Autor Thema: Mit dem Schnellzug durch die Berge - 28: Tara (50 B.)  (Gelesen 116 mal)

Roni

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Mit dem Schnellzug durch die Berge - 28: Tara (50 B.)
« am: 04. August 2020, 10:39:39 »
Hallo!



Zum vorherigen Teil der Serie:
Mit dem Schnellzug durch die H... ääääh - 27: ... den Kukuruz I (50 B.)
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=4031.0




In den folgenden Reportageteilen widmen wir uns der Bahnstrecke Belgrad - Bar:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke_Belgrad%E2%80%93Bar


Fahrplanaushang Podgorica = Gesamtfahrplan Montenegro 2009:
http://raildata.info/heck/zpcgrv2009.jpg


Das Ende des Kukuruzfelds ist am Bahnknoten Požega in Sicht. Ebenfalls gesichtet wurde am 29. 8. 2005 interessanterweise 661-310 (GM-EMD Nr. A2452 / Baujahr 1970) aus der Republika Srpska. Hinter dem Lastauto befindet sich ein Schmalspurmuseum, welches wir später auf dieser Reise noch besuchen werden.




Am 4. 7. 2009 stand hier der serbische "Schwede" 710-009 als Regionalzug auf der Strecke Richtung Čačak und Kraljevo bereit.














Bald darauf näherten wir uns Užice (bis 1992 Titovo Užice, eh klar), dem Hauptort der Region Zlatibor. In Užice Teretna (Güterbahnhof) begegnete uns ein Güterzug aus Richtung Montenegro.




Kurz konnten ein paar Passagiere Verpflegung einkaufen, dann ging es weiter. Auf der Reise 2005 werden wir hier später übernachten.





Ab Užice heißt es konstant aus dem Fenster schauen, denn jetzt wird die Bahnstrecke immer spektakulärer, zunächst mit der Durchquerung des Zlatibor-Gebirges.
Als Besonderheit fährt man ein Stück durch Bosnien (natürlich Republika Srpska) - und man kann sogar Eisenbahnbilder dort anfertigen: beim Treffen mit dem Gegenzug B 432 "Tara" in Štrpci.

Leider Ausgangsort eines Massakers 1993, als der zwei Stunden verspätete Schnellzug 671 Belgrad - Bar hier zur Kreuzung hielt, Passagiere in einer konzertierten Aktion entführt und später bei Višegrad ermordet wurden. Immerhin sind Täter mittlerweile gerichtlich belangt und Denkmäler an diversen Orten der Strecke aufgestellt worden:
https://www.vreme.com/cms/view.php?id=1252156





Ab Priboj folgt man dem Tal des Flusses Lim - da will offensichtlich jemand Springen trainieren.




Eindeutig in der Nähe Bosniens.




Neu für mich war nach 2006 die Grenzkontrolle - am serbischen Grenzbahnhof Vrbnica findet sich das Kloster Kumanica, welches auf das 14. Jahrhundert datiert und zum Teil beim Bau der Bahn zerstört wurde. Die alte Kirche schaut hinter der Lok hervor, heute ist der Komplex erweitert um den hier üblichen orthodox-nationalistischen Kitsch.
Wir trafen auf den zweiten Tageszug Bar - Belgrad, Poslovni ("Firmenzug" oder "InterCity") 1130.




Angekommen in Crna Gora / Montenegro ("schwarzer Berg", ursprünglich Venetisch "Montagna Negra") am Bahnhof der Stadt Bijelo Polje ("weißes Feld"), nun gleichzeitig auch Grenz- und Lokwechselbahnhof. Hier wurde eine kinderfreundliche Pause eingelegt, und eine schöne orange ŽPCG 461 der ersten Serie konnte übernehmen.









Hinter Kolašin wird der Scheitelpunkt der Strecke auf 1032 m erreicht, über eine von mehreren schwindelerregenden Brücken unterwegs queren wir den für unseren Zug namensgebenden Fluss Tara, ein Zufluss der Drina.









In Trebešica nähern wir uns dem gleichnamigen 5 km langen Tunnel und...




... kommen auf der anderen Seite durch weitere Tunnel und Galerien in der vollkommen anderen Welt der Hochdinariden heraus.














Für die Strecke ist ein 10mm-Objektiv wie geschaffen.




Die Bedingungen können hier hart sein, Züge fuhren schon in Lawinen und entgleisten.




Kurz vor dem Bahnhof Lutovo passiert man die spektakulärsten Blicke, man meint 500 Meter über dem Morača-Canyon zu schweben. Unten führt die Hauptstraße M2.




Lutovo ist erreicht.




Der Bahnhof liegt teils im Tunnel, teils auf Betonhangbrücken. Blick zurück auf die zwei mitgeführten Autotransporter am 29. 8. 2005, die aufgrund der ungünstigen Straßenverbindung durchaus genutzt wurden. Heutzutage ist die Autobahn leider im Bau, wenn auch verspätet, was die Bahnverbindung wohl viel an Bedeutung kosten wird.




Damals näherte sich noch ein bei RVR Riga gebauter 412er als Regionalzug Bar - Podgorica - Bijelo Polje.









412-045/046 fuhr als Erster aus. Traurigerweise kam es ein halbes Jahr danach zum schwersten Zugunglück in der Geschichte Montenegros, als die Garnitur 412-043/044 mit defekten Bremsen am 23. 1. 2006 entrollte, bis auf 140 km/h Fahrt aufnahm und bald hinter Bioče den Hang hinunterstürzte. 45 der 300 Passagiere überlebten es nicht.









Darum verkehrten die Triebwagen seither nicht mehr auf der Bergstrecke, PT 6104 Bar - Bijelo Polje erschien am 4. 7. 2009 mit Lok und Wagen und passierte unseren "Tara" am mittleren Gleis.




Was war am 29. 8. 2005 anders? Jawohl, wir überholten einen Güterzug!




Ein Bild, fast vier Jahre Produktionsdauer: das Weitwinkelbild stammt von 2009, der Güterzug von 2005. Außerdem bemerkt man, dass 2009 ein gedeckter Autotransportwagen mitgeführt wurde.




Und 2005 die serbische 461-124 den Zug durchgehend von Belgrad nach Bar beförderte.




Am 4. 7. 2009 begann der Nachtzugreigen im nächsten Bahnhof, Bratonožići. Die "einäugige" (ein häufiges Symptom) 461-036 (Craiova/ASEA Nr. 175 / Bj. 1973) kam uns mit B 436 "Panonija" Bar - Subotica entgegen, den wir 13 1/2 Stunden davor schon in Inđija fotografiert hatten (siehe vorheriger Reportageteil).





Anschließend wird die höchste Bahnbrücke Europas, die Mala Rijeka Brücke überquert.

Eindrücke der gesamten Fahrt findet man beispielsweise im Video von 2005, das erste meines Kanals:
https://youtu.be/a5KRqnvUY3c

Wir sind nun angekommen in Podgorica (1946-1992 Titograd, natürlich), der Hauptstadt Montenegros, welche geografisch leider eher ungünstig in einem sumpfigen Kessel liegt - wodurch man im Sommer der tropischen Schwüle kaum entkommen kann, sobald sie sich festgesetzt hat:
https://de.wikipedia.org/wiki/Podgorica





Gekreuzt wurde B 1140 "Nišava" nach Niš, an zweiter Stelle befindet sich ein nordmazedonischer Schlafwagen (ex-Optima Express) bis Skopje.




Da freuen sich die Kleinen.




Unser "Tara" setzte die Fahrt nach Bar um 19:46 mit 45 Minuten Verspätung fort und ließ den Autotransporter zurück.




Zunächst kaufte ich 2009 die Bettkarten für die Rückfahrt - in beiden Jahren nutzten wir den Balkan Flexi Pass. 2005 meinte man in Podgorica, die Bettkarten ab Bar bekämen wir erst am nächsten Tag in Bar. Unser Hotel war 2005 und 2009 das "Evropa", gleich beim Bahnhof und in der Nähe einer passend benannten Kneipe. Den Abend beschlossen wir jeweils mit einem guten Essen im Hotel.





5. 7. 2009

Am nächsten Morgen hatte blauer Himmel die Schwüle zeitweilig vertrieben. PT 6100 Bar - Bijelo Polje holte uns um 6:43 ab. Vor dem Bahnhof wollte mir irgendein Typ das Fotografieren verbieten, wurde aber gleich von seinen Kollegen zurückgepfiffen. Sonst hatte ich keine derartigen Erlebnisse auf diesen Reisen - im Gegenteil, in Montenegro begegneten wir einigen sehr netten Eisenbahnern.









Man folgt der Morača, danach deren Seitenfluss Mala Rijeka ("kleiner Fluss") in die Berge.









Angekommen in Bioče, die Signale zeigen "Halt".




Nach der Unabhängigkeit war auf jedes Gebäude das Logo des Infrastrukturbetreibers in Rot gepflatscht worden - offensichtlich hatte sich hier jemand mit der überflüssigen Farbe einen Spaß erlaubt.




Auf der schon sonnigen anderen Talseite näherte sich die vom vorherigen Morgen und Reportageteil aus Belgrad bekannte Garnitur des 40 Minuten verspäteten B 435 "Lovćen" Belgrad - Bar.




Sieben Minuten danach war die Mala Rijeka Brücke überquert - offensichtlich ist gerade heftige Morgentoilette im Gange.









Mit 12 Minuten Verspätung konnte dann auch PT 6100 die Fahrt fortsetzen - abgefertigt durch den sehr freundlichen Fahrdienstleiter, der uns für den Ausflug nur vor den Spinnen warnte.




Der Regionalzug erklomm das Karsthochland der Bratonožići - eines historischen Stammes.




Man will gar nicht wissen, wie es hier heute ausschaut - es wird die Autobahn mitten durch gebaut:
https://goo.gl/maps/ntMkp5HPvWKHvZZF9





Wir erklommen dagegen einen der schlimmsten Hänge, mit denen ich jemals zu tun hatte. Steil, locker und spinnenverseucht. Aber was macht man nicht alles für solche Bilder...
Die erneut 40 Minuten Verspätung halfen bei der Beleuchtung des Viadukts: B 1343 "Auto-Voz" aus Belgrad, bestehend aus 6 Waggons plus 5 Autotransportwagen, ist einmal hinten und einmal vorne zu sehen. Vorne habe ich virtuell einen schwer beschmierten olivegrünen Liegewagen ausgereiht. So ist es erstens stimmiger in Blau, zweitens wollte ich unbedingt den Salonwagen aus Titos "Blauem Zug" (hier als 4.) mit auf das Bild bekommen.



Durch einen Brückenbogen schimmert die Mala Rijeka - mal sehen, was hier noch so entlang schwimmt! :-)
lg,
Roni

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