Autor Thema: Urlaub in Bulgarien 2015 - 20: Vom Kutter zur Ludmilla (50 B.)  (Gelesen 1176 mal)

Roni

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Hallo!



Zum vorherigen Teil der Serie:
Urlaub in Rumänien 2015 - 19: Mit der Bahn zum Strand (50 B.)
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=3743.0


Zum Video:
https://youtu.be/4dl-qDnduFM


Der Fahrplan für diesen Teil:
Di, 4. 8. 2015

Costinesti Tabara hc. ab 15:07 R 8801

Mangalia an 15:40

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Mi, 5. 8. 2015

Kardam ab 9:10 PV 28103

Varna an 12:12



4. 8. 2015

Nach der letzten Nachtzugvorbeifahrt des Tages Richtung Mangalia ging ich durch den "Park" in Costinesti und traf mich mit meiner Begleitung, die unterdessen im Studentenwohnheim von Brasov (es stehen dort einige aus diversen Teilen Rumäniens nebeneinander) gegessen hatte - und wie! Sowohl Lokal als auch Essen waren so elegant wie wir es in Rumänien bis jetzt kaum angetroffen hatten - und das in einem Studentenheim... also: Geheimtipp in Costinesti!
Bald mussten wir für unseren Regionalzug 8801 zur Haltestelle Costinesti Tabara hc. gleich in der Nähe.




Er bestand wieder aus der Doppelstockgarnitur, die so lange war, dass sie beide Bahnsteighälften der durch einen Bahnübergang zweigeteilten Station einnahm. In der Mitte hing man dann eben etwas in der Luft...
Rechts das Innere des oberen Stocks der modernisierten Waggons, das Design erinnerte mich etwas an jenes der Trenitalia.




Zurück in Mangalia erkundeten wir etwas die Stadt, wobei diese heutzutage praktisch nur aus modernen Gebäuden besteht. Einst befand sich hier das antike Callatis, dessen Fundamente unter anderem in einem Hotel (nicht unserem) zu besichtigen sind. Bedeutend ist auch die Esmahan Sultan Moschee - errichtet 1575 - , die älteste Moschee Rumäniens.




Nicht nur Moscheen erinnern an das osmanische Reich - so konnten an diesem letzten Abend in Rumänien unterschiedliche Süßigkeiten genossen werden.





5. 8. 2015

Am Tag zuvor hatten wir beim Bahnhof bereits einen Taxifahrer aufgegabelt, der uns gegen 7 Uhr Früh vom Hotel abholen sollte. Zunächst ging es 30 km landeinwärts nach Negru Voda. Die durchquerte Landschaft bestand aus einer eher kargen Ebene, zerfurcht von baumbewachsenen Flusstälern. Hier befinden sich auch Naturschutzgebiete.
Rechts im Bild - beides Handyfotos aus dem Taxi - der rumänische Grenzbahnhof Negru Voda. Die Strecke führt aus Medgidia her, allerdings heutzutage Personenverkehrs-frei - bis vor nicht allzu langer Zeit existierte sogar ein internationaler Schnellzug. Es ist die einzige Bahn, die über die rumänisch/bulgarische Landgrenze führt, sonst muss stets die Donau überquert werden.




Eigentlich hatten wir mit dem Fahrer nur eine Fahrt bis Negru Voda ausgemacht, da ebendort aber absolut nichts los zu sein schien, überredeten wir ihn mit unseren Rest-Lei uns gleich über die Grenze zum Bahnhof Kardam zu führen. Also rollten wir bis an den rumänischen Grenzposten, wo der Taxler bei den Grenzpolizisten nachfragte. Diese wunderten sich wohl, warum wir Touristen nicht die Küstenroute über den ehemaligen Hippie-Strandort Vama Veche nahmen (Eisenbahnliebhaber kommen hier wohl nicht so oft vorbei), aber Probleme gab es keine. Unser Fahrer machte sich nun nur am Taxischild auf dem Dach zu schaffen, denn dieses musste für Bulgarien - wo er nicht als Taxiunternehmer auftreten durfte - abmontiert werden.
Wir fuhren bis zur bulgarischen Seite, wo bereits ein paar Reisebusse warteten. Nach etwas Stehzeit wurden wir schließlich um sie herum gewunken. Von hier waren es jetzt noch 5 Kilometer bis zum BDZ-Bahnhof Kardam, insgesamt 45 km aus Mangalia, für die wir inklusive Grenzaufenthalt etwas mehr als eine Stunde benötigten. Im Ort nahmen wir lieber die Hauptstraße, denn alles andere sah ein bisschen sehr holprig aus. Auch der Bahnhof schien von außen eher zugewachsen, innen erwartete einen dann dies:




Fahrkartenausgabe, erfuhren wir, gab es nur im Zug. Dieser sollte auch verkehren - so weit so gut!

Noch besser wurde es bald darauf: zwei Minuten verfrüht rollte BDZ-Ludmilla 07 111 mit dem "Minimalnachtschnellzug" BV 2637 aus Poweljanowo an. Der moderne Schlafwagen an erster Stelle wird als Kurswagen per BV 3637 aus Sofia überstellt.









Fahrgäste wurden im Schlafwagen keine gesichtet, aber die Verbindung ist wohl eher für den Hauptort der bulgarischen Süddobrudscha - Dobritsch - gedacht, als die Endstation im kleinen Grenzort Kardam. Der Schlafwagen wird auch nicht in Kardam stehengelassen, sondern einfach mit dem folgenden Regionalzugpaar bis Warna und wieder zurück geschleppt.




07 111 umfuhr den Zug, am südlichen Ende des Bahnhofs befindet sich ein Bahnübergang.




Unser Regionalzug PV 28103 nach Warna stand abfahrtbereit da.
Vielleicht sind jemandem schon die schrägen Seitenwände des 2.-Klasse-Waggons aufgefallen, das hat folgenden Hintergrund: die Waggons wurden hauptsächlich aus DDR-Standardbaukästen für 26,4 m lange Halberstädter/Bautzener Seitengangwagen gebaut, jedoch ist die bulgarische Version nur 24,5 m lang. Dies ermöglicht mehr Breite im Lichtraumprofil, also wurden - um die schmäleren Standardbauteile wie das Dach zu verwenden, welche teuer neu zu konstruieren gewesen wären - einfach die Seitenwände zwischen den Türen erweitert.




Der Schaffner benötigte ein wenig, dann war unser handgeschriebenes Ticket um 13,80 Lewa (auch hier gibt es "Löwen" als Währung) oder 7 Euro für 131 km Fahrt für 2 Personen ausgestellt... da sieht man: damit sich ein Balkan Flexipass auszahlt, muss man aus rein monetärer Sicht in Bulgarien schon sehr oft sehr weit unterwegs sein.
Der Waggon war innen wie außen in gutem Zustand, die Innenaustattung modernisiert, Billasackerl klarerweise dabei. ;-)




Wir starteten zunächst in flache, steppenartige Landschaft, das einzig gesichtete architektonische Motiv der gesamten Strecke war eine kleine Brücke. Die Unterwegsbahnhöfe sind zum Teil abseits der benutzten Areale stark verwachsen, hier die erste Station General Toschewo. Alle Bilder der Fahrt habe ich mit der Kompaktkamera angefertigt.




General Kolewo befand sich in weitaus schlechterem Zustand, "Gara" - was auch auf Bulgarisch "Bahnhof" bedeutet - wurde hier weggestrichen. Es existieren wohl noch schwelende Ressentiments, da die Süddobrudscha in der Zwischenkriegszeit von Rumänien annektiert worden und eine bulgarische Unabhängigkeitsbewegung hier aktiv war.
Bald erreichte man den Rand der Stadt Dobritsch am Rangierbahnhof Dobritsch Sever. Wie man sieht ist es bei der BDZ üblich, Bahnhofsnamen in lateinischen Buchstaben auf Englisch transkribiert darzustellen.
Ebenfalls auffallend ist ein in Bulgarien grassierendes Problem mit Übergewicht, überall sah man adipöse Menschen - in angrenzenden Ländern auch, aber bei weitem nicht so ausgeprägt. Dabei ist die Balkan-Grill-Diät jetzt nicht so unterschiedlich... vielleicht liegt es ja an der puren Essensmenge?




Danach muss der gesamte Ort jedoch außerhalb umrundet werden, um den Hauptbahnhof zu erreichen. Auf der gesamten Fahrt war der Ludmilla-Feinstaub bis ins Abteil steter Begleiter - manchmal wurde es selbst mir als Diesellok-Liebhaber zu viel. In Dobritsch fand sich ein Diesel-Desiro, der das zweite tägliche Regionalzugpaar der Strecke übernimmt, sowie hierher geschleppte abgestellte Elektritschkas - zur elektrifizierten Hauptstrecke sind es noch fast 70 km.




Der für die Strecke massive Bahnhof, die Ludmilla spiegelte sich neben dem passenden Restaurant "Orient-Express".




Einige Stationen waren in ähnlichem Stil und unterschiedlichen Erhaltungsgraden sehr schmuck.




Von einer Prairie-ähnlichen Landschaft bei Kardam, näherten wir uns an schon etwas verblassten weiten Sonnenblumenfeldern vorbei Poweljanowo, Teil der Stadt Dewnja. Dies ist ein Hauptort der chemischen Schwerindustrie Bulgariens, unter anderem mit eigenem Thermalkraftwerk für Europas größte Sodafabrik, Kalksteinbruch, sowie dem Hafen Warna-West gleich daneben.




"V 300" trifft auf "V 60" mit Bauzug - vor der Kulisse des Verkehrs- und Industrieknotenpunktes Poweljanowo.




Am gegenüberliegenden Gleis fuhr BV 2612 Warna - Sofia ein. Diese und Szenen der Fahrt sind im Video ab Minute 20:25 zu sehen.




Der Hafen Warna-West befindet sich am Beloslaw-See, welcher vom Prowadijska-Fluss gespeist wird und in den Warna-See übergeht, der wiederum in das Meer mündet. Die Tankwaggons wurden von kleinen Rangierrobotern bewegt.




Nach einer Fahrt entlang des Warna-Sees - Fotos davon ein anderes Mal - pünktlich angekommen in Warna, der drittgrößten Stadt Bulgariens: https://de.wikipedia.org/wiki/Warna




Auf einem Gleis daneben abgestellt standen den ganzen Tag über die modernen Schlafwagen der Nachtzüge Richtung Sofia.




Unser Best Western Prima Hotel lag vom Bahnhof aus über den Altstadt-Hügel gleich bei Meerespark und Strand, aber dennoch ruhig. Wir wurden freundlich empfangen und bekamen ein großes Zimmer.
Danach ging es unbeschwert in die Stadt, die meisten Gassen sind alt, aber es gibt auch größere neue Fußgängerzonen.









Unser erstes Ziel war das tolle archäologische Museum der Stadt. In der Umgebung existierte zur Kupfersteinzeit vor mehr als 6000 Jahren die einzigartige Warna-Kultur, besonders ist das Gräberfeld von Warna mit dem ältesten je gefundenen bearbeiteten Goldschatz.
https://de.wikipedia.org/wiki/Warna-Kultur

Doch nicht nur in der Prähistorie bietet Warna Außergewöhnliches, in der Antike wurde hier die griechische Stadt Odessos gegründet, bis in die römische Zeit und die ersten bulgarischen Reiche ist einiges erhalten. Das rechte Foto zeigt die Reste einer frühchristlichen Kirche (innen beides Handy-Schnappschüsse).




Nach der Abkühlung im klimatisierten Bereich des Museums ging es auf heißem Pflaster bis zur aus dem Jahr 1896 datierenden Muttergottes-Kathedrale, davor liegt der innerstädtische Busknoten. Danach tauchten wir wieder in die schattigen Innenstadtgässchen ein, von denen jede eine alte Allee ist. Mir fiel auf, dass man in Bulgarien weiß wie man mit der Sommerhitze umgeht - fast überall finden sich große, alte Bäume, auch an Bahnhofsgebäuden und an Stellen wo anderswo nur Betonwüsten vorherrschen. Natürlich gilt das nicht für manche Bausünden des ehemaligen Ostblocks, doch die sind im Zentrum von Warna glücklicherweise rar.




Ich begab mich nach drei Uhr für eine kurze Session zum schmucken Kopfbahnhof. Das Gebäude war zwischen 1908 und 1925 im Jugendstil mit Einflüssen des Neo-Barock erbaut worden, das Uhrwerk des Turms wurde 1929 aus Deutschland importiert. Der Bahnhof von Burgas verfügt über ein annähernd identisches Design.









Ein stationärer alter Waggon war am Ende eines Stumpfgleises eingebaut worden.




Die Ludmilla kuppelte gerade an die Garnitur der Rückleistung PV 28104 nach Kardam.














07 111 (Lugansk Nr. 0067 / Baujahr 1972).




Der Bahnhof war 2004-2005 gründlich renoviert worden.




Ich wartete nun draußen am Bahnsteig - vorbei an den Schlafwagen - auf die Ludmilla-Ausfahrt. In der Zwischenzeit gesellte sich ein Verschieber zu mir und plauderte über die Kamera, dann - um 15:40 - war es so weit.




Das Bahnhofspanorama von Warna, rechts beginnen schon die Hafenanlagen.




Dieselnd Richtung Kardam - im Land zeigten sich etwas dunkle Wolken, an die Küste schafften sie es jedoch nicht.




Der Regional- als auch Fernverkehr auf den elektrifizierten Strecken wird hier ausschließlich lokbespannt abgewickelt.









Die Altstadt wird vom Buleward "Primorski" umrundet, die Straße führt vom Bahnhof direkt zum Meer. Unterwegs passierte ich Reste der massiven römischen Therme - allerdings ist dies nicht die Hauptausgrabungsstätte, die man auch innen besichtigen kann.




An Sport-Swimmingpools vorbei erreicht man den langgestreckten Meerespark - eine grüne Ruhezone zwischen Stadt und Strand. Überhaupt ist Warna im Zentrum eine der grünsten Städte, die ich kenne. Wir tauchten nun zur Abkühlung ins kühle Nass.




Rechts des Bildes befindet sich die Hafeneinfahrt von Warna. Der Strand war dafür, dass er sich mitten im Stadtzentrum befindet und öffentlich zugänglich ist, recht sauber - anders, als in einem ein paar Jahre alten Reisebericht gesehen.




Und ins Hotel hatten wir nur etwa zwei Minuten zu gehen. Nachdem wir ausgehbereit waren, wählten wir zwischen empfohlenen Lokalen im Führer. Da einiges momentan nicht in Frage kam, entschieden wir uns für das Restaurant Tschtschurite in der Nähe des Bahnhofs an einem kleinen Stück balkanesisch wirkender Gasse - ein bulgarisches Lokal wird aus der osmanischen Tradition stammend auch als Mechana bezeichnet. Der Führer beschrieb dieses akkurat als eine Art Freilichtmuseum - jedoch mit künstlichen Elementen, wie den Zierblättern. Die Portion stellte sich jedenfalls als bulgarisch heraus, der Preis stimmt in Bulgarien fast immer für die Leistung. Die Rechnung wurde im schmucken Schatzkästchen serviert.




Die Lage des Lokals ist auch perfekt, wenn man am Abend auf einen Zug wartet.




Ich hatte zwar an dem Abend nicht vor wegzufahren - dennoch, MBV 1480 "Albena" (ein Urlaubsort 30 km nördlich von Warna) nach Budapest mit Abfahrt in der Sommersaison an Mittwochen und Samstagen um 20:00 wartete.
Unterdessen war Messi in einem bulgarischen Hotel gesichtet worden. ;-)




Der Zug besteht nur aus einem slowakischen Liegewagen und einem ungarischen 1.-Klasse-Wagen und wird nach einer halben Stunde Fahrt in Sindel mit dem längeren MBV 1470 "Nesebar" aus Burgas vereinigt.




44 202 (Skoda Nr. 7869 / Bj. 1983).




Die kurze Garnitur glänzte leicht im Abendlicht - doch keine Angst, ich würde hier noch einen schöneren Zug in schöner Sonne ablichten können! :-)
Die Ausfahrt habe ich nur gefilmt.




Zum Abschluss des Tages eine Reminiszenz an Rumänien: die von FAUR gebaute 55 206 verschob die abgestellten Schlafwagen aus der Station, zwecks Bildung der Nachtzüge nach Sofia.



Nächstes Mal unternehmen wir einen - nein, zwei Ausflüge ins Landesinnere! :-)
lg,
Roni

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messermoser

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Re: Urlaub in Bulgarien 2015 - 20: Vom Kutter zur Ludmilla (50 B.)
« Antwort #1 am: 30. Oktober 2015, 23:33:29 »
Danke fuer die schoenen Bilder
Schoenen Gruss aus Bali
Peterle