Autor Thema: Touristischer Osten '03-'16 - 13: Jaremtsche - Kolomyja (50 B.)  (Gelesen 839 mal)

Roni

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Hallo!



Zum vorherigen Teil der Serie:
Karpatischer Osten '03-'16 - 12: Rachiw - Jaremtsche (50 B.)
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=3797.0


Das Video zu dem Teil (bitte auf 1080p Qualität / Vollbild stellen):
https://youtu.be/WmYCDzD87uc



14. 4. 2003

Unser Fahrer Bogdan hatte uns im VW-Bus aus Lwiw bis in den Karpaten-Touristenort Jaremtsche geführt. Der Pruth wird in einer Flussschlinge gleich zwei Mal auf höheren Brücken überquert, hier die südliche mit Tunneleinfahrt, wie alle (bis heute) gut bewacht. Wir suchten den Bahnübergang und die Straße hinüber zum Hotel. Leider stehen auf dieser Sektion heutzutage keine Telegrafenmasten mehr, sonst aber noch fast überall.




Unser Hotel "Karpaty". Gut mit Pinguinen bestückt.




"Schef, Schef! ... von irgendetwas haben wir ein paar zu viele bestellt...!"




Ein netter Pool - wenn er nicht von einem Regime beherrscht wäre... ;-)



Wir speisten im Hotel, inklusive grellgrüner Fanta wie wir sie damals noch nicht aus Österreich kannten. Bogdan dagegen kannte nur eine Flüssigkeit: eine Woche lang schien er sich hauptsächlich von Kaffee zu ernähren, eine Tasse nach der anderen...




1. 8. 2016

Auch heute steht das "Karpaty" noch - allerdings fast verdeckt von vielen neuen Touristenbunkern.




Auf der Straße begegneten einem indische Tata-Busse in passender Lackierung. Auch alte Lastwagen mit entsprechendem Geräuschpegel passierten immer wieder das Tal.




Neben dem Hotel "Schiwa Woda" ging ich einen Pfad an der südlichen Eisenbahnbrücke hinunter zum Pruth. Ich wartete auf Regionalzug 6441 Kolomyja (8:16) - Jaremtsche (9:42-:44) - Rachiw (12:26).
Der Griff ins Wasser erwies sich als wenig erbaulich. Auf der Haut blieb eine industriell-seifige Brühe zurück, obwohl wir uns hier in den Bergen unweit der Quelle befinden.
Auch vom Fluss hörte man die Straße - ich dachte mir: das ist aber ein besonders heftiger LKW... fast wie ein Erdbeben...











... da dröhnte um 9:35 eine 2M62 mit langem Bau-/Güterzug die Steigung hinauf. Den zweiten Teil der Vorbeifahrt filmte ich, für den Sound siehe Video bei Minute 13:25.









Das Pruth-Wildwasser-M62-Panorama.




So sieht der Blick durch die einzige kleine Vegetationslücke an der Hauptstraße aus, im Hintergrund schaut das Dach des "Karpaty" hervor.




Ich marschierte Richtung Ort zurück, diesmal an der Seitenstraße hinauf zum "Karpaty" vorbei. Ein Tourist wurde mitsamt Koffer auf einem Trike mit laut tönender Musik befördert. Eine Forststraße am Ufer entlang brachte mich zum Touristen-Hotspot inklusive Ständen und neu errichteten historisierenden Holzgebäuden. Willkommen im Karpato-Disney!




Die Vehikel waren wohl auch eher zu Showzwecken geparkt.




Ein D1 rauchte an der Anlage vorbei.




Ein beliebter Fotopunkt für Pärchen...




... die Fußgängerbrücke über den Stromschnellen.









Oberhalb des Areals führt ein Trampelpfad direkt an der Bahn entlang und sogar über die nördliche Bahnbrücke (tatsächlich auf der Online-Karte eingezeichnet) - angesichts der Touristenmassen hilft auch die beste Bewachung nichts. Züge passieren den Punkt nur unter Dauerpfeifen.




Der Greifvogeltyp war recht pfiffig und schaffte es - obwohl ich es eigentlich nicht wollte und weiter musste - mir das Tier auf den Arm zu setzen. Als Gegenleistung fragte er - wieder sehr schlau - nach einer Münze aus meiner Heimat, die er angeblich sammelte. Nun sind ja Euros doch den ein oder anderen Hrywnja wert. Ich gab ihm stattdessen ein paar einheimische Scheine, denn Münzen hatte ich keine unnütz mitgeschleppt. Nun verlangte er natürlich mehr - 20. Naja, das war für ein Foto des Vogels am Arm teurer als der Fahrpreis von Rachiw hierher... da war es Zeit den Jungen stehen zu lassen und weiter zu ziehen.




Ich überquerte den Pruth ins Zentrum von Jaremtsche, immer die Hauptstraße weiter. Am Bahnhof erblickte ich etwas Außerplanmäßiges...




Der zweite Teil der Bauzugparade, gezogen von M62-1391. Anhand eines Aushanges entdeckte ich, dass ich Glück gehabt hatte: unter der Woche ab Dienstag blieb die Strecke südlich Worochta wegen Bauarbeiten gesperrt. Zwei Tage später hätte ich also von Rachiw nicht mit dem Zug fahren können.




Willkommen im Kurort Jaremtsche, wollen Sie im Hotel Edelweiß, oder doch in einer Cottage übernachten?




Auf, Genossen! - zur Raiffeisen Bank Aval.





14. 4. 2003

Am Nachmittag nach dem Einchecken im Hotel besuchten wir das griechisch-katholische St. Elias-Kloster in Dora, dem nächsten Ort nördlich von Jaremtsche. Das Areal liegt gleich an der Bahn nahe der örtlichen Haltestelle. Wunsch für die Zukunft: am Kloster einen Zug erwischen.




Hier fand sich eine Holzkirche von 1938 (wie schon erwähnt, für Holzkirchen gelten andere Altersmaßstäbe) mit wundervollen Schnitzarbeiten.




Zwei Kirchen standen am Klostergelände, die Ältere hinten möge man sich noch einmal zu Gemüte führen...




1. 8. 2016

.... denn am 15. 3. 2014 brannte sie, vermutlich durch Brandstiftung, ab: http://vikna.if.ua/news/category/if/2014/03/15/16941/view
Am aktuellen Foto ist nur noch ein bisschen Schutt des Sockels hinten rechts übrig...
Doch es wurde sogleich links eine massive neue Kirche gebaut, die bei meinem Besuch schon fertig war: http://vikna.if.ua/news/category/if/2015/06/18/35745/view
Leider wirkt sie drinnen ziemlich kahl, kein Vergleich zu der nun verlorenen Schnitzkunst.




D1-757 als 6405/6406 auf Pendelfahrt Iwano-Frankiwsk - (an 11:30 - seither haben sich die Zeiten leicht geändert) Jaremtsche (ab 12:20) - Iwano-Frankiwsk erfüllte mir das 13 Jahre alte Wunschmotiv. Falls sich jemand fragt, was die Stühle im Vordergrund bedeuten (die übrigens vor meinen Augen aufgebaut wurden)...





20. 4. 2003

... hier ein Beispiel vom orthodoxen Ostersonntag während unserer Ukrainereise. Eine Woche später auf Tagesausflug nördlich Lwiw besuchten wir das wesentlich bedeutendere Kloster Krechiw nahe der polnischen Grenze. Gebeichtet wird im Freien, der Priester sitzt am Stuhl, der Gläubige kniet daneben. Zu Ostern hatten sich lange Schlangen an den Beichtstühlen im Innenhof der Klosteranlage gebildet.





1. 8. 2016






Den Brunnen gab es schon vor 13 Jahren.




Hier kann man sich Weihwasser abzapfen, manchmal wird eben per Gartenschlauch nachgeholfen...




Während der Wendepause des Zuges wanderte ich zurück ins Zentrum und erfrischte mich unterwegs an einem Eis. Kaum am Bahnübergang: das nächste Himmelfahrts-Holzkirchenmotiv. Setzen wir das langweilig klassisch von unten um? Näääää...




Gräber verschiedener Epochen.




Der D1 rollte bewundert von Jung und Alt aus der Station.




Meta-Eisenbahnfotografie in der Ukraine.














Das iPhone-Panorama dazu.




Ich nutzte die folgende Mittagspause für ein Nickerchen im nahen Hotel.
Nach zwei Uhr ging ich wieder hinaus, zunächst zum Bahnhof. Dort hatten sich schon die Reisenden für den Schnellzug um drei versammelt. Ich begab mich zum Schalter, denn am nächsten Morgen würde es früh losgehen. Naiv dachte ich, dass man eventuell schon die Karte kaufen könnte. Nicht gerechtet hatte ich mit meiner "speziellen Freundin", einer unbeschreiblichen Frau hinter dem Schalter, inklusive sowjetischer Serviceeinstellung und zart zum Vokuhila tendierender Topffrisur. Vor mir kam eine Familie an die Reihe, mit einer etwas komplexeren Anfrage bezüglich freier Schnellzugplätze im Land. Nun, das Ganze dauerte etwa eine halbe Stunde, die Passagiere rundherum, die noch keine Karten für den Schnellzug hatten, wurden schon unruhig. Was macht meine Freundin? Wurscht - tippt mit der Ein-Finger-Methode gelegentlich einen Buchstaben in die Tastatur, schlürft manchmal langsam und genüsslich einen Schluck aus ihrer Teetasse. Die Schnellzugabfahrt war schon gefährlich nah, da kam ich an die Reihe - und was war? Natürlich, Karten gibt es erst am nächsten Tag!
Klarerweise war es auch meine Schuld, ich hätte einfach früher aufgeben müssen... Nahe der möglichen Fotostelle hörte man etwas verfrüht ein Rauschen und Pfeifen, und da war auch schon der Schnellzug unfotografiert durch. Sicher kein Topfoto im Sommer-Gegenlicht, aber so viele Züge fahren hier auch nicht.




Das eigentliche Wunschmotiv lag an der nördlichen Brücke unten am Fluss.




Die Sonne sollte diese für meinen Zug vom Tag zuvor ideal beleuchten, bis dahin waren es noch zwei Stunden Wartezeit.




Doch wenn man über die Schulter Richtung Karpatenkamm blickte, galt nur eines: Laufen! Schon gegen Straßenstaub-aufwirbelnde Gewittersturmböen ankämpfend schaffte ich es gerade mit den ersten dicken Tropfen zurück ins rettende Zimmer.





14. 4. 2003

Wenigsten habe ich hier vor dreizehn Jahren schon einen Triebwagen in schöner Abendstimmung erwischt - so gut es mit der Kompaktkamera vom Zug überrascht ging.




Das Schmelzwasser im Frühling brachte dem Pruth einen wesentlich höheren Wasserstand und ein wilderes Temperament. Während des Hochsommers könnte man hier nicht Wildwasser-Kajak trainieren.





2. 8. 2016

Am nächsten Tag war Abkühlung angesagt, in der Finsternis (und damit meine ich Finsternis, ohne Straßenlaternen) wurde ich vor fünf Uhr Früh von Nieselregen begrüßt. Im Prinzip schleppte ich mein warmes Gewand die gesamte Reise nur wegen dieses einen Morgens mit. Nachdem ich mich die Straßen bergab getastet hatte, leiteten einen die Bahnhofslaternen über die Gleise zum Empfangsgebäude. Im muffigen Wartezimmer hatte man die teils kaputten Fenster notdürftig geschlossen, es schliefen einige Leute am Boden und auf den Bänken. Am Schalter war eine Öffnungszeit ab 4:50 propagiert - nun, ich war gespannt. Natürlich tat sich nichts... Es klingelten Alarme an mehreren Handys, die Menschen wachten langsam auf. Einige Leute warteten nun auf die Abfahrt um 5:23, erst zehn Minuten vor der Planzeit klopfte ein Mann ungeduldig an das Schalterfenster. Tat sich etwas? Langsam lüftete sich nach einiger Zeit der Vorhang, und schlaftrunken schaute hervor - meine Freundin! Sie gähnte, setzte sich gemütlich an die Ticketmaschine und tippte gemächlich das heutige Datum ein. Zur gleichen Zeit ließ ein D1, der auf Gleis 3 stand, den Motor an. Aufgeschreckt lief eine Gruppe an Fahrgästen ohne Tickets auf den Bahnsteig. Doch eigentlich sollten unsere Züge von wo anders eintreffen, das kann er also nicht sein. Ich persistierte, das Ticket wurde ausgestellt (der Vorgang dauert etwa eine Sekunde, nur ein Kassenbon muss ausgedruckt werden), und um 5:18 stand ich als Gewinner des Schalterdamen-Ausdauer-und-Nerven-Marathons da.
Um 5:20 durchbohrte das Scheinwerferlicht von Zug 6404/6403 Iwano-Frankiwsk (3:08) - Jaremtsche (5:17 - 5:26) - Rachiw (8:10) den Nieselregen. Wenn man genauer hinschaut, ist es kein D1...




... sondern eine M62, die einen Rest-D1 zieht - hier beleuchtet von meinem Zug 6446 Worochta (4:33) - Jaremtsche (5:21 - 5:23) - Kolomyja (7:20). Dieser erwies sich auch nicht als D1, sondern sah aus wie ein modernerer Triebwagen, der so manch wartendem Mitreisenden ein "Oh" oder "Ah" entlockte.




Der Warteraum von Jaremtsche, und eine Reklame für die Ungezieferbekämpfung "Presto" in meinem Zug, der sogar über gepolsterte Sitzbänke verfügte.




Die Fahrt begann gemütlich, nach jeder Haltestelle rollten wir ein-zwei Minuten langsam, bis der vermeintliche Triebwagen kriechend beschleunigte. Und nach nur einer Viertelstunde war Deljatyn erreicht, Knotenpunkt der Strecken nach Iwano-Frankiwsk und Kolomyja. Der Motor wurde für den planmäßigen Halt von über einer halben Stunde abgestellt, und wir saßen bei nun draußen ziemlich stark prasselndem Regen im Finstern. Erst nach einiger Zeit bemerkte ich, dass das Fenster undicht war, und Wasser auf meinen Ärmel rann. Um 6 Uhr traf ein Triebwagen aus Iwano-Frankiwsk ein und es überholte uns der D1 aus Jaremtsche als Zug 6402 nach Iwano-Frankiwsk. Nachdem alle Richtungen bedient waren, ging um 6:10 auch unsere Fahrt in den immer helleren Tag weiter - Licht: unnötig, die meisten Passagiere schliefen ohnehin.




Pünktlich trafen wir am schönen Bahnhofsgebäude von Kolomyja in trockener, zarter Morgenstimmung ein. Hier merkte ich: es war gar kein Triebwagen, sondern ein DPL1-Wendezug geschoben von der halben 2M62-1051. Gleich nachdem alle Reisenden draußen waren, rangierte die Garnitur weg und gab den Blick auf den heute fast pünktlichen Schnellzug 357 Kiew - Rachiw frei.



Nächstes Mal starten wir die Erkundung der wichtigsten Stadt der ukrainischen Bukowina - Czernowitz.
lg,
Roni

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