Autor Thema: Indien 2012 - 25: Mumbai - Vaitarna Western Railway Morgen (50 B.)  (Gelesen 1985 mal)

Roni

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Hallo!



Der vorherige Teil der Reportagen:
Indien 2012 - 24: Erste Klasse Goa - Mumbai - Pune (50 B.)
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=3279.0



Das Video zum Bericht:
http://www.youtube.com/watch?v=Ln9ntoVBVts&hd=1



22. 2. 2012

Anand hatte mir ein Anruftaxi für 3:30 bestellt, gekommen war es tatsächlich um 2:30. Wir baten den Fahrer, zumindest noch eine halbe Stunde zu warten, dann musste ich aber auf. Ich fuhr hinüber nach Bandra Junction, einem Vorortzugbahnhof, wo der erste Zug nach Norden um 4:41 abfahren sollte. Natürlich war ich viel zu früh dort, Taxifahrer und ein lokaler Polizist waren besorgt, da es sich nicht um die beste Gegend handelte. So setzte ich mich an einen leeren Verkaufsstand zum Polizisten und einem weiteren netten Mann, der sich als Zivilingenieur namens Vineet aus einem Dorf in Uttar Pradesh erwies. Wir tauschten Mailadressen und Telefonnummern aus. Währenddessen kamen immer wieder weitere Polizisten auf Streife vorbei, sonst jedoch kein Mensch. Um vier Uhr wurde Vineet vom Polizisten rekrutiert, mich zum Bahnsteig zu begleiten und dort auf den Zug zu warten. Die Garnitur stand schon da, doch es saßen natürlich noch keine Leute darin. Nun konnte ich, abgesehen von Kalyan, das erste Mal das Mumbaier Zugsystem genauer begutachten. Leider bestanden die Züge auf der Western Railway schon alle aus dem neuen, hässlichen MRVC ("Mumbai Railway Vikas Corporation") Modell, denn die Strecke war während meines Indien-Besuches komplett auf Wechselstrom umgestellt worden, am 5. Februar. Auf den Bahnsteigen gab es Anzeigen, welche Abfahrtszeit, Code für die Destination, Anzahl der Wagen (9 oder 12) und Art des Zuges (S – „slow“, F – „fast“, also Stationen auslassend) anzeigten. Als sich die ersten Passagiere in den Zug gesetzt hatten, verließ mich Vineet, der in die andere Richtung fahren musste. Es stellte sich zwar heraus, dass diese Leute ebenfalls nur auf einen anderen Zug warteten und bald wieder aufstanden, doch es war kein Problem. In den Zügen gab es neben der zweiten auch erste Klasse und Frauenabteile, immer an der selben Stelle und am Bahnsteig durch fixe Tafeln angezeigt. Zur frühen Stunde begab ich mich jedoch in die zweite Klasse, um in der Gesellschaft anderer Reisender zu sitzen. Die meisten waren nicht anders ausgerüstet als ich, junge Leute auf dem Weg zur Arbeit mit Rucksack, viele mit MP3-Player im Ohr. Man merkte in Mumbai schon, dass hier eine enorm große smarte Population existierte. Selbst die zweite Klasse wurde während der Fahrt nicht voll, und so konnte ich mein erstes Mumbaier Vororterlebnis bequem genießen. Es wurden sämtliche Stationen in drei Sprachen angesagt, dazu gab es LCD-Displays, die neben nächster Station und Ziel auch gelegentlich Tipps anzeigten. Es ging manchmal langsamer, manchmal schneller voran, die Zugdichte war hier so groß, dass man vor einigen Stationen warten musste.

Mehr Informationen über das Mumbaier S-Bahn-System findet man hier, inklusive Streckenplan:
http://en.wikipedia.org/wiki/Mumbai_Suburban_Railway

Der Fahrplan meines Zuges:
VR13 BA VR LOCAL

1 BA Bandra Jn 04:41 WR 0 1
2 KHAR Khar Road 04:43 04:44 1 WR 2 1
3 STC Santa Cruz 04:45 04:46 1 WR 3 1
4 VLP Ville Parle 04:48 04:49 1 WR 5 1
5 ADH Andheri 04:53 04:54 1 WR 7 1
6 JOS Jogeshwari 04:56 04:57 1 WR 9 1
7 GMN Goregaon 05:01 05:02 1 WR 12 1
8 MDD Malad 05:05 05:06 1 WR 15 1
9 KILE Kandivli 05:08 05:09 1 WR 17 1
10 BVI Borivali 05:13 05:14 1 WR 19 1
11 DIC Dahisar 05:16 05:17 1 WR 22 1
12 MIRA Mira Road 05:21 05:22 1 WR 25 1
13 BYR Bhayandar 05:26 05:27 1 WR 29 1
14 NIG Naigaon 05:31 05:32 1 WR 33 1
15 BSR Vasai Road 05:37 05:38 1 WR 37 1
16 NSP Nalla Sopara 05:42 05:43 1 WR 41 1
17 VR Virar 05:50 Last Stn WR 46 1

Letztendlich erreichten wir den nördlichen Endbahnhof, Virar, fast pünktlich, blieben jedoch an einem Bahnsteig etwas außerhalb der Hauptbahnsteige stehen. Dies wurde auch vom Fahrer kurz davor durchgesagt. Ich wanderte mit den Passagieren vor und fragte kurz nach dem um 6:15 abfahrenden 69157 MEMU (Mainline EMU = Hauptstrecken E-Triebwagen) Richtung Dahanu Road. Dieser stand an einem Stumpfgleis hinter der Station. Ich setzte mich in die ziemlich leere erste Klasse und wurde kurz darauf vom Mumbaier Eisenbahnfreund Karthik entdeckt, mit dem ich eigentlich den Ausflug hatte starten wollen. Er wohnte jedoch in einer vom öffentlichen Verkehr bei Nacht schlecht bedienten Gegend und hätte etwas später nachkommen wollen. Glücklicherweise hatte ihn Mohit, der bald darauf zu uns kam, mit dem Roller zu Bahn gebracht. Wir waren sogar im selben Zug unterwegs gewesen, sie hatten die ganze erste Klasse durchsucht, nicht wissend, dass ich in der zweiten saß. Es waren sehr nette, vife Jungs im Alter von 17, Ingenieursstudenten und Pilotenanwärter, die sich nebenbei brennend für die Bahn interessierten. Karthik zeigte mir am Handy einen Server, der die aktuelle Position und Geschwindigkeit von einigen wichtigen Zügen in Indien anzeigte. Einige davon sollten wir gleich darauf sehen, vor allem die Rajdhanis aus Delhi. Nach nur zehn Minuten stiegen wir in meiner Wunschstation, Vaitarna, aus. Wir gingen zum Vorstand, zeigten ihm meine Genehmigung. Heinrich war drei Tage zuvor mit einer belgischen Gruppe hier gewesen, daher kannte er die schon. Wir bekamen von ihm das OK, und begannen daraufhin, den naheliegenden Hügel zu erklimmen. Die Einheimischen hatten ihn kurz davor brandgerodet, was ziemlich starke Kohleflecken auf der Hose hinterließ. Ein paar von uns hatten auch mit der Steigung Probleme, aber letztlich schafften es alle zum Gipfel. Es bot sich ein herrlicher Anblick, die Landschaft war noch leicht in Nebel gehüllt, im Osten stand ein Tempel, und man hatte hier weite Ausblicke bei klarer Sicht. Vor uns, am Fluss Vaitarna, konnte man extrem viel Bootsverkehr beobachten, zudem fanden sich am einige Sandgruben, die uns später noch zum Verhängnis werden sollten. Die Freunde erzählten mir, dass es hier schon öfters Probleme mit der lokalen Polizei beim Fotografieren gab. Vorerst war aber alles herrlich, es kamen mehrere Züge mit diversen Baureihen vorbei.

Wir befanden uns an der Western Railway Hauptstrecke von Mumbai nach Norden, die meisten Verbindungen in den Norden und Richtung Delhi verliefen hier. Ein Überblick:
http://www.irfca.org/faq/faq-map-schematic.html


Blick Richtung Osten mit Tempel und Fluss Vaitarna.




Gleich nachdem wir es auf den Hügel geschafft hatten, kam der erste Express aus Richtung Mumbai durch die Station Vaitarna gefahren.




Gezogen wurde der Nordfahrer von Kazipet WDM-3A 18795.




Einige der Wagen waren schon mit aus der Dunkelheit leuchtenden LCD-Anzeigen statt Zuglaufschildern ausgerüstet.




Morgennebel am Fluss.




Spitzenlichter tauchten aus Richtung Norden kommend auf.




Samastipur WDM-3A 16330R verschaffte uns das erste audio-visuelle Spektakel des Tages, auch an elektrifizierten Hauptstrecken kommen in Indien Dieselfreunde auf ihre Kosten!




Der 12215 Delhi Sarai Rohilla - Bandra Terminus Garib Rath (siehe Reportage Teil 16) wurde rein aus AC III Wagen gebildet und mit Generatorwagen unterstützt.




Auf dem Fluss herrschte enormer Verkehr, ich habe wahrscheinlich noch nie derart viele aktive Boote außerhalb eines Hafens gesehen.









Der nächste Nordfahrer näherte sich aus dem Nebel hinter der Station.




Gezogen wurde er von der Spezialität dieser Strecke, einer WCAM-1. Diese Zweisystem-Loks wurden ab 1975 beschafft und sind nur vom Lokschuppen Valsad aus auf der Western Railway entlang der Westküste nördlich Mumbais unterwegs. Durch die komplette Umstellung der Strecke auf Wechselstrom wurden mittlerweile bei einigen Exemplaren die Gleichstromanlagen entfernt.









Die Sonne erhob sich nun über den Bergen im Osten.














Karthik portraitiert von Mohit.




Mittlerweile war in Vaitarna der 71082 Dombivli - Boisar Passenger eingefahren. Es handelte sich hierbei um einen "DMU", in dem Fall eine "eingewickelte" ALCO mit einem vierteiligen Wendezug auf jeder Seite.




Doch es hieß in die andere Richtung aufmerksam bleiben, denn ein rotgestreifter Tiger pirschte sich im Nebel heran.




Jawohl, es handelte sich um den 12952 "Mumbai Rajdhani" New Delhi - Mumbai Central, einer der Topzüge der Indian Railways.









Der Zug bestand aus einer reinen Garnitur im LHB-Design inklusive zwei Generatorwagen.




Das Mumbai Rajdhani Sonnenaufgangspanorama.




Mohit filmte das genau passende Treffen der Ghaziabad WAP-5 30019 mit Kalyan WDM-2 18560.
Mit anderen Worten: eine SBB Re 460 "Lok 2000" traf auf eine ALCO mit Bauplan aus den 50ern! ;-)




Nein, der Generatorwagen wurde nicht gerade abgefackelt, es lagen noch die ALCO-Schwaden der DMU-Ausfahrt in der Luft!




Der Personenzug verzog sich beschleunigend in den Nebel.




Der Rajdhani ebenfalls auf seiner bald endenden Fahrt von der Hauptstadt in die Metropole Mumbai.




Ein Wunschbild für Karthik.




Am Fluss wurde es noch hektischer.




Kurz danach kam aber ein Mitarbeiter der Station zu uns, und rief uns zurück.

Auf dem Weg hinunter konnte ich geschwind Ludhiana WAG-5 23465 mit Güterzug einfangen.




Plötzlich wollte der Vorstand auf Bestätigung vom CPRO (Chief Public Relation Officer) der Western Railway warten, welcher erst um 10 Uhr im Büro sein würde, momentan war es 7:30. Die Freunde erklärten mir die Situation: die Sandgruben am Fluss waren illegal, daher wurde der Vorstand wohl von einigen Leuten bedrängt, uns am Fotografieren zu hindern. Er selber war nett, lud mich auch zum Tee ein, aber was half es… Wenn ich alleine gewesen wäre, hätte ich vermutlich mehr Druck gemacht, aber ich wollte den Freunden ja auch keine guten Beziehungen zu den lokalen Eisenbahnern verbauen. So waren wir nun gestrandet und konnten nur den Zügen zusehen, die vorbeikamen. Der 12954 Hazrat Nizamuddin - Mumbai Central "August Kranti Rajdhani", ebenfalls aus Delhi, gezogen von einer WAP-7. Kurz davor der 12922 Surat - Mumbai Central "Flying Ranee", ein klassischer Pendlerzug mit Wurzeln in der Kolonialzeit, bestehend aus WCAM-1 mit hauptsächlich Doppelstockwagen. Richtung Norden der 12009 Mumbai - Ahmedabad Shatabdi gezogen von einer WCAM-2. Mohit fuhr mit dem nächsten Nahverkehrszug nach Virar, um vielleicht per Fax jemanden erreichen zu können, und kehrte etwa eine Stunde später mit einem weiteren Eisenbahnfahn, Raj, zurück, welcher unsere Partie komplettierte. Wir sassen an einem Ende des Bahnsteigs, wo die Jungs mit meiner 7D und manuellem Fokus ein paar Portraitversuche probierten.

Gegen 9 Uhr näherte sich dann ein besonderes Schmankerl, das wir uns als Eisenbahnfans nicht entgehen lassen konnten: die schwer rauchende Ratlam WDM-2A 17303 transferierte einen grünen South Eastern Railway Vororttriebwagen nach Mumbai! Glücklicherweise hatte Raj seine Kompaktkamera griffbereit und konnte sie rechtzeitig zum Einsatz bringen (noch einmal zur Erinnerung: mit Genehmigung des Eisenbahnministeriums wurden wir nur von lokalen Kriminellen am Fotografieren gehindert). Im Foto sieht man auch gut die Dimensionsunterschiede der Vorortzüge, die vier Meter breit waren.

(Foto Raj Upadhyay)



Mit Rauchspur durch die Station.

(Foto Raj Upadhyay)



Um 10 Uhr kam dann endlich das OK, und wir konnten wieder loslegen:



 
Diese Feuerlöschkübel findet man 1:1 genau so bei jeder britischen Museumsbahn.




Der Bahnsteig war wohl ein so guter Ort wie jeder andere, um ihre Orangen zu sortieren...




Schon kündigte sich der nächste Express Richtung Mumbai in der Ferne jenseits der Brücke an.




Auch in der Nähe der Großstadt herrschte indisches Landleben.




WCAM-1 21845 rauschte an den Brückenpassanten vorbei.









Nur fünf Minuten später, wieder vom Hügel herunter: der nächste Südfahrer, der 12479 "Suryanagari Super Fast Express" aus dem uns schon bekannten Jodhpur nach Bandra.




WCAM-1 21848 beschleunigte nach der Brücke wieder, man kann gut die zwei unterschiedlichen Stromabnehmer erkennen.




Nur drei Minuten darauf: Pune WDG-4 12381 mit dem 06512 Jaipur - Yesvantpur Garib Rath - der kommt uns doch bekannt vor? Aber ja, ihn hatte ich ja am Monkey Hill, ebenfalls von einer GM- Güterzuglok gezogen, erwischt (Reportage Teil 16)!









Es gab keine Pause: nur fünf Minuten darauf wieder ein Express Richtung Mumbai. Wie man sieht hatte nun die Flut eingesetzt, das Wasser strömte unter der Brücke durch landeinwärts.




Vadodara WAP-4E 22810 zog den 12240 Jaipur - Mumbai Central Duronto (siehe Reportage Teil 15) über den Fluss Vaitarna.









Der Zug bestand ebenfalls nur aus LHB-designten Wagen.




Sehr nette und clevere Jungs, nur eines fehlte der Stadtjugend ein wenig: Offroad-Tauglichkeit! ;-)












Aufgrund der Zugausbeute in noch gutem Licht binnen kurzer Zeit entschloss ich mich, doch mit dem MEMU um 10:42 Richtung Mumbai aufzubrechen. Die Hitze wurde nun wieder extrem, und ich wollte mir noch die Terminals im Stadtzentrum anschauen. Wir fertigten ein Gruppenportrait am Bahnsteig an, dann zwängte ich mich in die erste Klasse des Triebwagens, wo ich mich nahe der Tür stehend an einer Stange festhalten musste, doch bis Virar betrug die Fahrzeit ja nur zehn Minuten.

In das Herz der Metropole geht es dann im nächsten und vermutlich letzten kompletten Teil...
« Letzte Änderung: 24. Juli 2012, 20:59:18 von Roni »
lg,
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Re: Indien 2012 - 25: Mumbai - Vaitarna Western Railway Morgen (50 B.)
« Antwort #1 am: 21. Juli 2012, 07:18:23 »
Wieder tolle Bilder. Danke Roni.

2 Sachen sind interessant.
1. Indien macht es der Oebb nach und laesst das Rollmaterial von Kindern bemalen. (Semmeringlok)
2. scheint es als wenn in Indien das Gleismaterial dem Zick Zack der Oberleitung folgt.

*duck und wegrenn* :P
Schoenen Gruss aus Bali
Peterle


Viper

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Re: Indien 2012 - 25: Mumbai - Vaitarna Western Railway Morgen (50 B.)
« Antwort #2 am: 22. Juli 2012, 00:25:34 »

scheint es als wenn in Indien das Gleismaterial dem Zick Zack der Oberleitung folgt.


So lässt es leichter schlafen, die entfernungen sind ja teilweise enorm  ;D

Wieder ein wundervoller Bericht, Danke Roni

 
lg.
Viper