Autor Thema: Eritrea 2018 - 11: Parade in Asmara IV (50 B.)  (Gelesen 351 mal)

Roni

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Eritrea 2018 - 11: Parade in Asmara IV (50 B.)
« am: 18. Februar 2019, 20:16:41 »
Hallo!



Zum vorherigen Teil der Serie:
Eritrea 2018 - 10: Religionen Asmaras III (50 B.)
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=3946.0


Das Video zur Serie:
https://youtu.be/vBqI3qUHE2g


Zunächst ein paar Auszüge aus der (Bahn-)Geschichte Eritreas:

Das heutige Eritrea taucht in der Geschichtsschreibung als Teil des Aksumitischen Reiches auf, die Hauptstadt Aksum liegt nun in Äthiopien nahe der eritreischen Grenze:
https://de.wikipedia.org/wiki/Aksumitisches_Reich

Später gelangte Eritrea unter osmanische Herrschaft:
https://de.wikipedia.org/wiki/Habe%C5%9F_Eyaleti

1867-1868 fand die britische sogenannte Äthiopienexpedition - ein Feldzug gegen Kaiser Téwodros (Theodor) II, der britische Geiseln hielt - statt:
https://de.wikipedia.org/wiki/Britische_%C3%84thiopienexpedition_von_1868

Im Zuge dessen wurde die ersten Eisenbahnlinie auf dem Gebiet des heutigen Eritrea vom Hafen Zula - etwa 50 Kilometer südlich des aktuellen Endbahnhofs Massaua - 19 Kilometer bis zum Fuß der Berge in Kumaile errichtet. Das besondere daran war, dass Schienen, Lokomotiven und Waggons gebraucht aus Mumbai herbeigeschafft wurden, von der Great Indian Peninsula Railway (Teil der Central Railway) und der Bombay, Baroda (heute Vadodara) and Central India Railway (Teil der Western Railway). Die Ingenieure errichteten die Strecke in indischer Breitspur, eine äußerste Seltenheit im von schmäleren Spurweiten geprägten Afrika.

Ein italienischer Entdecker erwarb 1869/70 die Bucht von Assab, 1890 wurden die eroberten Gebiete um Asmara und Massaua vereint als italienische Kolonie ausgerufen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Kolonie_Eritrea

Der Name Eritrea ist übrigens vom Roten Meer abgeleitet (griechisch "erythros" - rot).

Die italienische Marine übernahm den Hafen Massaua im Jahr 1885 und errichtete eine 600 mm Feldbahn. Die ersten 27 km der heutigen 950 mm Hauptstrecke durch die Ebene von Massaua zur Festung Sa'ati wurden 1888 nach fünf Monaten Bauzeit fertig gestellt. Sie dienten dem Feldzug gegen Äthiopien, welcher in einer Niederlage Italiens kulminierte - unter anderem aus Mangel einer Bahnverbindung auf das Bergplateau:
https://de.wikipedia.org/wiki/Italienisch-%C3%84thiopischer_Krieg_(1895%E2%80%931896)

Mitte der 1890er zog man mehrere Streckenführungen in Betracht, von Massaua über Ghinda und Keren nach Kassala im östlichen Sudan. Als mit Ferdinando Martini ein eisenbahnfreundlicher ziviler Gouverneur an die Macht kam (1897-1906) und die Hauptstadt in das bis dahin unbedeutende Asmara verlegt wurde, begann der Streckenbau endlich - 1911 erreichte man Asmara. Bis 1932 wurde die Bahn sukzessive verlängert, aber die Verbindung zur britischen Kapspur im Sudan nie fertiggestellt. Mehr darüber kann man hier lesen - wobei manche Quellen von einer Umspurung auf 950 mm sprechen, was wohl nicht korrekt ist, da dies zu der Bauzeit die gängige Spurweite für italienische Schmalspurbahnen war:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke_Massaua%E2%80%93Biscia#Bau

Ende der 1930er kam eine der längsten Materialseilbahnen der Welt parallel zur Bahnstrecke hinzu:
https://de.wikipedia.org/wiki/Massaua-Asmara-Seilbahn

1935 begann Mussolini den Feldzug gegen Äthiopien. 1941 wurden die italienischen Truppen in der Schlacht von Keren geschlagen und Eritrea fiel unter britische Kontrolle, einer der ersten alliierten Gewinne im 2. Weltkrieg:
https://de.wikipedia.org/wiki/Italienisch-Ostafrika

Die britische Verwaltung zog zwar in Betracht, die defizitäre Eisenbahn einzustellen. Doch war sie ebenfalls verpflichtet, Staatseigentum zu erhalten, so blieb die Strecke in Betrieb. 1952 beschloss die UNO, Eritrea zum autonomen Teilstaat des Kaiserreichs Abessinien zu machen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Eritrea_(Provinz)

Schon in den Jahrzehnten davor kam es immer wieder zu Überfällen auf die Bahn, doch da die Autonomie Eritreas graduell untergraben wurde, entstand ab 1960 mit der Eritreischen Befreiungsfront (ELF) eine Unabhängigkeitsbewegung und offener Konflikt. Später spaltete sich die Eritreische Volksbefreiungsfront (EPLF) ab und setzte sich durch. Beide Organisationen sind marxistisch organisiert, die Volksbefreiungsfront eher christlich dominiert. Auch die Bahn war von Sabotageaktionen betroffen. Die spektakulärste ereignete sich 1970, als eine Henschel-Lok und zwei Littorinas von den Rebellen ohne Passagiere in eine Schlucht gestürzt wurden. Letztlich musste der Bahnbetrieb 1975 eingestellt werden. 1974 stürzten die kommunistischen Derg die Monarchie und waren bis 1991 unter der Führung von Mengistu an der Macht. Die Volksbefreiungsfront von Tigray und die EPLF besiegten das Regime, 1993 wurde der Staat Eritrea ausgerufen. Aus der EPLF ging die Volksfront für Demokratie und Gerechtigkeit hervor, welche noch immer das Land unter Präsident Isayas Afewerki im "Umbruch zur Demokratie" führt. Die ELF befindet sich in Asyl-Opposition.
https://de.wikipedia.org/wiki/Eritreischer_Unabh%C3%A4ngigkeitskrieg

Von 1998 bis 2000 führten Eritrea und Äthiopien Krieg aufgrund umstrittener Grenzziehungen, erst im Juli 2018 wurde der danach vermittelte Friedensvertrag akzeptiert.
https://de.wikipedia.org/wiki/Eritrea-%C3%84thiopien-Krieg

Nach der Unabhängigkeit beschloss man bald den Wiederaufbau der mittlerweile komplett unbefahrbaren Bahnstrecke. Schon im nächsten Jahr wurde sogar ein Probe-Vorortverkehr in Massaua eingerichtet. Bewusst setzte man nicht auf Hilfe von außen, sondern sammelte das verfügbare Material im Land ein. Aufgebaut wurde nur die Strecke Massaua - Asmara, welche ab 2004 vollkommen befahrbar war. Leider wurden in letzten Jahren einige Abschnitte in der Regenzeit zerstört, darunter auch eine große Flussbrücke. Ebenso ging der Elan nach der Unabhängigkeit durch diktatorische Maßnahmen wie Abkommandierung von Arbeitern zum Militärdienst und wirtschaftliche Einschränkungen allmählich verloren, heute besteht leider nicht viel Hoffnung auf eine glorreiche Zukunft des Bahnbetriebs in Eritrea.


28. 10. 2018

Wir befinden uns am Platz vor der eritreisch-orthodoxen Kathedrale Asmaras.




Entlang der Straße vor der Moschee hatte sich ein Markt gebildet.




Es gibt fast alles zu haben.









Lackierte Sesselgestelle? Kein Problem!




Manches ist im Überfluss vorhanden.




Die heutigen Standard-Busse der Stadtbetriebe.




Auf Mode wird geachtet, bis hin zur AC/DC-Unterhose.




Ein frühes geschmücktes Haus der erst in den 1880ern gegründeten Stadt. Da ist jemand auf seinen germanischen Second-Hand-Golf wohl sehr stolz.




Auch die Marke mit dem Blitz ist beliebt.




Hier können wohl manchmal echte Blitze hervortreten... praktisch jeden Tag gegen 18h kam es zum Stromausfall - wenn man Pech hatte genau, als man unter der Dusche stand. Das Hotel verfügte über einen Backup-Generator, der benötigte jedoch eine Weile um hochzufahren.




Eine der Art déco-Villen.




Das Bild an einer Schule genauer herangezoomt - bin nicht sicher, ob es stimmt... ;-)









Vor "Red Sea Building" und Propaganda: wer ist es? Puschkin, natürlich! So gab sich im Jahr 2018 eine persönliche Reiseverbindung vom verschneiten Puschkin-Denkmal Chișinăus bis ins sonnenbeschienene Ostafrika. Puschkin hatte afrikanische Vorfahren:
http://www.afrikanet.info/menu/diaspora/datum/2008/12/22/die-afrikanischen-wurzeln-von-alexander-puschkin-vater-der-russischen-literatur





Ein alter Fiat 625.




Wir besuchten die Oper, leider konnten wir nicht hinein. Im Säulengang befindet sich nun ein Café:
https://de.wikipedia.org/wiki/Opernhaus_Asmara










Das Cinema Capitol (1938 als Cinema Augustus gebaut) gleich gegenüber des Regierungsgeländes soll einer Filmrolle ähneln.




Später fuhren wir an einem weiteren monumentalen Kino der selben Ära vorbei.




In der Ursprungsregion des Kaffees - die Pflanze der Gattung Coffea arabica stammt aus der Provinz Kaffa im Südwesten Äthiopiens - darf natürlich die typische Kaffeezeremonie nicht fehlen. Zuerst werden Bohnen ganz über dem Feuer geröstet und dauernd gewendet, dann bekommen die Gäste zunächst den Geruch präsentiert. Anschließend werden die gerösteten Bohnen per Hand gemahlen und zusammen mit Gewürzen wie Ingwer gekocht. Das Resultat erinnerte mich mit der Ingwer-Note ein wenig an den in Indien servierten Tschai, nur ohne Milch.




Das Schild links hinterließ uns ziemlich ratlos. Eine kleine Änderung im arabischen Text könnte die falsche Übersetzung erklären. Auf Arabisch steht hier in etwa "Palast-Polizei".
Rechts hingegen ist es klar, schon die ganze Woche hatte ich immer wieder die Vehikel in der Stadt gesehen, nun endlich eines vor der Linse: eritreische Fahrschulen bauen nur auf eine Fahrzeugtype.




Im Hintergrund noch ein Kino, das Cinema Croce Rossa.




Wohl etwas modifiziert, das Gerät.




Wir besuchten die ebenfalls in einer Art déco-Villa untergebrachte äthiopische Botschaft, die nach dem Friedensvertrag erst im September 2018 wiedereröffnet worden war. Ein Soldat - zufällig ein Bekannter unseres Führers - kam um die Ecke und warnte uns nicht weiterzugehen, denn dort befände sich die US-Botschaft - doch die ist architektonisch ohnehin nicht so interessant.




In der Nebengasse bereitete sich ein Hochzeitskorso zur Abfahrt vor, das Brautpaar natürlich wieder im Mercedes.









Die Kleinen folgten Luwi und Alie auf einer Pickup-Ladefläche.














Letzte Besichtigungsstelle, bevor die anderen sich auf den Weg nach Keren machten, war ein sichtbarer Rest der Bahnstrecke ebendorthin.




Leider wurde ein Teil der Stadt darüber gebaut, so dass eine Reaktivierung noch unrealistischer scheint als sie es ohnehin schon unter den aktuellen Umständen wäre.





25. 10. 2018

Am Donnerstagnachmittag kehrten wir bei schönem Licht zur Schuppensession zurück.




440.008 rangierte.




Man verschob 202.008 und 010.




Ein Wunder geschah: die Blockierung der Drehscheibe konnte erfolgreich beseitigt werden.




So vermochte die 440 auch die letzte 442 - .56 - hervorzuholen.




Drehscheiben-Querung.




Nun war die Parade komplett, auf der Säule des nun wegen fehlerhafter Pumpe nutzlosen ehemaligen Wasserkrans liest man: "F.S. 1908".




Von links nach rechts: 440.008, 202.008 und 442.56.



















Wir hatten Glück mit dem Licht gegen 16:30, denn nur ein paar Minuten später bauten sich Gewittertürme auf.
Krupplok 27D (Baujahr 1957) rollte aus dem Dieseldepot heran. Im Hintergrund der Campanile.




Die Maschine bot Einblicke auf ihr Inneres.




Man verschob, um einen ebenfalls von Krupp gebauten Hilfszugwagen abzuholen, dann dieselte die Fuhre lautstark die Steigung hinauf - man konnte sie noch für Minuten hören, siehe Video hier:
https://youtu.be/vBqI3qUHE2g?t=2584

Hoffentlich bedeutete das Gutes für den nächsten Morgen - ihr werdet schon sehen... Die Nachtfotosession ließ ich aus - etwas Erholung war angesagt, außerdem kann ich statischen, beleuchteten Nachtbildern nicht viel abgewinnen. Wir hatten ohnehin so tolles Nachmittagslicht, das in etwa die gleiche Szene beleuchtete.








26. 10. 2018

Am nächsten Tag fuhren wir bei Sonnenuntergang vom Bahnhof ins Hotel - Zeit für ein paar abschließende Abendimpressionen des Stadtlebens.














Nächstes Mal - sehr bald - geht es nur mit Volldampf weiter, versprochen! :0)
lg,
Roni

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