Autor Thema: Ein Sprung ins Baltikum 2010 - 1: Riga, 19. 8. (50 B.)  (Gelesen 2965 mal)

Roni

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Ein Sprung ins Baltikum 2010 - 1: Riga, 19. 8. (50 B.)
« am: 18. September 2010, 21:55:29 »
Hallo!


Vom 15. bis 19. 8. 2010 unternahm ich eine von zwei kürzeren Augustreisen. Nach einem Besuch in Berlin nahm ich einen Flug nach Tallinn, Estland, wo ich zwei Tage verbrachte. Am letzten Tag, Donnerstag, 19. 8., hatte ich den airBaltic Frühflug von Tallinn nach Riga, Lettland, gebucht, wo mir vier Stunden Zeit bis zur Weiterreise nach Wien blieben, also genug, um ein bisschen in die Stadt zu fahren.
Aus inhaltlichen Gründen fange ich chronologisch in umgekehrter Reihenfolge mit den Berichten an:

Nach drei Uhr Früh nahm ich mein Taxi für die kurze Strecke von der Innenstadt Tallinns zum Flughafen im Ortsteil Ülemiste. Ein Wachmann musste extra für die ersten Fluggäste aufsperren (allerdings schliefen ein paar im Wartebereich), und ich wartete auf den Beginn des Check-Ins. Erst nach einiger Zeit entdeckte ich die Automaten, mit denen man selber einchecken konnte, sowohl am airBaltic Flug nach Riga, als auch für den Weiterflug mit der gleichen Airline inklusive Auswahl der Sitzplätze. Mein Gepäck konnte ich dann bei einem beliebigen Schalter abgeben, wo es bereits bis Wien durchgecheckt wurde, ich hatte also nichts mehr, was mich in Riga hätte aufhalten können.

Nach weiterer Wartezeit nahm ich pünktlich auf meinem Sitzplatz 1a in der Fokker 50 auf Flug BT 366 Platz, außerdem noch hauptsächlich einige Letten, aber natürlich war der Flug um 5:20 bei weitem nicht ausgebucht.



Als wir auf die Startbahn rollten, entfaltete sich eine der schönsten Sonnenaufgangsstimmungen, die ich bis jetzt gesehen habe. Auch wenn für Riga leider starker Regen angesagt war, hatte ich immerhin einen schönen Sonnenmoment an dem Tag.

Den Start mit der Propellermaschine und mehr von der Stimmung kann man sich in diesem Kurzvideo anschauen:
http://www.youtube.com/watch?v=d2qqf6iGwds



Gleich südwestlich von Tallinn begann die dichte Wolkendecke, in welche wir dann zum Landeanflug eintauchten. Dieser führte uns über das Meer, auf dem sich noch dazu einige tiefliegende Wölkchen aufbauschten. Die Landung verlief unspektakulär, sehr ruhig mit so einer leichten Maschine, und die Parkposition war perfekt, man konnte innerhalb ein-zwei Minuten direkt von der Maschine auf den Asphalt, durchs Gebäude durch und war schon auf der Straße draußen! Für die Fahrt in die Stadt entschied ich mich für ein Taxi, um nur ja keine Zeit zu verlieren. Hier gibt es Flughafentaxis mit fixem Tarif in die Stadt und einheitlichem Design, für die Hinterbank sind LCD-Screens in den Kopfstützen verankert, auf denen Dauerwerbung läuft. Der Taxifahrer nahm eine nördlichere Route zum Zentrum, was mir aber recht war, und so kam ich in 1:10 von der Startbahn in Tallinn auf die Vansu Tilts (= "Kabelbrücke") über den Fluss Daugava in Riga. Sie wurde noch zu sowjetischen Zeiten 1981 errichtet und war einst wie die darüberführende Strasse nach Gorki benannt. Auf dieser verkehren Obusse des insgesamt 20 Linien umfassenden Betriebes, hier ein Skoda 24Tr Irisbus, viele gesichete Fahrzeuge waren moderne Modelle.


Nicht so dieser Skoda 15Tr


Riga ist mit über 700000 Einwohnern die größte Stadt des Baltikums und nahe der Mündung des über 1000 km langen Flusses Daugava (auf Deutsch: Düna) gelegen. Neben der Altstadt finden sich hier besonders viele schöne Gebäude des Jugendstils, doch leider konnte ich mich bei meiner beschränkten Zeit nicht dem Sightseeing widmen, beim nächsten Besuch aber bestimmt. Mich faszinierte momentan eher die Anlage der Stadt am Fluss, von der Vansu Tilts hatte man einen wunderbaren Blick auf die Akmens Tilts (Steinbrücke), auf der neben Trolleybussen auch Strassenbahnen verkehren, und die dahinter liegende Eisenbahnbrücke, welche vom Bahnhof Riga Richtung Westen führt. Hier verkehren fast nur Elektritschkas auf dem Rigaer 3 kV Gleichstrom-Inselnetz. Einen Überblick über das lettische LDZ-Personenverkehrsnetz bietet diese Karte:
http://www.ldz.lv/uploaded_images/map/karte_22_02_10.jpg
Tornakalns ist der Knotenpunkt in Riga am Westufer der Daugava, die E-Züge fahren bis Jelgava und Tukums, nur Dieselzüge Richtung Liepaja benutzen die Brücke. Die Station Valga liegt in Estland, hierher fahren auch estnische Personenzüge, über Rezekne fahren die Expresszüge aus St. Petersburg (lettische Grenzstation Karsava, Strecke nicht auf der Karte) und Moskau (Grenze in Zilupe).

Ebenfalls freute ich mich, dass sogar so etwas wie Morgenstimmung entstand, von dem angekündigten Regen und den tiefen Wolken über der baltischen See blieb die Stadt vorerst verschont.


In einem Hütterl am Ufer steht der Schutzheilige Rigas, der "Große Christoph", als etwas naiv wirkende Replik einer älteren Statue, die mittlerweile anderweitig geschützt wurde. Der lettische "Oscar" nennt sich übirgens auch Lielais Kristaps...


Nun näherte ich mich dem nächsten Objekt der Begierde, den Strassenbahnen, welche die Brücke im Minutentakt frequentierten. Insgesamt verkehren heutzutage noch 9 Linien in Riga, wobei das besondere, urige Merkmal offensichtlich ist: die trolleybusartigen Stromabnehmer. Allerdings sind schon neue Garnituren von Skoda im Anrollen, welche über herkömmliche Stromabnehmer verfügen. Von diesen modernen Exemplaren sah ich aber kein einziges. Auf dem Fluss lag währenddessen ein ziemlich heruntergekommener und nach Öl stinkender "Misisipi"-Schaufelraddampfer.


Auf der 1955 gebauten "Steinbrücke", die bei weitem häufigste Triebwagenart, ein Tatra T3A-Doppel


Einer der wenigen mit abweichender Lackierung, hier wird für Recycling Werbung gemacht


An und für sich gibt es Trolleybusoberleitung, doch aus offensichtlichen Gründen fahren hier die Skoda 24Tr Irisbusse mit ihrem Hilfs-Dieselmotor (in Riga in Modellvarianten mit und ohne Dieselmotor unterwegs), und das seit 1. September 2009 planmäßig.





Auch auf der Bahnbrücke tat sich hin und wieder etwas, hier fährt ein "einheimischer" ER2 aus dem Hauptbahnhof aus. Wieso einheimisch? Wie viele Triebwagen in der ehemaligen Sowjetunion stammt dieser von RVR ("Rigas Vagonbuves Rupnica")! Einfach zu merken ist, dass alle Triebwagen mit dem "R" in der Bezeichnung hier gebaut wurden.
Im Hintergrund die imposanten Hallen des Zentralmarktes.


Wie es sich für eine ex-sowjetische Stadt gehört, gibt es auch eine richtige "Weltraumnadel"





Für ein klein wenig Abwechslung sorgen die T3MR, welche es nur noch in geringer Stückzahl gibt. Im Überfluss vorhanden sind hingegen noch die Marschrutkas, ohne sie wäre der Morgenverkehr wohl kaum zu bewältigen. In diesem Bereich und einigen anderen fühlt sich Riga noch wesentlich "sowjetischer" an als zum Beispiel Tallinn, wo keín einziger Minibus im Einsatz zu sehen war.


Nun begab ich mich wieder an das stadtnahe Ufer und wanderte langsam Richtung Eisenbahnbrücke, irgendwann wollte ich ja auch den Bahnhof erreichen, denn die Expresszüge aus dem Osten fuhren nicht über den Fluss.





Hier fanden sich auch ein paar Angler an der Promenade zusammen


Alte Haudegen mit (von RVR) modernisiertem Triebwagen, Typ ER2T





Meinen Morgensport verrichtete ich, als ich wieder zurück zur Brücke sprintete, um dieses Arbeitsvehikel einzufangen. Später sah ich dann noch eines mit etwas größerem Passagierraum und kleinerer Ladefläche.


Nun folgte ich mehreren Strassenbahnlinien weg vom Fluss Richtung Hauptbahnhof





Das Kopfsteinpflaster sorgte für eine urige Szenerie








Am äußerst verkehrsreichen Platz vor dem Bahnhof, willkommen in der EU!





Die Fassade des Bahnhofs ist ja recht imposant, auch vereint mit ein paar Shoppinggelegenheiten.


Doch auf den Bahnsteigen angekommen, wurde ich gleich mit der Realität konfrontiert. In einem Baltikum-Reiseführer stand einmal, dass Tallinn keine besonders eindrucksvolle Station wäre, erst Riga hätte die Bezeichnung Hauptbahnhof tatsächlich verdient. Doch irgendwie fand ich Tallinn wesentlich sympathischer, besonders die Durchgänge auf der entlegeneren Bahnsteigsseite in Riga waren das reine Pissoir.


Bei den Anzeigen blickte ich nicht ganz durch, bis ich darauf kam: die Displays waren zu einem Zeitpunkt einfach eingefroren und veränderten sich nicht mehr - die Zeit war hier wortwörtlich stehengeblieben! Dadurch und durch das fehlen einer Ankunftstafel, konnte ich auch nicht den Bahnsteig des bald ankommenden Nachtzuges aus St. Petersburg ausmachen. Also legte ich mich einmal auf einem alles halbwegs abdeckenden Platz auf die Lauer.


Mit DR1A, ER2M und ER2 eine wunderbare RVR-Parade


Glück hatte ich mit dem Wetter, denn erst jetzt begann es zu regnen, zusammen mit unangenehmen Westwindböen








Das rundliche Schnauzen-Design ist für mich das schönste der ehemaligen Sowjetunion, mit herrlichen kleinen Details, wie den ausklappbaren Seitenfenstern wie im Flugzeug-Cockpit - da erwartet man sich nur noch, dass der Lokführer eine lederne Sturmhaube trägt! ;-)


Ein längerer DR1 Dieseltriebwagen ist gerade am Hausbahnsteig eingetroffen


Hier sieht man, dass der ER2T noch breiter ist als der Führerstand, zudem ist immer das Herstellerzeichen prominenter als die Bahngesellschaft. Naja, früher zumindest musste man sich keine Gedanken darüber machen, welche Bahn daher kommt...
Die Ziffern hinter der Triebzugnummer bezeichnen den einzelnen Wagen, 01 und 09 beziehen sich speziell auf Endwagen, dazu gibt es noch manchmal das Anhängsel R für aus Mittelwagen umgebaute Endwagen.





Die Vorortzüge werden durchaus gut frequentiert


Der Regen hat immer auch seine Reize ;-)


Auch ein modernisierter ER2T traf ein. Nun hörte ich über eine Ansage, ebenfalls auf Englisch, dass der Schnellzug aus St. Petersburg 15 Minuten verspätet sei. Nun gut dachte ich, viel länger kann ich aber dann nicht mehr warten, ich musste zurück zum Flughafen.


Ich begab mich zur Planzeit des Zuges, um 9 Uhr, Richtung Hausbahnsteig, wo beim Durchgang auch einige Einheimische Unterschlupf gefunden hatten. Irgendetwas fehlte noch für ein gelungenes baltisches Schnupperabenteuer - ach ja, in Estland gab es keine M62 zu sehen!


Die Doppellok 2M62-1220 rollte gemächlich als Lokzug durch den Hauptbahnhof


Die Dachkonstruktion auf Bahnsteig 2


Und um die Sammlung zu komplettieren, überraschte mich die braune M62-1206 mit einem Sondertransport (falls jemand die Dinger erkennt, kann er sich gerne melden), die Lokführer flippten fast aus vor Entzücken einen Fotografen zu entdecken! :-)


Um 9:22 kam dann schließlich der angekündigte D 37RJ aus St. Petersburg an, gezogen von der kyrillisch beschrifteten TEP70-0250


Ein LDZ Ganzzug, wobei das Farbdesign eher nach Bauzug ausschaut





Nach der Ankunft am Hausbahnsteig von Riga


Nun war es aber für mich Zeit mit ein wenig Sicherheitspolster zurück zum Flughafen zu fahren. Ich ging den Abgang zur Straße hinab, und genau in der Sekunde hielt an der Busstation ein Bus der Linie 22 direkt zum Flughafen - das nennt man Glück, und ich wurde in dem nun strömenden Regen nicht einmal nur ein bisschen nass! Die Fahrt kostete 70 Santims, das ist etwa ein Euro (der lettische Lats ist eine der wenigen Währungen mit größeren Einheiten als der Euro, was in einem Land mit oft niedrigeren Preisen allerdings nicht so sinnvoll ist), das Taxi hatte natürlich ein Vielfaches gekostet. Aber so lief sowohl An- als auch Abreise wie am Schnürchen. Der Flughafenbus wurde unterwegs auch von vielen Stadtbewohnern genutzt. Die Fahrt dauerte unter einer halben Stunde, wir fuhren über die Steinbrücke und weiter kaum auf der Autobahn, anders als im Taxi.
Im Flughafen angekommen war ich heilfroh, schon eingecheckt zu haben und ohne Gepäck zu sein. Der Flughafen ist laut Internet für 2,5 Millionen Fluggäste geplant, fertigt aber heuer schon 4 Millionen ab, ist also komplett überfüllt. AirBaltic soll schon an einem neuen Terminal bauen. Dieser ist auch nötig, denn an meinem Gate warteten Fahrgäste von mehreren Flügen, ich fand zunächst gerade noch ein Platzerl auf einem Heizkörper zum Sitzen. Doch auch hier verlief alles planmäßig, mit dem Bus wurden wir im immer stärker werdenden Regen zur Boeing 737-500 nach Wien verfrachtet. Im Flugzeug hatte ich als einer von zwei Leuten das Sitzlayout richtig gelesen und mir einen der einzigen beiden Notausgangssitze mit Fussfreiheit gesichert. Naja, irgendeinen Vorteil muss es ja haben, wenn man schon um 4 Uhr Früh eincheckt... Anschließend ging es bequem und ohne Vorfälle nach Wien, wo wiederum die Sonne schien.
Abschließend kann ich noch bemerken: ich würde ja gerne auf den Flugverkehr verzichten, aber momentan gibt es für einen Kurzbesuch ins Baltikum aus Richtung Südwesten keine Alternative, denn die Landverbindungen sind einfach unmöglich. Da können wir nur noch auf das 1435mm RailBaltica-Projekt, das Polen mit Tallinn quer durch Litauen, Lettland und Estland verbinden soll, hoffen, falls es komplett verwirklicht werden sollte...
« Letzte Änderung: 19. September 2010, 19:47:07 von Roni »
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Re: Ein Sprung ins Baltikum 2010 - 1: Riga, 19. 8. (50 B.)
« Antwort #1 am: 19. September 2010, 11:20:03 »
@Roni

Eindrucksvoller Report! :)

MfG
Loknarr
Bei Einbruch der Finsternis muss mit Dunkelheit gerechnet werden!

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Re: Ein Sprung ins Baltikum 2010 - 1: Riga, 19. 8. (50 B.)
« Antwort #2 am: 19. September 2010, 13:17:19 »
@Roni

Eindrucksvoller Report! :)

MfG
Loknarr

Ich kann mich Loknarr nur anschließen!  :D
Lg, Michael

Roni

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Re: Ein Sprung ins Baltikum 2010 - 1: Riga, 19. 8. (50 B.)
« Antwort #3 am: 20. September 2010, 20:00:57 »
Hallo!

Danke euch!  :)
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Re: Ein Sprung ins Baltikum 2010 - 1: Riga, 19. 8. (50 B.)
« Antwort #4 am: 21. September 2010, 00:44:40 »
HalloRoni Traumhafte Stimmungsbilder wie von Dir gewohnt. Danke
Schoenen Gruss aus Bali
Peterle