Autor Thema: Ein Sprung ins Baltikum 2010 - 3: An der estnischen Rollbahn I, 17. 8. (50 B.)  (Gelesen 5179 mal)

Roni

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Hallo!


Nun kommen wir zum Haupttag im Baltikum, 17. 8. 2010. In der Nacht zuvor war ich mit Estonian Air Flug 157 aus Berlin über Hamburg angekommen und erst nach Mitternacht im Hotel eingetroffen. Am Flughafen entdeckte ich diese geniale Reklame, noch dazu mit Wortspiel! ;-)
http://www.fotocommunity.de/pc/pc/mypics/449549/display/22135124

Vom Flughafen nahm ich ein Taxi für die kurze Fahrt in die Stadt, wobei man hier aufpassen muss, eines mit Taxameter zu erwischen. Die Nacht war sehr kurz, und noch dazu lag in einem Zimmer nebenan offensichtlich jemand mit psychischen Problemen, der die ganze Nacht grauenvolle Schreie ausstiess (glücklicherweise in den folgenden Nächten nicht mehr). Ich musste mich aber ohnehin schon vor 6 Uhr auf den Weg machen, um den ersten Zug Richtung Osten zu erwischen.

Auf meinem Premieren-Weg durch die Altstadt zeigte sich schon die Sonne auf den Dächern.


Ein Blick am Säulengang des Rathauses entlang.


Mein modernisierter ER2-Triebwagen der Elektriraudtee, er fuhr die Route ELR1 nach Aegviidu mit Abfahrt um 6:30 als einer von zwei beschleunigten Zugpaaren am Tag mit weniger Halten. Der Zug ganz links ist der Edelaraudtee DR1A als Zug EDR6A nach Valga an der lettischen Grenze, er wäre bei einer Abfahrt um 6:49 meine zweite Option gewesen.


Radfahrer sah ich häufig in estnischen Zügen.


Die Sonne hatte es gerade zur Spitze des Zuges geschafft, das Zieldisplay war noch nicht richtig eingestellt.


Nun passte die Destination, und mit der Abfahrt in wenigen Minuten nahm ich nun auch im Zug Platz.


Die Sitze waren modernisiert und boten ausreichend Platz, aber kaum weichen Komfort für den Hosenboden. Wie auf Breitspur üblich, konnten hier 2+3 Leute in einer Reihe sitzen. Der Zug war aber kaum belegt, kein Wunder, war es doch eher eine Zuführung für den späteren Pendlerzug Richtung Stadt. Die Fahrkarten werden in den Zügen der Elektri- und Edelaraudtee nur im Zug verkauft, die Schaffnerinnen hatten dazu kleine tragbare Computer. Die 53 Minuten Planzeit dauernde 60 km-Fahrt Tallinn - Aegviidu kostete 28 Eesti Krooni (EEK), das sind ca. € 1,80. Pünktlich setzten wir uns in Bewegung, zunächst kamen wir an der Abzweigung zu den Strecken Richtung Süden und Westen in gemächlicher Fahrt vorbei, der erste Halt war in Ülemiste, nahe des Flughafens. Stationen wurden per estnischer Computer-Frauenstimme angesagt, dazu auch die Art des Bahnsteigs, denn je nach höherer oder niedrigerer Version werden unterschiedliche Türen geöffnet. Dazu gab es auch kleinere Haltepunkte, an denen der Bahnsteig nur eine Waggonlänge abdeckte, an diesen hielt mein Eilzug aber nicht. Am Güterbahnhof von Lagedi, dort befindet sich auch ein Depot, fuhren wir an einem gerade angekommenen gemischten Güterzug vorbei, in der Station Lagedi überholten wir dann einen Leerölzug in unsere Richtung, bespannt mit einer 2TE116 Doppellok. Immer wieder schlichen wir mit niedriger Geschwindigkeit an einigen Baustellen vorbei und kamen letztendlich mit etwa 10 Minuten Verspätung in Aegviidu an, welche auch fast alle weiteren Personenzüge im Laufe des Tages auf dieser Strecke beibehielten.

Der Grund für mein frühes Aufstehen: nur mit dem ersten E-Zug konnte ich auch den GoRail Moskva Ekspress noch erwischen, zusammen mit einem Ölzug Richtung Tallinn bot sich so ein komplettes baltisches Bahnhofsbild.


Zuglok war wie auch am nächsten Tag die TEP70-238. Bald darauf fuhr mein ER2 zurück nach Tallinn, anders als in Lettland, wo ich kaum Scheinwerfer in Verwendung gesehen hatte, warfen hier die Lokführer bei jeder Fahrt brav den Hauptscheinwerfer an.


Nun stand ich vor dem Dilemma, ob ich mit dem Zug nach Valga wie geplant Richtung Tapa weiterfahren sollte, oder die Ausfahrt des Güterzuges hier abwarten. Die Elektrifizierung der Strecke endete in Aegviidu, zweigleisig war sie noch bis Tapa, Knotenpunkt der weiterführenden eingleisigen Hauptstrecken nach Süden und Osten. Nachher bestand bis zum Nachmittag keine Verbindung mehr, die hier stehenbleiben würde. Über die Frequenz der Güterzüge war ich mir noch nicht im Klaren, letzte Berichte klangen nicht sehr ermutigend, und das Volumen der "Pipeline auf Rädern" von Russland zum Hafen Tallinn sollte seit 2007 wegen Differenzen auch deutlich gesunken sein. Letztendlich gab aber ebenfalls der herrliche Bahnhof von Aegviidu aus dem Gründungsjahr 1870 der ersten estnischen Bahnstrecke Paldiski - Tallinn - Tapa - Narva den Ausschlag. Auch wenn hier die Oberleitung stand, die Motive waren gut, eine der wenigen Sehenswürdigkeiten an der Strecke, und die Zugfolge durch den elektrischen Vorortverkehr dichter.

Also blieb ich beim Bahnhofsgebäude und nahm es mit DR1B-3714 als Edelaraudtee EDR6A Richtung Valga auf.


Ein paar Leute stiegen aus, dann machte sich meine letzte Verbindung Richtung Osten für die nächsten paar Stunden auf den Weg.


Ich erwartete die Ausfahrt des Güterzuges, doch es düste zunächst der aus DR1B-3718 und -3120 gebildete Zug von Tartu vorbei, diese Schnellkurse hielten auf diesem Abschnitt nur in Tapa, Ülemiste und am Balti Jaam in Tallinn. 


Anschließend kam der nächste ELR1-Kurs aus Tallinn mit unmodernisiertem ER2.


Die wegen der Baustellenverspätung verkürzte Wendezeit bis 8:29 wartete der Güterzug auch noch ab.


Doch um 8:34 ging es endlich los, die 2TE116-795 von Transoil, einem von mehreren Privatunternehmen, die den Öltransport übernommen hatten, donnerte an mir vorbei, die Lokmannschaft grüßte mich freudig.


Verschnaufpause blieb keine, nur fünf Minuten später rollte der Zug, den ich in der Früh überholte hatte, gezogen von 2TE116-1050 in den Bahnhof ein. Auf der Maschine hockten ein bisschen seltsame Käuze, alle anderen Triebfahrzeugführer waren aber mehr oder weniger begeistert von Bahnfotografen.


Der Zug hatte sich auf das äußerste, unelektrifizierte Nebengleis des Bahnhofs gestellt, also beeilte ich mich, auf die andere Seite vorzukommen. Der Grund für den Aufenthalt war die Überholung durch den Expresszug nach Tartu, an der Spitze DR1BJ-3710.


Dann fuhr auch der Leer-Öler langsam aus, denn hinter mir befand sich eine Baustelle, an der gut zwei dutzend Leute werkelten.


Just in dem Moment traf er auf den nächsten Edelaraudtee-Triebwagen Richtung Tallinn.


Hier endete die Elektrifizierung.


Es kam ein Bahnarbeiter vorbei, russischsprachig, wie alle an der Baustelle, die ich traf, und holte einen Container. Dann kam ich ihm doch etwas unheimlich vor, und er kehrte noch einmal zurück, um seinen Vorgesetzten per Funk zu melden, dass da ein Amerikaner, nein: Australier, nein: Österreicher (ich besserte ihn immer amüsiert aus ;-) ) eine Lok fotografiert hatte. Da die Vorgesetzten offensichtlich nix dagegen hatten, ging er wieder seines Weges.


Nun war es aber endlich so weit: ich wusste, dass die importierten GEs nur mehr selten zum Einsatz kamen, also war ich hocherfreut, als ich in der Ferne ein amerikanisches Horn hörte, und die rot-gelbe Front der C36-7i ("Dash-7") 1528 auf mich zukommen sah. 58 C36-7i, ehemals im Einsatz bei Missouri Pacific und später Union Pacific, wurden 2003 importiert, ebenso 19 C30-7Ai, welche zuvor bei Conrail, CSX und Norfolk Southern in Verwendung gewesen waren. Falls die Farbgebung bekannt vorkommen sollte: sie stammt genauso wie die der EWR in Großbritannien von der Wisconsin Central.
Ein langer Güterzug wäre natürlich schön gewesen, aber so kam sie nur mit einem lettischen LDZ Messwagen daher - eine original amerikanische Lok in der EU auf russischer Breitspur mit "Personenzug" ist aber auch schon etwas sehr Ausgefallenes! Beim Vorbeifahren wurde ich durch ein Pfeifen begrüßt, eine Alternative zur Hupe. Wer übrigens denkt, dass diese Monster sich ohnehin kaum von den ex-jugoslawischen GMs unterscheiden, der möge am besten in menschlichen Dimensionen messen: bei den GMs ist der Führerstand so hoch wie die Tür! ;-)


Dann kamen wieder ein paar Jungs vorbei, ich machte mich aber auf den Weg, um das andere Ende des Bahnhofes zu erkunden.


Eine gute Wahl, denn bald darauf ging ein gewaltiger Regenschauer nieder, so dass das Stationshütterl genau recht kam. Mittlerweile erreichte der 9:32-Zug mit etwa viertelstündiger Verspätung den Endbahnhof.


Regenimpressionen mit ER2-Triebwagen














Das Wetter wurde nach zehn Minuten wieder besser und ich begab mich zur Ausfahrt, um den Triebwagen mit dem Bahnhof von der anderen Seite fotografieren zu können. Auf dem Weg dahin kam mir die 2TE116-973 der E.R.S. AS ("Estonian Railway Services") mit einem Leerzug in die Quere.


Der Zug passierte die Station ohne Halt und begegnete dort Edelaraudtee Zug 211 aus Valga.


Gleich darauf fuhr auch der ER2 ab.


Als nächstes erkundete ich die Strecke Richtung Tallinn und stiess dort neben einer netten Kurve auf die darauf folgende genial lange Hochschaubahn-Gerade. Der Triebwagen, der um 11:10 ankommen sollte, näherte sich gerade, aufgrund der im Hintergrund sichtbaren Baustelle allerdings nur sehr langsam.


Hier standen ein paar nette Häuser, und die Sonne kam auch gelegentlich heraus.


Der Zug blieb nun für eine planmäßige Wendezeit von über 2:30 h hier, während dieser wurde er aber zeitweilig abgesperrt, obwohl der Lokführer am Führerstand blieb, mangels lokaler Bahneinrichtungen.


Ich postierte mich nun an der Kurve, um schön beide Richtungen abdecken zu können. Und siehe da, nur 20 Minuten nach Ankunft des ER2 zeigte sich am Horizont ein Flimmern - und es war klar gelb-rot! :-D


Ebenso klar war bald, dass es nicht nur einen Messwagen mit sich schleppte!


Mehr als fünf Minuten dauerte es, bis C36-7i 1534 es zu mir geschafft hatte, und das auch noch im Licht!


Wieder wurde ich im Vorbeifahren freudig begrüßt.


Kaum war der Zug vorbei, rauchte es in der Gegenrichtung schwer und 2TE116-1259 rollte mit einer gewaltigen Kette aus vollen Kesselwaggons heran.


Die Autofahrer am Bahnübergang mussten sich bei dem Zugtreffen etwas gedulden.


Der Nachschuss mit der langen Wagenschlange auf der Hochschaubahn bei dieser Beleuchtung gefiel mir besonders.


Nun bemerkte ich, dass die Dash-7 stehengeblieben war, also schnell auf die andere Bahnhofsseite! Den Grund für den Halt sah ich gleich nach meiner Ankunft, ein Gegenzug mit E.R.S. 2TE116-788 war auf das andere Gleis umgeleitet worden.


Und so hatte ich auch gleich eine perfekte GE-Anfahrt, die Lokführer schalteten netterweise für mich alle Scheinwerfer ein und verabschiedeten sich mit einem Pfeifen und Winken. Links sieht man das Gleis, wo die Güterzüge davor abgestellt worden waren, und auch ziemlich deutlich den Grund, warum sie hier so behutsam fuhren...


Wieder bei der Station, am Bahnübergang, machte ich in einem weiteren kurzen Regenschauer dieses Bild, als 1528 mit dem Messwagen zurückkehrte. Die Loks wurden immer passend gedreht, "lange Nase" voraus sah ich nicht, außer bei den schweren ChME3 Verschubloks.


Ein Blick auf den vorbildlich erhaltenen Wasserturm, der Wimpel mit den Nationalfarben war eindeutig skandinavisch beeinflusst.


Nun entschloss ich mich, wenn ich schon nicht vorwärts konnte, mich doch ein wenig Richtung Tallinn zurückzubewegen, bis zur nächsten größeren Station Kehra, wo ich dann 1 1/2 Stunden Zeit hätte.


Dort hatte ich nämlich bei der Vorbeifahrt als eines der wenigen Landschaftsmerkmale eine Brücke gesehen, die sich leicht vom Bahnhof aus erreichen ließ. Kaum angekommen, rollte auch schon eine Skinest Rail 2TE116 vorbei und komplettierte das herrlich skandinavisch - baltisch - russische Ensemble.


Das Panorama findet man in großer Auflösung hier:
http://www.fotocommunity.de/pc/pc/cat/18129/display/22584606


Ich wollte noch bis zum nächsten E-Triebwagen aus Tallinn hier bleiben, doch schon drei Minuten später kam aus der anderen Richtung ChME3-1328 mit dem Sammler an.


Nun war ich schon ein wenig weitergegangen, sprintete aber wieder zurück, denn plötzlich fuhr wieder nur 10 Minuten darauf Dash-7 1504 mit einem gemischten Güterzug vorbei.


Ich begab mich nun auf die andere Seite des Jägala-Flusses, und schon rauschte eine Transoil 2TE116 mit einem leeren Kesselwagenzug Richtung Osten. Nun konnte ich aber beruhigt durch den Ort zurück zum Bahnhof spazieren, bei vier Güterzügen in weniger als einer halben Stunde! Mehr von dort und das Finale an der unelektrifizierten zweigleisigen Hauptstrecke in Lehtse dann im nächsten Teil!
« Letzte Änderung: 08. Oktober 2010, 17:13:55 von Roni »
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Hallo Roni,

schöne Fortsetzung Deiner Reportage ausdem Baltikum.  :D
Da hast Du aber Glück gehabt, daß Du jetzt nicht als österr. Spion in einem estnischen Knast sitzt.  ;D

lG
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Roni

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Hallo!

Danke!  :)

Darüber würde ich mir jetzt keine Gedanken machen, die baltischen Staaten führen gemeinsam mit den skandinavischen die weltweite Liste der Länder mit der größten Presse- und Meinungsfreiheit an, noch vor Österreich...
lg,
Roni

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War auch eher als Scherz gedacht.  ;D

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Viper

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lg.
Viper

Loknarr

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@Roni

Genialer Bericht! 8)

MfG
Loknarr
Bei Einbruch der Finsternis muss mit Dunkelheit gerechnet werden!

Bart Simpson

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Wie immer ein super Bericht, tolle Bilder :D
Hast Du auch gefilmt oder nur fotografiert?
Lg, Michael

Roni

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Hallo!

Danke!  :)

@ Bart Simpson:

Dann hast dir nur das Flugzeugstartvideo angeschaut?  ;) ;D
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=2824.0
lg,
Roni

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messermoser

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Hallo Roni

Toller Bericht. Danke.
Schoenen Gruss aus Bali
Peterle


Bart Simpson

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Ich
bin
dumm! :-[
Sorry, ich habe jetzt nicht daran gedacht, dass es ja mehrere Teile sind.
Offensichtlich kann man auch um 11:45 nicht ganz bei Sinnen sein und einen ziemlichen Käse schreiben.
Lg, Michael

Speedy

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Wenn auch schon ein wenig älter, so ist das doch ein genialer Bericht.
Was ich bei Dir auch immer wieder bewundere, sind die Gegenden wo
Du Dich so hintraust....  ;)

Aber wirklich phantastisch... Nicht nur die Bilder...
Bei uns läuft alles...

...bald laufen auch Sie ! ! !