Autor Thema: Großväterlicher Osten '03-'16 - 20: Festgenommen in Czernowitz (50 B.)  (Gelesen 120 mal)

Roni

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Hallo!



Zum vorherigen Teil der Serie:
Finale im Südosten '17 - 19: Am griechischen Bahn-Olymp (50 B.)
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=3865.0


Was bisher geschah:
Trolleybusse im Osten '03-'16 - 14: Kolomyja - Czernowitz (50 B.)
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=3800.0



Da es wieder Nachschub aus der Region gibt, kehren wir zur Serie von 2016 zurück.

Die Bilder dieses Reportageteils stammen vom 16. und 17. 4. 2004, sowie vom 2. 8. 2016.

Zu Ostern 2003 unternahmen wir eine erweiterte Familienreise durch die Westukraine. Darunter besuchten wir mit Czernowitz/Ukrainisch heute Tscherniwzi auch die ehemalige Heimat meines Großvaters väterlicherseits. In eine k.u.k. Soldatenfamilie im heute polnischen Przemyśl geboren, zog er als Kind noch in Zeiten der Monarchie nach Czernowitz. In der Zwischenkriegszeit gehörte die Bukowina zu Rumänien, mein Großvater sprach auch Rumänisch und fühlte sich offensichtlich in der Zeit heimisch. 1940 wurde die Stadt vorerst von der Sowjetunion besetzt, im Zuge dessen nach Verhandlungen ca. 25000 "Deutsche" "heim ins Reich" geschickt wurden. Dadurch gelangte mein Großvater nach Wien. Allerdings hat er durch dieses Trauma Zeit seines Lebens nie wieder einer Staatsmacht vertraut, selbst wenn es ihm später im friedlichen Österreich Vorteile gebracht hätte.

Genaueres über die Geschichte der Stadt kann man hier nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Czernowitz

Kanaldeckel halten sich wirklich lange, 2003 konnten wir Relikte aus unterschiedlichen Perioden der letzten hundert Jahre finden.




Die Gassen wurden umbenannt, Großvaters Haus stand einst in der steilen Roschergasse zur Vorstadt Rosch, 2003 ist es die Wulyzja Gastello.




Ähnlicher Blick im August 2016









2003 angekommen beim Haus. 2016 fand ich schon einige Um- und Vorbauten, so dass kein echtes Vergleichsbild existiert.




In der ersten Hälfte des 20. Jhdts. ein Einfamilienhaus, wurde es Anfang des 21. Jhdts. von vier Parteien bewohnt.




Jedoch nur eine Toilette draußen.




Die Bewohner erwiesen sich als äußerst freundlich, wir wurden in allen vier Wohnungen willkommen geheißen.




Dadurch erlangten wir auch interessante Einblicke, die man sonst wohl nicht so vom ukrainischen Alltag bekommt.














Dieses reizende Paar hatte es uns besonders angetan. Überall ließen wir kleinere Geschenke, Annehmlichkeiten wie Kaffee, die dort nicht so leicht zu bekommen waren. Mit den Alten hielten wir noch aus Wien Briefkontakt, schickten auch Geld zur Unterstützung. Sie freuten sich, eine neue Familie gefunden zu haben. Leider waren sie schon teilweise blind und starben recht bald darauf...














Die erste Nacht verbrachten wir in einem Sowjet-Betonbunker, dessen Highlight eine ausgestopfte Kuh im Frühstücksraum war. Ein Teil der Familie bildete sich ein, dort nicht mehr übernachten zu wollen, also fand man dieses "Motel" etwas außerhalb des Zentrums. Ich will nicht wissen, was es sonst noch so war - jedenfalls äußerst geschmackvoll designt. Ich hatte dort ein Bett, auf das ein viel zu kurzes Leintuch gespannt wurde.




Meine Cousine konnte angesichts dieser Vokuhila-Coverbilder einem Kassettenkauf nicht widerstehen.




Ebenfalls populär: die Zeitung "Ohne Zensur".
Auf dem Weg vom "Motel" in die Stadt passierten wir stets den "Reaktor"-Disko-Klub.




Der bedeutendste ukrainische Lyriker Taras Schewtschenko - zu dem Zeitpunkt vermochte er die Menge allerdings nicht zu beleben.




Links Kino und ehemalige Synagoge. Rechts der Kulturpalast mit Museum für jüdische Geschichte und Kultur der Bukowina.




Nach der Wende restaurierte Sterne im Stiegenhaus, welche während der Naziherrschaft verstümmelt worden waren. Einer wurde als Erinnerung belassen.




Paul Celan ist ebenfalls in Czernowitz geboren worden.









Wir fanden einen Stapel alte k.u.k. Ansichtskarten - am Nachmittag des 17. 4. 2003 spazierte ich damit für Vergleichsaufnahmen durch die Stadt, hier am Zentralplatz.




Die alten Strommasten aus der Monarchie faszinierten, an anderen Stellen waren sie noch zu finden (siehe vorheriger Teil).




Viele ältere Damen boten Waren aus dem eigenen Garten an. Vor mir als Fotografen hatten einige Angst - ich will nicht wissen, was sie schon durch mafiöse Typen und Ordnungsorgane erlebt haben.









Das 1905 errichtete Stadttheater.




Im Sommer 2016 wurden auf dem Theaterplatz mittels edlen Tanklasters Blumen gegossen.




Hier sollen zwei Schwestern gegenüber gewohnt haben.




Bei Dämmerungseinbruch um 20 Uhr am 17. 4. 2003 marschierte ich die Gagarin-Straße hinunter Richtung Bahnhof.




Rechts vor der Post ein T-34, als Denkmal für die Panzerbesatzung unter Leutnant Pawel Nikitin, die Czernowitz am 25. März 1944 als erste erreichte.




Der 1905-1908 gebaute Bahnhof.









Es herrschte am Abend viel Betrieb, mit lokalem Verkehr in einige Richtungen, unter anderem nach Stefaneschty, Wyschnyzja, Mamalyga und Meschyritschtschja (ein Dorf, auch Bezeichnung für Mesopotamien).
Haupttraktion: TschME3.














Die Bahnsteigsbeleuchtung wurde erst spät aktiviert.




Typische Zugenden: hinten der Schnellzug nach Lwiw, vorne Regionalzug 6685 nach Stefaneschty mit Abfahrt um 20:32.




Bespannt von TschME3-4546.




Für die kühle Nacht wurde angeheizt.









Kurz vor der Abfahrt.














Die Fuhre nach Lwiw bekam edlere Traktion verpasst: M62-1397. Die damalige Olympus Camedia C3000Z aus dem Jahr 2000 konnte man einfach gegen Lampenmasten pressen und Langzeitbelichtungen anfertigen. Bei keiner moderneren Digicam funktionierte das jemals wieder so problemlos.




Im Hintergrund sieht man gerade eine 2M62 aus Richtung Vadul Siret an der rumänischen Grenze andampfen.




Die Fuhre kam zum Stehen - erster Waggon: Bukarest - Moskau.




Vier Wagen waren angekommen.




Eine durchfahrende TschME3 beleuchtete die Konturen der 2M62.




Es war noch die Zeit vor der orangen Revolution, und auf den Maschinen hockten noch einige Hardcore-Sowjettypen. Ein - auch vom Aussehen her - Lenin-Jünger an der M62 wurde auf mich aufmerksam und aktivierte die Beleuchtung um mein Treiben genauer zu begutachten.



Daraufhin alarmierte er die Bahnhofspolizei, welche bis dahin mein Treiben überhaupt nicht interessiert hatte. Als mich die Beamten in Gewahrsam nahmen, gab mir der Typ doch tatsächlich die Hand - als ob ich stolz darauf sein dürfte, dass er als sein Pflicht als Genosse erfüllt hatte. Das Ganze wirkte so skurril, dass ich schon das Gefühl hatte, ich könnte jetzt gehen - aber nein, man nahm mich mit auf's Wachzimmer...
lg,
Roni

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