ Vollpreis zu löhnen waren, Tickets bis zur Stadtgrenze und weitere Ermäßigungen wurden auch nicht anerkannt. Dennoch, bequemste Option blieb, also setzte ich mich hinter ein iranisches Ehepaar in eine der vorderen Reihen. Am Flughafen hält der Bus nun am neuen Terminal, Check-In hatte ich jedoch im alten Teil, noch dazu beim Check-In 1A, welcher in einem separaten Gebäude auf der anderen Straßenseite untergebracht war. Also das Gepäck auf ein Wagerl geladen, durch einen langen Gang rübergelatscht und im Check-In Gebäude durch die schon um alle Ecken führende Schlange für den Billigflug nach Antalya gekämpft. Für meinen Flug stand noch kaum jemand an - nur wieder das schon bekannte iranische Ehepaar! Diese blockierten dazu die Online-Check-In-Schlange, wo ich mich als einziger legitim angestellt hatte. Das Gepäck wurde gleich nach Kayseri durchgecheckt, also kein Stress in Istanbul. Danach ging es gemütlich in den schon bekannten außer-EU Abflugsbereich, wo die Sicherheitskontrolle erst am Gate stattfand. Etwa die Hälfte der Passagiere bestand aus Touristen, ein paar Mitreisende waren verschleiert, ihnen wurde die Wahl gestellt den Mantel an der Kontrolle abzunehmen oder manuell kontrolliert zu werden.
Meine Pegasus 737-800 (wie auch alle weiteren Flugzeuge meiner Reise) hatte sogar eine Fluggastbrücke für sich gebucht, beim Flugzeug stand ein etwas beleibter türkischstämmiger Polizist, der sich mit der Crew auf Türkisch unterhielt. Für den längeren Flug hatte ich mir einen Notausgangsitz gegönnt, kann man sich auf der Website gegen kleines Entgelt auswählen. Dies war auch eine gute Idee, denn bei Pegasus sind die Sitzabstände extrem eng. Noch dazu blieb der Sitz neben mir den Flug als einer der wenigen frei, am Gang hatte sich ein Businessman breitgemacht, der selbst beim Start nicht aufhörte auf seinem iPad herumzuspielen. Ansonsten kann über Pegasus weder Negatives noch Positives berichtet werden, gratis gab es ansonsten eben rein gar nichts. Nur das derzeitige Sicherheitsvideo kann man wohl als Geniestreich bezeichnen, denn es wird komplett von Kinderschauspielern aufgeführt, auf Türkisch mit englischen Untertiteln. Ich fand die Idee richtig gut, denn normalerweise schenkt ja kein Mensch mehr diesen Sicherheitseinweisungen Beachtung, aber so schaut man doch hin. Nur für Vielflieger muss es mit der Zeit zur Tortur werden.
Hier kann man es sich anschauen: http://www.youtube.com/watch?v=20Oijew6xHs


Wir beendeten den letzten Bericht im Himmel über Belgrad, nun konnte ich mir den Balaton von oben anschauen, bei Belgrad wurde es wolkig. Im oberen Bild sieht man in der Mitte ganz hinten den heiligen Berg Athos aus dem Dunst aufsteigen. Anschließend machten wir eine Kurve über den kleinasiatischen Teil von Istanbul, wo die Stadt überraschend abrupt aufhört. Beim Anflug überquerten wir in geringer Höhe die schon wieder aus dem Kalender geworfene ex-Formel 1 Rennstrecke, dann landeten wir von Osten kommend am Flughafen Sabiha Gökcen, benannt nach der ersten Pilotin der Türkei, einer Adoptivtochter Atatürks. Der zweite Flughafen Istanbuls wurde offensichtlich vor allem als Basis von Pegasus genutzt, andere Flugzeuge waren in der Minderzahl. Ich begab mich zum Einreiseschalter, das türkische Visum hatte ich bereits online erstanden, also ging alles sehr schnell, und ich spazierte zu den Inlandsabflügen. Am Gate blieb noch Zeit für die erste Efes-Pause.




Am Gate bildeten sich zwei Schlangen, ein freundlicher (wie so ziemlich alle) Türke ließ indische Touristen vor und meinte dazu: "No problem, no problem!", plötzlich wurde klar, dass es sich um eine zehnköpfige indische Reisegruppe handelte, da rief er scherzhaft: "Ah, big problem!" ;-)
Anschließend ging es per Bus zur nächsten, identischen Maschine. Auf diesem Flug belegte ich Sitz 8F, zunächst blieben die Plätze neben mir leer, doch dann trudelte noch eine zweite Busladung ein. Zunächst dachte ich, es handelte sich bei den Männern neben mir um Arbeiter, doch dann wurde ich in gutem Englisch nett nach meinem Reiseziel gefragt. Der Flug über Anatolien verlief schnell, nicht einmal eine Stunde. Interessant wurde es durch die Vollmondnacht, so sah man immer wieder Landschaftsteile durch die Wolkendecke blitzen, etwa die großen Seen westlich von Kayseri nachdem wir Ankara überflogen hatten. Pünktlich setzten wir zum Landeanflug an und marschierten danach hinüber zum Flughafengebäude, welches man in etwa einer Minute Gehzeit durchqueren konnte. Wir warteten in einer Halle mit zwei Bändern, es lief das andere als das angezeigte an. Bald hatten alle außer ein paar verdutzt dreinschauenden Touristen inklusive mir ihr Gepäck, da kam ein Flughafenmitarbeiter rein und meinte: internationales Transfergepäck - bei der internationalen Ankunft! Wir marschierten also in einer Gruppe wieder auf das Rollfeld und durch das nächste Tor in eine ähnliche Halle, hier lagen auch schon alle Gepäckstücke gleichmäßig am Band verteilt. Danach ging es durch die geschlossene Passkontrolle zum selben Ausgang. Ich nahm mir sofort ein Taxi und gab als Destination mein Hotel My Liva an. Dieses lag gleich in der Nähe des Bahnhofs, an der Rückseite schloss ein Handwerks- und Geschäftsviertel an. Der Taxameter zeigte 20,70 türkische Lira, doch wie noch öfters in Kayseri wollte der Fahrer nur 20 von mir. Angetan von dieser Ehrlichkeit und Bescheidenheit gab ich ihm noch ein bisschen Trinkgeld. Im Hotel wurde ich erwartet und bekam den Schlüssel für Zimmer 515. Der Aufzug wurde per Touchscreen gesteuert und zeigte laufend Videos.

Vor Mitternacht stellte ich mein Stativ am Balkon auf, mein Zimmer schaute auf das Stadtzentrum. Immer wieder zeigte sich der Vollmond durch die Wolken, welche am fast 4000 m hohen erloschenen Vulkan Erciyes hingen, welcher über Kayseri thronte. Mehr dazu hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Erciyes_Da%C4%9F%C4%B1






20. 9. 2013

In der Nacht stimmte mich das immer wieder zu hörende Lokpfeifen nebenan schon auf die Woche ein, endgültig aufgeweckt wurde man ohnehin vom Muezzin immer eine Stunde vor Sonnenaufgang, hier 5:20. Am nächsten Morgen hatte der Himmel über dem ehemaligen Caesarea, der heutigen Millionenstadt Kayseri (laut Wild-West-ähnlichem Ortsschild mit aktueller Einwohnerzahl), komplett aufgeklart. Mehr Info: http://de.wikipedia.org/wiki/Kayseri




Als erstes war eine Frühtour zur 2009 eröffneten Straßenbahn Kayseray geplant, welche mit AnsaldoBreda "Sirio"-Garnituren betrieben wird. Die Route: http://en.wikipedia.org/wiki/Kayseray
Ich marschierte durch das Geschäftsviertel, wo man untertags sicher alles bekommen konnte, bis ich noch unter Vollmond zum Osman Kavuncu Boulevard gelangte.




Die Stationen sind wie in Istanbul nur durch Barrieren zu erreichen und werden von Sicherheitsleuten bewacht. Zu meiner Fototätigkeit sagte niemand etwas, aber ich hielt mich auch eher von Stationen fern.




Durch die Stadt verläuft die Bahn schön auf einem Rasengleis, auf den Straßen waren viele, vor allem neue CNG-Busse unterwegs. Auffallend war das ständige Puffen von Luft an den Bussen, das habe ich bisher nur um Kayseri erlebt - kann vielleicht jemand aufklären, was das ist?




Angekommen am Cumhuriyet Meydani, dem Platz der Republik, reitete Atatürk in die Morgendämmerung.




Straßenbahntreffen im Stadtzentrum.




Trotz moderner Verkehrsmittel lag aufgrund von Kohleheizungen Dunst in der kühlen Morgenluft - der Geruch erinnerte mich fast an chinesische Kohleminen.














Hurtig, sonst verpass ich noch meine Kayseray!
Kayseri ist als konservativste Großstadt der Türkei bekannt, dennoch sah man auf der Straße eher wenige Frauen mit Kopftuch.




Alternative Transporte wären:




Zwischen all den neuen Bussen tauchte auch gelegentlich ein Relikt aus anderen Zeiten auf.




Von der Brücke des Ekilet Boulevards hatte man einen guten Überblick über das Bahnhofsgelände:

Der Bahnhof von Kayseri wurde als Lokeinsatzstelle genutzt - wie man an den zwei DE22000 hier sieht - , hierfür sind einige Verschubbewegungen nötig:
1) Wasser am Brunnen holen
2) Proviantpaket holen (das Wichtigste für jeden TCDD-Lokführer)
3) Einsatzbefehle holen




Die weiteren Destinationen sind schon angeschrieben...




Vor dem Gar ist die 44019 als Denkmal aufgestellt. Eine preußische G8, die 1912 im 1. Weltkrieg in die Türkei gelangte. Die Geschichte der TCDD G8 ist aber derart (kriegs-)wirr, dass nur für ein paar Maschinen komplette Lebensläufe erhalten sind.




In der Türkei werden bei Dampfloks die Anzahl der angetriebenen Achsen und Achsen als erste zwei Baureihenziffern genutzt. Danach kann es mehrere Unterbaureihen geben, welche vollkommen unterschiedliche Maschinen bezeichnen können.




Dampflok und Vulkan Erciyes geht auch heute noch mit Abstrichen, leider ist das moderne Spital im Weg.




Der Bahnhof der heutigen Millionenstadt Kayseri wirkt im Vergleich zu anderen türkischen Orten etwas provinziell, allerdings muss man bedenken, dass die Stadt im letzten Jahrzehnt enorm gewachsen ist. Noch vor nicht allzu langer Zeit standen die Bahnanlagen hier noch einsam in der Steppe. Eines haben die meisten TCDD-Bahnhöfe gemeinsam: sie befinden sich bis zu liebevollsten Details in Top-Zustand.




Meine bevorzugte Art nach Divrigi zu kommen war natürlich der Dogu Ekspresi, welcher hier planmäßig um 0:48 abfahren und in Divrigi um 7:09 ankommen sollte. Mit kalkulierter Verspätung sollte das eine gemütliche Schlafwagenfahrt werden. Der Dogu Ekspresi, was "Ost-Express" bedeutet, ist namentlich die logische asiatische Erweiterung des Orient-Express, also bleiben wir auch in diesem Teil dem Reportagentitel treu!
Ich begab mich gegen 7:30 an den Schalter, die Halle war ganz verwaist und wurde gerade geputzt, kein Wunder wenn bis auf eine Ausnahme fast alle wichtigen Züge hier in der Millionenstadt gegen Mitternacht halten. Ich hatte alle Daten auf einem Zettel zusammengeschrieben und übergab ihn dem freundlichen Schalterbeamten. Dieser tippte schnell etwas in den Computer ein und schrieb mir auf, dass nur noch Kusetli, also Liegewagen, frei seien. Das war OK für mich - hätte ich geahnt, wie kurz die Nacht tatsächlich werden würde, erst recht. So berappte ich gerade einmal 26,75 TL (9,92 Euro) für die etwa 400 km Fahrt inklusive Liegewagenreservierung. Nun war alles geregelt, Übernachtung brauchte ich auch keine mehr - Zeit für das Tagesprogramm!

Am Bahnhofs-Cay-Salon deckte ich mich mit Proviant für den Tag ein, es hätte 6 TL gekostet, doch der Verkäufer wollte nur 5 haben - wirklich ein Wahnsinn, dieses Kayseri und seine Menschen!




Hier holten Lokführer ihr Wasser vom Brunnen.




GM-Lizenzbauten-Versammlung mit DE22037 (EMD G26CW-2 / Baujahr 1985) und DE22047 (Baujahr 1987) vor dem Empfangsgebäude des Bahnhofs.




Nun legte ich mich noch ein wenig auf's Ohr und duschte danach, mit dem Ziel, um 9:30 vom Hotel wegzukommen. Das große Gepäck hinterlegte ich an der Rezeption, sie dürften TCDD-Personal und späte Expressabfahrten gewohnt sein. Am Hotelparkplatz vor dem Hotel wartete ein Mann mit seinem Handkarren, irgendwie erinnerte mich das frappierend an meinen ersten Morgen in Mumbai.




Ich hatte das Hotelpersonal gebeten, mir ein Taxi zu rufen. Dieses war innerhalb von zwei Minuten da, es ging westwärts die Stadt hinaus zum Autobusbahnhof (Otogar). Eine Zeit lang verlief die Straßenbahn parallel, diese endete jedoch wesentlich vor dem Otogar, hatte also keinen Sinn für mich. Um 9:48 war ich da, durch eine Sicherheitskontrolle betrat man die moderne, große Halle. Hier gibt es keine Anzeigetafel, nur viele verschiedene Schalter von vielen verschiedenen Busgesellschaften. In der Türkei wird informelle Information großgeschrieben, und wenn das System funktioniert, klappt es auch perfekt. Einfach zu irgendeinem Schalter gehen, die Destination nennen - in meinem Fall: "Göreme" - , und man wird sofort zum Schalter der Busgesellschaft mit der nächsten Abfahrt dorthin weitergeleitet. In meinem Fall Süha, mit der Abfahrt in nur 10 Minuten: 10:00! Sofort Ticket um 15 TL gekauft, und schon saß ich im richtigen Bus. Die Abfahrt verzögerte sich zwar um wenige Minuten, da man noch auf Passagiere wartete, doch ich hatte es ohnehin nicht eilig. Auch auf der Straße vor dem Busbahnhof wurden noch zwei Mal Nachzügler aufgenommen. Mein Bus war ein Fernkurs nach Antalya, wie alle türkischen Langstreckenbusse recht luxuriös ausgestattet, jeder hatte seinen eigenen Bildschirm vor sich, und auch W-LAN war verfügbar. Bei jeder Reise gibt es mindestens einen Keks, Wasser und Tee oder Kaffee, vom Schaffner serviert. Eigentlich wollte ich ja Busfahrten um jeden Preis vermeiden, aber die Stunde war schon zu ertragen, und die Langstrecke war jetzt ohnehin im Zug gebucht.

Gleich außerhalb Kayseri passierten wir das Gleisdreieck von Bogazköprü. Hier fuhren wir auf der D300 nach Süden noch entlang der Strecke Richtung Taurusrampe und Adana. Im Hintergrund war wieder der Vulkan zu sehen, der erneut eine Wolkenhaube angesammelt hatte.




Nun drehte die Straße landeinwärts nach Osten, nach etwa 45 Minuten war die Töpferstadt Avanos erreicht, deren Flair mich jedoch während der Durchfahrt nicht gerade überzeugte. Bald aber tauchten die ersten Steinformationen auf - und gleich darauf waren wir mittendrin, in der Traumlandschaft Kappadokiens! Der Bus setzte mich in Göreme ab, der zentrale Ort ist absolut grauenhaft touristisch ausgebaut worden. Ich besorgte mir am Busbahnhof gleich ein Ticket für die Rückfahrt um 16:30, ein Flughafenshuttle für 20 TL sollte mich wieder die etwas mehr als 60 km nach Kayseri bringen.

Plötzlich läutete mein Telefon, dran war einer der Gruppenteilnehmer, der schon in Sivas eingelangt war und bei der Organisation mithalf. Von ihm erfuhr ich, dass die Fahrt sich verzögern würde, es sollten sich zunächst alle am nächsten Tag nach Mittag in Sivas sammeln. Hmmmmmmm...

Ich hatte ein paar Stunden Zeit und wollte eigentlich nicht herumfahren, sondern entschied mich, zu Fuß die Gegend zu erkunden - wie sich herausstellte die absolut richtige Wahl! Ich ging die Hauptstraße entlang zurück und bog in eine Nebenstraße ein, an der in 1 km Entfernung das Freilichtmuseum angekündigt war.
Auf Schritt und Tritt findet man hier die "Feenrauchfänge", oder wie man sie auch nennen mag. Fast in jede Tuffsteinformation, welche wir unter anderem unserem alten Freund - dem Erciyes - verdanken, wurden Höhlen gehauen.

Blick knapp oberhalb Göremes - den modernen Ort, wo man nun fast in jeder Pension ein Höhlenzimmer beziehen kann, habe ich hinter den Felsen versteckt.




Gleich westlich von Göreme findet man den imposanten Stadtberg von Uchisar.




Faszinierend an der Gegend ist auch der unglaubliche Fernblick auf komplett unterschiedliche Felsstrukturen. Wenn man hier wandert, hat man auf Schritt und Tritt komplett unterschiedliche Blicke und Perspektiven - einfach genial!




An einer extrem surrealen Hotelanlage bog ich bald von der Straße in ein Tal ein - ich hatte zwar keinen Plan, aber es sollte sich als Baglidere-Tal - oder auch Liebestal genannt - erweisen. Der Schotterwanderweg lief an einer hüfthohen Hecke entlang, daneben befand sich mitten in der um die Jahreszeit staubtrockenen Landschaft ein riesiger, spiegelglatter Pool, rundherum Liegen und kein Mensch in Sicht!




Ich musste leider einer Touristengruppe nachlaufen, doch nachdem wir an zwei von jeweils einem keifenden alten Ehepaar betriebenen Ständen vorbeigekommen waren, hatte ich meine Ruhe und sah stundenlang keinen Mensch mehr - vermutlich aufgrund der Mittagszeit. Die Wege sind hier ausgeschildert, zusätzlich wurden auf die Wegweiser Google Earth Karten aufgeklebt, auf denen privates Land rot markiert ist. Einziges Problem: kein Mensch hätte sich darauf je auskennen können. Noch dazu war es ein beträchtlicher Aufwand für die drei kleinen Kürbisfelder, die hier in der Landschaft zu finden waren.




Ich sah mir zunächst die Steinformationen im Tal an und ging anschließend am Rand herum bis an das Ende.




Manche Formationen erinnerten mich irgendwie an Puzzlesteine.




Ich erklomm den Hügelrücken westlich des Tales und ging ein Feld entlang, um in das nächste zu sehen. Hier war die Landschaft wieder komplett anders, durch den Tuff wirkte alles flauschig und abgerundet - im Hintergrund das mächtige Uchisar.




Von hier hatte man einen tollen Blick über die Landschaft, es waren nun dichtere Wolken aufgezogen, doch das machte das Ganze noch spannender. Die Lichtspots akzentuierten stets unterschiedliche Aspekte der Felsformationen.









Von weich bis schroff - hier findet man alles!




Das Kappadokien-Panorama.









Ich rastete mich nun etwas im Schatten eines der Felsgiganten aus. Ich entdeckte aus der Nähe, dass gelegentlich ein wenig am spröden Tuff unterstützend ausgebessert worden war.




Irgendwie erinnerten mich die Felsen auch an die Moai von der Osterinsel.




Beim Zurückgehen traf ich auf Reiter, dies ist neben Ballonfahren hier eine der Hauptattraktionen für Touristen.




Ich erreichte den Busbahnhof gegen 16:15, die Angestellten im Büro meinten, das Shuttle würde erst gegen 16:45 kommen. Also gut, setzte ich mich auf eine Bank draußen im Schatten. Mittlerweile kamen einige Japaner vorbei, auch über den Reisebüros wehten japanische Flaggen. Ein paar Jungs hatten Motorroller gemietet, während ein Pärchen sich extrem langsam per Quad voranbewegte. Ebenso trabte eine Kutsche einer Hochzeitsgesellschaft mit riesiger türkischer Flagge durch die Gassen. Um 16:45 erfuhr ich: noch fünf Minuten. Das Spielchen kannte ich doch gut aus Bosnien, die fünf Minuten können genauso eine halbe Stunde oder noch mehr werden. Mittlerweile fuhr einer der Angestellten mit dem Moped weg, während ein anderer einen Kombi einwies und daraufhin eine riesige Kiste voller Trauben auslud. Als Trost bekam ich gleich eine Ladung Trauben geschenkt - immer noch sehr nett, die Leute hier. Um 17:10 meinte einer zu mir, das Shuttle wäre schon hier, und tatsächlich, fünf Minuten später wurde ich aufgesammelt. Der Fahrer erwies sich als eher älterer türkischer Typus, schnell, Fahrstreifen missachtend und nervös. Bei frischeren Fahrschulabsolventen und durch drakonische Verkehrsstrafen ist aber allgemein eine starke Verbesserung des Fahrverhaltens erkennbar. Der Kleinbus war schon fast voll von ungeduldigen Touristen aus aller Welt, unter anderem Amerikaner und Portugiesen, welche schnell zum Flughafen wollten. Doch wir mussten noch über teils wahnwitzig steile, gepflasterte Straßen nach Ürgüp im östlichsten Eck Kappadokiens. Dort trafen wir auf den Gipfel des Wahnwitzes: ich hätte nicht gedacht, das ein Bus - selbst Kleinbus - es über derart steile Pflastersteine schaffen könnte. Ein russisches Pärchen hatte sich genau am Gipfel der Altstadt von Ürgüp einquartiert - tolle Höhlenwohnung, super Ausblicke - , aber ein Wunder, dass wir es hin und wieder zurück geschafft haben. Anschließend ging es auf den wie nun schon fast überall vierspurig ausgebauten Straßen rasch Richtung Kayseri. Nur ein Stück erwies sich wieder als Kuriosum, das ich auf der Hinfahrt im großen Bus gar nicht sehen konnte: Ein Teil der D300 vor Kayseri war dreispurig ausgebaut - jawohl: dreispurig! Das hieß, dass die mittlere Fahrspur zum Überholen in beide Richtungen genutzt werden konnte. Kein Problem ohne Verkehr - aber wenn man in der Mitte hinter einem anderen Fahrzeug her fährt, ohne zu sehen, was einem entgegenkommt, erzeugt das schon ein sehr mulmiges Gefühl. Ob sich das Konzept bewähren wird?

Ich wurde mit einem Busangestellten am Busbahnhof herausgelassen, der Rest düste weiter zum Flughafen. Nun ist es so, dass etwa hundert Meter vom Busbahnhof entfernt die Bahnlinie nach Kayseri hinein in ziemlich freiem Gelände verläuft... ich schaute mir den Himmel und die Stimmung an, dachte mir: das wäre ja ein Wahnsinn, wenn jetzt etwas kommen würde - und was tat es? ;-)




Bei Kayseri kann man sich zumindest immer auf Lokbewegungen verlassen: vorbei tuckerten DE22022 und eine DE24000.




Als nächstes nahm ich ein Taxi zum Hotel, im Abendverkehr ging es den Boulevard entlang. Der Mittelstreifen war überall in der Türkei stets grün und gepflegt, im Vorbeifahren sah ich einen Gärtner, der schon seit der Früh am Gießen sein musste. Gegen den Verkehrslärm hatte er Kopfhörer eingestoppelt. Wir begegneten einem besonders überladenen, vermutlich landwirtschaftlichen alten Lastwagen. Mein Fahrer versuchte ihm auszuweichen, jedoch kamen wir an einer Ampel direkt daneben zu stehen. Zu spät bemerkten wir, dass der Auspuff direkt auf unser offenes Fenster gerichtet war - beim Anfahren füllte sich das Taxi binnen Sekunden mit stinkenden Abgasen! Mein Fahrer gab Stoff, und wir entkamen dem Biest.
Im Hotel angekommen war es schon finster geworden, die nächsten Stunden verbrachte ich auf den Fauteuils in der Lobby, auch W-LAN funktionierte hier. Das Personal bot mir einmal Tee an.

Nach 23 Uhr machte ich mich mit Sack und Pack die paar Meter zum Bahnhof auf, davor waren sowohl Denkmallok als auch Bahnhofsgebäude schön beleuchtet, wie ich in der Nacht zuvor schon bemerkt hatte.




Die Wartehalle war nun gesteckt voll, einige standen am Fahrkartenschalter, es gab auch einen Informationsschalter, an dem sich eine Bäuerin etwa eine halbe Stunde lang immer wieder lautstark beschwerte. Auf Flachbildschirmen wurde Fernsehen gezeigt. Ich ging ein wenig raus, ein Zug wurde angesagt.




Der 4 Eylül (September) Mavi Treni Malatya - Ankara traf um 23:45 mit etwa einer halben Stunde Verspätung ein. Doch auch bei größeren Verspätungen harren die Menschen hier unbewegt auf den Bahnsteigen aus, einfach ein großes Durchhaltevermögen, manche Europäer hätten schon rebelliert. Dieser eine gelb-blaue Scheinwerfer im Hintergrund bereitete mir etwas Kopfschmerzen, denn er erzeigte so etwas wie Stereoschatten: ein Teil blau, ein Teil gelb und dazwischen die Schnittmenge davon schwarz.




Ich ging nach vor zur Güterrampe um die Ausfahrt aufzunehmen, plötzlich sah ich in der Dunkelheit zwei Gestalten hocken, die bei näherem Hinsehen in etwa das Gleiche vor hatten wie ich... und wer war es? Natürlich DSO-User Karabük und Dg53752, die selbst mehr als 30 Jahre nach ihren ersten türkischen Plandampfeskapaden noch immer mit jugendlichem Elan dem TCDD-Planverkehr nachjagten! Das war natürlich wieder Kismet, die ersten Bahnfotografen in der Türkei getroffen, und dann noch... auf jeden Fall verstanden wir uns auf Anhieb sehr gut, und es ist ja immer schön auf solchen Reisen Gleichgesinnte an seiner Seite zu haben!

Nach schnellem Personalwechsel donnerte DE22052 um 23:50 aus Kayseri aus.




21. 9. 2013

Wir schauten noch einmal auf den Bahnhofsvorplatz, doch die Beleuchtung des Bahnhofsgebäudes war nun um Mitternacht schon ausgeschaltet worden. Mit dem Gepäck suchten wir uns eine Bank in der Finsternis. Wir mussten ja jetzt nach Mittag in Sivas ankommen, hierbei schwebte es uns vor, mit dem Dogu ein bisschen weiter zu fahren und anschließend den Karma Yolcu Divrigi - Sivas in die Gegenrichtung zu nehmen. Als einzig sicherer Halt, auch bei Verspätung, konnte man eigentlich nur eine Station nach Sivas in Bostankaya aussteigen. Der nächste planmäßige Halt des Dogu war erst in Kangal angeschrieben, wo der Yolcu schon sehr früh abfuhr, und wir wussten nicht, inwieweit die Neubaustrecke auf der Sektion schon vom Express genutzt wurde. Nun, es würde zwar eine kurze Nacht werden, aber es bestand die Chance auf Landschaftsbilder von Güterzügen in der Wartezeit...

Immer wieder kamen Durchsagen, doch irgendwie fehlten ihnen stets informative Stichwörter wie Zugnamen oder Destinationen. Daher hatten wir keine Ahnung, wann der Dogu kommen würde, unter anderem dachten wir es schon bei diesen DE24000, die auch die klassischen Proviantaufnahme-Verschubpositionen eingenommen hatten.




Letztendlich kam der Dogu Ekspresi um 1:30 mit nur etwas mehr als 40 Minuten Verspätung an. Wir mussten an das Ende der Garnitur, denn hinter Generator- und Packwagen reihten sich zunächst die Sitzwagen, dann Speisewagen, mein Liege- und ein Schlafwagen. Die beiden anderen hatten Yatakli (Schlafwagen)-Plätze ergattert, da sie das Ticket ein wenig früher gebucht hatten. Die Zweierabteile sind echt luxuriös, aber auch mein Liegewagen bot mit Viererabteilen wesentlich mehr Platz als seine europäischen Pendants. Wir machten uns aus, bei Sivas noch einmal den Ausstiegsort zu bestimmen, je nach Verspätung. Der Deutsch sprechende Schaffner wies mich zu meinem Platz. Mit einem netten Jungen, der ebensfalls dort eingestiegen war, tauschte ich mein oberes Bett 45 gegen ein unteres. Sobald wir lagen, sprach er mich in feinstem Englisch an: "Hello, my name is Ibrahim! What is you name?" Ebenso fragt er mich nach meinem Ziel, daraufhin antwortete er: "This train also stops at Erzincan, Erzurum and Kars. My destination is Kars." Das alles mit einer etwas irreal klaren Stimme, als wäre es eine Zugdurchsage.
Eine Stunde nach Kayseri, in Sultanhani, donnerte uns der andere Dogu entgegen, mit etwa 2 Stunden Verspätung. Anschließend ging es recht zügig voran, nur muss bei der TCDD aus sicherungstechnischen Gründen in allen Stationen kurz gehalten werden. Oft kreuzten wir Güterzüge, einmal fuhr der hinter uns verkehrende 4 Eylül Mavi Treni nach Malatya auf ein Parallelgleis ein. Ich verfolgte unseren Fortschritt per GPS am iPhone, kurz vor Sivas ging ich hinüber in den Schlafwagen. Der Schaffner wusste sofort, wen ich suchte, und zeigte mir das richtige Abteil mit Betten 9 und 10. Ich klopfte an, und wir legten Bostankaya fest.
Mit etwa 1:45 h Verspätung verließen wir Sivas um 6 Uhr morgens im Frühnebel.




Durch das schöne Tal hinter Sivas ging es mit richtigem Tempo, wie fast überall aktuell in der Türkei wird oder wurde heftig an Gleiserneuerungen gearbeitet. Also blieb nicht viel Zeit, und ich wollte an die Zugspitze, um die Ausfahrt zu erwischen. Im Speisewagen lag das Personal noch auf den Bänken, quer über den Gang. Mit vollem Rucksack bepackt stolzierte ich vorsichtig drüber, ohne jemanden aufzuwecken. Anschließend durchquerte ich die Pullman-Wagen, teils Abteile, teils Großraum mit 2+1 Bestuhlung, sah auch alles ganz bequem aus. Vor dem Packwagen hielt mich ein Eisenbahner ab weiterzugehen. Bald erreichten wir die Abzweigung der Güterumfahrungsstrecke von Sivas vor Bostankaya, und schon hüpfte ich auf den Bahnsteig. Ich musste mich beeilen, denn sofort blies der Zugführer wieder in seine Trillerpfeife. Bei so einer Verspätung wird auch hier nicht lange gefackelt.

DE22004 beschleunigte alsbald den recht langen Dogu Ekspresi Richtung Kars - wir blieben auf dem überdimensionierten Bahnsteig der Station im Nichts der Weite der Steppe zurück, die beiden anderen waren hinten im Bereich des Empfangsgebäudes ausgestiegen.


Wohin führt uns die Reise das nächste Mal? Wer weiß! ;-)
lg,
Roni

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messermoser

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Re: Orient-Express 5: Dogu Ekspresi (50 B.)
« Antwort #1 am: 06. Oktober 2013, 16:39:26 »
Danke fuer die genialen Bilder
Schoenen Gruss aus Bali
Peterle


DarkFox

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Re: Orient-Express 5: Dogu Ekspresi (50 B.)
« Antwort #2 am: 06. Oktober 2013, 21:39:14 »
Guten Abend, Roni,

Es ist wieder eine tolle Reportage mit genialen Landschaftsbildern geworden. :)

Mit freundlichen Grüßen
DarkFox

Roni

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Re: Orient-Express 5: Dogu Ekspresi (50 B.)
« Antwort #3 am: 07. Oktober 2013, 09:46:16 »
Hallo!

Danke euch!  :)
lg,
Roni

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HERMA

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Re: Orient-Express 5: Dogu Ekspresi (50 B.)
« Antwort #4 am: 07. Oktober 2013, 11:33:41 »
Hallo Roni!
Danke für die wunderbare Reportagen Orient u.  Dogu Ekspresi!
Sie bringen mir Erinnerungen an meine Reisen in und rundum der Türkei, vor mehr als 20Jahren.
Allerdings hatte ich damals nicht diese Beziehung zur Eisenbahn wie heutzutage.
Meine Fahrten machte ich mit SchrottKäfer SchrottVolvo und mit Beiwagenmotorrad.
Mit Frau und Kindern.
Deine Schilderung von der Hilfbereitschaft und Freundlichkeit der Bevölkerung kann ich nur bestätigen.
Dein Reisebericht zeigt den enormen Fortschritt den die Türkei Punkto Infrastruktur gemacht hat.
Auf den Strassen habe ich mich meistens wohl gefühlt bis auf einige auch von Dir erwähnten Situationen auf  Überlandstrassen.

Gruss
HERMA