Autor Thema: Ost-Interregio '16-'18 - 24: Moldau, Bukowina, Čmelák, Kutter (50 B.)  (Gelesen 172 mal)

Roni

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Hallo!



Zum vorherigen Teil der Serie:
Jüdischer Osten '18 - 23: Weiß bedecktes Chișinău (50 B.)
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=3890.0


Was bisher geschah:
Qualmender Osten '03-'16 - 21: Abschied von Czernowitz (50 B.)
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=3888.0


Die Videos zu dem Teil:
https://youtu.be/ApzYd_Lzrcg

https://youtu.be/WmYCDzD87uc




21. 3. 2018

Wir befinden uns vor dem Chișinăuer Bahnhof, das Gebäude wurde 1870 vom Architekten Henry Lonsky errichtet. Der erste Zug kam im Sommer 1871 aus Odessa an, nachdem eine Brücke über den Dnestr gebaut worden war, die eine Verbindung nach Tiraspol sowie weiter zum Schwarzen Meer und russischen Eisenbahnnetz ermöglichte. Dies gilt als erste Eisenbahn in Moldawien, damals Teil der Provinz Bessarabien im Russischen Zarenreich. 1873 wurde die Strecke bis Cornești fertiggestellt, 1875 die Verbindung nach Ungheni und Rumänien mittels einer von Eiffel konstruierten Brücke über den Pruth. Diese Richtung würden wir nun einschlagen.
Kurz nach Fertigstellung begann der Russisch-Osmanische Krieg (1877–1878), im Zuge dessen Rumänien, Bulgarien, Serbien und Montenegro ihre volle Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erlangten.

Mehr zur Station, auf Rumänisch:
https://ro.wikipedia.org/wiki/Gara_Chi%C8%99in%C4%83u

auf Russisch:
https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%9A%D0%B8%D1%88%D0%B8%D0%BD%D1%91%D0%B2_(%D1%81%D1%82%D0%B0%D0%BD%D1%86%D0%B8%D1%8F)

Der Fahrplanaushang außen stimmte nicht.




Die Anzeige innen für Expresszüge war korrekt (Ende März wurden die Zeiten geändert, siehe http://railway.md ), wenn auch nicht alle täglich fuhren.




Das Bahnsteigsdach wurde 2003 errichtet. Um 16:20 stellte TschME3-4167 die Garnitur unseres Zuges auf Bahnsteig 1 bereit, ich fotografierte mit dem Handy.




Die 1950 bei Cegielski in Poznań gebaute Denkmallok Er-85-63 war bis Ende der 1960er auf der Strecke nach Ungheni im Einsatz gewesen.




Die TschME3-Verschublok war vom Zug gegangen... Zeit für unsere Expresslok!




... TschME3e-6779, die nun unsere gute Bekannte werden wird. :0)




Fast war unser Schnellzug 105B Richtung Bukarest nun bespannt, und ich stieg am zum Scherzen aufgelegten Prowodnik vorbei ein in das überhitzte Kupe-Abteil.






In der Früh des selben Tages - nachdem die 2TE10L bei Pruncul auf Chip gebannt worden war - fuhren wir westwärts entlang des Stausees Ghidighici auf der R1. In den Orten musste man Schlaglöchern ausweichen, dazwischen gab es eine neue, zweispurig ausgebaute Straße, von der allerdings nur eine Spur vom Schnee gesäubert war - nur die härtesten moldawischen Autofahrer überholten auf der mittleren Schneespur. Nach dem Bahnhof Străşeni fanden wir einen Schranken und um die Ecke eine Stelle zum Stehenbleiben. Die Zeit für den Zug war schon gekommen. Der Schrankenwärter blickte immer wieder aus seinem Container, offensichtlich musste er sich auch auf visuelle Informationen verlassen. Dann plärrte etwas aus dem Lautsprecher, und...




... um 8:40 kam Schnellzug 106B aus Bukarest in nun schon bekannter Konfiguration des Weges.



















Langsame Durchfahrt durch den Bahnhof Străşeni. Die Schranken der Straße 442 - als Verbindung zur M14 recht befahren - waren rein manuell zu schließen. Auf der Fahrt durch das Land sah man aber auch viele automatische Bahnübergangssignalanlagen, das dürfte eher die Ausnahme sein.




20. 3. 2018

Am Dienstag erwischte ich den 106B gleich beim Hotel, TschME3e-6779 beschleunigt gerade aus der Station Visterniceni, wo Regionalzug 825TSCH gekreuzt worden war. Man beachte die teils hölzerne Industrieanlage im Hintergrund.









Ein KAMAZ-Heizerl.




21. 3. 2018

Willkommen im Calea Ferată din Moldova / Schelesnaja doroga Moldowy Kupe. Dass ich so schnell und in Moldawien wieder eine GE Genesis zu Gesicht bekommen würde, hätte ich nicht gedacht. ;-)




EINE unserer sehr einfach gehaltenen Fahrkarten Chișinău - Iași (Entfernung ca. 120 km / Brutto-Fahrzeit: 5 1/2 Stunden). Ausgeblendet oben auf der Bettkarte waren noch Name und Passnummer, die man angeben musste.




Am Stausee Ghidighici, die Straße führt auf der anderen Seite entlang.




19. 3. 2018

Am ersten Nachmittag waren wir schon einmal an das Străşeni-seitige Ende des Sees gefahren. Viele Stellen erreichen konnte man aufgrund des Schnees nicht, hier nähert sich 105B vor Weinbergen.




Am Abreisetag sah ich, dass dieser Weg an der Bahn durchaus auch von Einheimischen mit dem Auto genutzt wurde.









Das ist die selbe Garnitur, die wir zwei Tage später nehmen würden.














21. 3. 2018

Reisen durch das melancholisch-winterliche Moldawien. Zwischen Corneşti und Bumbăta wird ein kleiner Pass überquert, dort ist die Strecke auch ein kurzes Stück zweigleisig. Ursprünglich hätte ich am Dienstag in diese Gegend fahren wollen.




Nach zwei Stunden Fahrt sind die 100 km bis Ungheni geschafft, der Rest der 5 1/2 Stunden bis Iași wird hauptsächlich an den Grenzstationen von Ungheni verbracht. Dabei unternimmt man eine wahre Schienenkreuzfahrt von weiteren TschME3 gezogen und geschoben hin und her im Bahnhof Ungheni zur Umspurungsanlage - man konnte das sehr schön per maps.me verfolgen. Letztendlich wird der Zug an den Bahnsteig auf der anderen Seite des Stationsgebäudes gestellt. Man spürte das GM-Tuckern des modernisierten rumänischen Kutters und wusste, jetzt kann es nicht mehr soooo lang dauern.
Zumindest ein Kabarett wurde zur Unterhaltung geboten. Zunächst schaute ein sich als Arzt ausweisender Herr ins Abteil, der fragte, ob es einem eh gut ginge. Dann kamen die GrenzbeamtInnen, die eine Befragung noch eher nach Sowjet-Prinzipien vornahmen. Wie gibt's denn das, dass man nur zwei Tage in Moldawien ist? Und in der Ukraine ist man auch gewesen (vor zwei Jahren)? Na, höchst verdächtig! Da musste der Zollbeamte gleich den größeren unserer Koffer durchsuchen. Er nahm einen Schraubenzieher mit austauschbarer Spitze und stocherte ein wenig darin herum, dann war er zufrieden gestellt. Nach ein paar Minuten tauchte er etwas verzweifelt wieder auf, und fragte, ob wir seine Schraubenzieher-Spitze irgendwo gesehen hätten. Wir schauten auf den Bänken, am Boden - nichts zu sehen, bei uns ist sie nicht. Später auf der Reise hatte ich erst in Timișoara Zeit, den Koffer ganz auszupacken. Und was fand sich ganz am Boden? Jawohl, die Schraubenzieher-Spitze des moldawischen Zolls habe ich unfreiwillig als Souvenir mitgenommen!




In der Dunkelheit wird der Pruth überquert (wir kennen ihn in der Serie schon aus den Karpaten und aus Czernowitz), dann ist die rumänische Grenzstation Ungheni Prut erreicht, wo man planmäßig weitere 54 Minuten zur Kontrolle verbringt. Bei der CFR firmiert der Zug nun unter IR 401. Mit 10 Minuten Verspätung trafen wir letztendlich im eisigen Iași ein.




Ein 2.-Klasse-Wagen war aus Moldawien mitgefahren und wurde sofort mit der GM abgehängt. Ich kam gar nicht vor, schon rangierte man weg. Dazu rutschte ich noch am nicht bemerkten blanken Eis aus, dass sich auf dem überdachten Bahnsteig gebildet hatte. Die Verschieber amüsierten sich darüber köstlich.
Nun gut, also zogen wir unsere Koffer schnell zum recht nahen Hotel Arnia, das mich schon im Sommer 2016 überzeugt hatte. Glücklicherweise wurden in Rumänien Gehsteige gereinigt, so dass der Marsch nicht zu einer reinen Eislaufpartie geriet.




3. 8. 2016

Bei letztem Abendlicht und ungefähr 40 Grad mehr als am vorigen Foto konnte ich vor dem Hauptbahnhof Iași einen ex-Stuttgarter GT4 erwischen, der gut mit dem Dacia-Logan-Taxi-Gelb harmonierte. Im Hintergrund das alte Zollhaus aus dem späten 19. Jhdt, die damalige Grenze zwischen Rumänien und Russland lag nur 10 km entfernt in Ungheni.

Im 14. und 15. Jahrhundert entstand das Fürstentum Moldau (benannt nach dem Fluss Moldova, deutsch "Moldau" - nicht zu verwechseln mit der tschechischen Vltava, ebenfalls deutsch "Moldau"), welches ungefähr die Regionen Bukowina (heute ukrainischer und rumänischer Teil), die jetzige rumänische Region Moldau um Iași sowie das heutige Moldawien ohne "Transnistrien" enthielt.
Südwestlich davon lag das Fürstentum Walachei - heute das südwestliche Rumänien mit Hauptstadt Bukarest - , westlich Transsilvanien/Siebenbürgen. Ab dem 16. Jhdt. erlangte das Osmanische Reich volle Kontrolle über das Fürstentum Moldau als Vasallenstaat.
1774/1775 trat der osmanische Herrscher die Bukowina mit Czernowitz (nun Ukraine) und Suceava (nun Rumänien) an die österreichische Monarchie ab. Das Territorium, das zum Teil dem heutigen Moldawien entspricht, wurde 1812 an Russland abgetreten und erhielt als Provinz die Bezeichnung Bessarabien. 1859 vereinigte sich das Fürstentum Walachei mit der heutigen rumänischen Region Moldau, die erste gemeinsame Hauptstadt bis 1861 war Iași. 1861 wurde das Fürstentum Rumänien mit Bukarest als Hauptstadt deklariert, ab 1878 komplett unabhängig vom Osmanischen Reich, ab 1881 Königreich Rumänien.
Nach dem ersten Weltkrieg gelangten sowohl das heutige Moldawien ohne "Transnistrien", Siebenbürgen als auch die gesamte Bukowina zu Rumänien. Im Verlauf des zweiten Weltkriegs kam der heute ukrainische Teil der Bukowina und Moldawien zur Sowjetunion, zusammen mit "Transnistrien" bildete letzteres die Sowjetrepublik Moldau. Daraus entwickelte sich nach der Wende der "Transnistrien"-Konflikt zwischen rumänischer und russischer Ausrichtung, der Jahrzehnte später noch in einer Pattsituation besteht. Die unterschiedlichen Sichtweisen erkennt man schon am rumänischen Begriff "Transnistrien" und der Eigenbezeichnung "Pridnestrowien", also jenseits des Nistru gelegen, oder vor dem Dnestr - gemeint ist natürlich der selbe Fluss.

Mehr zum Fürstentum Moldau:
https://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BCrstentum_Moldau





4. 8. 2016

Sowohl im Winter als auch Sommer unternahm ich einen Frühausflug von Iași, um halb fünf rangierte der noch nicht durch UIC-Ziffern verunstaltete Kutter 60-1160 an Regionalzug 1062 nach Ungheni.




Mein Zug würde dieser sein, doch davon in späteren Reportagen.








3. 8. 2016

Wir springen nun in die Hauptstadt der heute ukrainischen Bukowina, Czernowitz. Am Ende des Reportageteils 21 war ich in den Zug 959 nach Vadul Siret mit Abfahrt um 9:25 eingestiegen. Zur Abfahrtszeit war auch Thomas auf die Brücke über die Bahn gekommen um wieder einen Grenzzubringer mit Čmelák, in dem Fall TschME3-3084, zu erwischen  - es ist immer nett, wenn man ein Foto vom Zug bekommt, in dem man gerade saß! :0)
Kurswagen nach Bukarest fuhren an dem Tag nicht, das konnte ich im Reisezeitplan nicht unterbringen, ich wollte ja noch nach Serbien.

Foto (c) Thomas Wünsch



Nach elf waren wir an der ukrainischen Grenzstation Vadul Siret eingetroffen. Auf dem Vierschienengleis an Bahnsteig 1 hielt der Zug vor dem Lokalbahnhof.














Wo ist der internationale Bahnhof? - Da ist er!




Ich wartete als einziger Passagier im überdimensionierten Protzbau, immer wieder wurde ich von vorbeigehenden Mitarbeitern angeglotzt - was, ein Reisender, hier? Eine Dame sorgte für die Glanzpolitur des Bodens. IR 384 aus Suceava kam um 12:55 pünktlich hinter einem Kutter auf Gleis 2 an. Während die 60 den Zug umfuhr, wurde ich - tatsächlich mit einem zweiten Passagier - durch die Zollschleuse geleitet und gab den Pass ab, danach durften wir in einem Waggon Platz nehmen. Vor der Abfahrt um halb zwei bekamen wir unsere Pässe zurück. Es fehlte noch das CFR-Zugpersonal, wo war es? Zur Abfahrtszeit tauchten plötzliche alle aus dem Ort auf, volle Plastiksackerln tragend. Ah... das ist also der profitable Ukraine-Run! ;-)
Den Holzzug haben wir bei der Ausfahrt Czernowitz gesehen, nun hatte eine der 2M62 wegrangiert.




Es geht noch ein Stück durch die Ukraine, teils auf Vierschienengleis, teils separat geführt. Diese Regionalhaltestellen im Niemandsland bedient auch niemand mehr.




Unser (beider) IR 381 Vadul Siret - Bukarest kreuzte in der rumänischen Grenzstation Vicşani IR 380 Bukarest - Vadul Siret.




Ein Leerzug Richtung Ukraine stand bereit. Unter dem Fenster hörte ich einen lautstarken, minutenlangen Streit zwischen einem CFR Marfă-Mitarbeiter und einem ukrainischen Kollegen. Da traute ich mich gar nicht aus dem Fenster schauen.




Der Umschlagbahnhof Dorneşti war kurz nach drei erreicht, bis hierher führt die Breitspur - ein voller Zug im Hintergrund. Einer der GFR (Grup Feroviar Român)-Kutter war wohl aus Polen in die Ur-Heimat zurückgekehrt.




Rechts die Breitspur-Umladeanlagen.




Wir bekamen freie Ausfahrt, GFR 60-1504 war im Verschub beschäftigt.




Flotte Sommerfahrt durch die rumänische Bukowina.




Wir erreichten die Elektrifizierung in Suceava Nord.




Der Bahnhof Suceava Nord - eigentlich Gara Ițcani im gleichnamigen Ort. Keiner der Bahnhöfe Suceavas befindet sich in der Stadt - dazu kommt ein Kuriosum: Suceava Nord wurde 1871 als Grenzstation der k.u.k. Monarchie errichtet und entsprechend prunkvoll gestaltet, und wir werden auch sofort den anderen, zur selben Stadt aber unterschiedlichen Monarchie gehörenden Grenzbahnhof erreichen.




Das Gebäude ist renovierungsbedürftig, im heurigen Winter meinte ein Taxifahrer, es sei überhaupt geschlossen (was natürlich für den Bahnverkehr nicht stimmt), und weigerte sich mit zusätzlicher rassistischer Begründung uns dort hin zu fahren.









Um 15:48 hatten wir endlich den Bahnhof Suceava - eigentlich Gara Burdujeni, auch ein Vorort - erreicht. Dieser wurde 1902 als Grenzstation des Königreichs Rumänien errichtet und ist deshalb ebenfalls entsprechend prunkvoll. 2006 wurde dieser im Gegensatz zu Suceava Nord restauriert.




60-1318 hatte uns aus Vadul Siret hergebracht, nun wurde wieder schleunigst auf E-Lok für die Fahrt bis Bukarest gewechselt. Laut momentanem Fahrplan wird der Lokwechsel schon in Suceava Nord vollzogen. Insgesamt benötigte die Zugverbindung für die 80 km aus Czernowitz mehr als 6 Stunden - das ist natürlich nur etwas für Bahnliebhaber.


Nächstes Mal schauen wir uns Suceava genauer an - im Mittelalter 200 Jahre lang Hauptstadt des Fürstentums Moldau, heute Zentrum der rumänischen Bukowina.
lg,
Roni

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