Autor Thema: Qualmender Osten '03-'16 - 21: Abschied von Czernowitz (50 B.)  (Gelesen 97 mal)

Roni

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Hallo!



Zum vorherigen Teil der Serie:
Großväterlicher Osten '03-'16 - 20: Festgenommen in Czernowitz (50 B.)
http://www.mstsforum.info/index.php?topic=3887.0



17. 4. 2003


Im vorherigen Reportageteil war ich von der Bahnhofspolizei zum ersten und bisher einzigen Mal in meinem Leben in die Wachstube mitgenommen worden. Wie schon erwähnt, waren die beiden Beamten ohnehin nicht sonderlich darauf aus gewesen. Ich deutete ihnen, dass ich mit dem Handy jemanden rufen würde, der sich besser verständigen könnte. In der Wartezeit waren sie zum Scherzen aufgelegt, fast hätte ich wohl noch eine Horilka serviert bekommen. Nach einer Viertelstunde traf mein Vater ein, der als ehemaliger Dozent Russisch wie ein Muttersprachler spricht. Nach kurzer, freundlicher Konversation wurde ich noch einmal ermahnt, auch wenn die Stimmung schön ist, in Zeiten des internationalen Terrorismus müsse man nun sehr vorsichtig sein (der 2. Irakkrieg war zu dem Zeitpunkt erst wenige Wochen alt, die Ukraine Teil der "Koalition der Willigen"). Dann wurde ich entlassen, und wir fuhren zu unserem Stammrestaurant "Utah", wo sich die begeisterte Familie schon zum Abendessen versammelt hatte.

Zu Mittag des selben Tages hatten wir den Bahnhof am Stadtrundgang schon einmal besucht. Glücklicherweise ist mein Bild nicht auf der Pinwand neben dem damaligen Regionalfahrplan gelandet... ;-)




Die Haupthalle mit Expressfahrplanaushängen.




Auf den Gütergleisen stand einiges versammelt.









Personenzüge sah man zu dem Zeitpunkt nur abgestellt, links Waggons aus Kiew.




Hmmmm... gut, beim nächsten Shinkansen passe ich dann auf! :0)




Die Garnitur nach Uschhorod.




Links sieht man es leicht rauchen.









Zumindest der Instandhaltung verdankte man eine Verschubbewegung.









Da hatte einer die richtige Idee...




Und dann passierte doch etwas: eine 2M62 qualmte Richtung rumänischer Grenze mit Güterzug aus der Station!
Es ist eines der Bilder, bei dem man sich denkt: wäre ich doch am richtigen Ort zur richtigen Zeit gewesen... das werde ich wohl nie wieder dort erleben können.




Vom Bahnhof kann man durch einen steilen Park bergauf gehen, unterwegs:




Hier waren eindeutig Leute mit positiver Lebenseinstellung unterwegs.




Ah! Studenten - wir sind vor der Nationalen Jurij-Fedkowytsch-Universität angelangt.




Das Ensemble war 1864 - 1882 vom tschechischen Architekten Joseph Hlawka errichtet worden und diente ursprünglich als Residenz des orthodoxen Metropoliten der Bukowina und Dalmatiens. Die Universität war 1875 als "Franz-Josephs-Universität" gegründet worden, später während der rumänischen Zeit "Universitatea Regele Carol I din Cernăuți", in der Sowjetunion "Tscherniwezkyj derschawnyj uniwersytet". 1955 wurde dieser Gebäudekomplex bezogen, der seit 2011 zum UNESCO Weltkulturerbe zählt.









Vergleichsbild: links 17. 4. 2003, rechts 2. 8. 2016.




2003 verkehrte ein Skoda 9Tr im Planbetrieb auf der Universitätsstraße. Daneben gab es billiges Kseroksen.




Trolleybusbetrieb 2016.









Rechts die städtische Zahnklinik.









2016 gab es noch Straßenverkäufer, aber im Gegensatz zu 2003 auch an jeder Ecke ein Geschäft. Die Auswirkungen der Ukraine-Krise sieht man auf den zweiten Blick.




Man könnte eine ganze Fotoreise unternehmen, nur um Balkone in Czernowitz zu fotografieren.




Die ehemalige Herrengasse ist die zentrale Fußgängerzone der Stadt, heute Olha-Kobylanska-Straße.




Durch Zufall hatten sich Anne und Thomas unabhängig von mir am selben Tag das selbe Hotel ausgesucht. Also gingen wir am Abend in der Herrengasse essen. Das Lokal war nicht schlecht, allerdings hatte Anne wieder Pech mit dem Service, denn immer bekam sie ihre Speisen wesentlich später als die anderen. In guter alter Manier waren auf der Karte sämtliche Zutaten der Speisen nach Gramm gelistet. Nun war das erste Problem, dass man keine Zutaten weglassen konnte, nur zu anderen Speisen eine Zutat dazu nehmen durfte. Unser Kellner sprach halbwegs Englisch, die Verständigung schien kein Problem. Letztendlich tauchte dann ein anderer Kellner mit einer inversen Speise auf, die nur die ungewünschten Zutaten enthielt. Es dauerte eine Weile, bis der richtige Kellner gefunden war, und das Missverständnis ausgebügelt werden konnte.




2003 war man fein gekleidet zum Besuch im Kinopalast.




Das Kabelservice ist da!









Die ukrainisch-orthodoxe Nikolauskathedrale, oder auch "betrunkene Kirche".




Die Himmelfahrtskathedrale.









Das hölzerne Ensemble der Nikolauskirche gleich neben der Nikolauskathedrale. 1748 noch zu osmanischer Zeit erbaut, die älteste orthodoxe Kirche der Stadt.




An Holzgebäuden fand man diese Brandbekämpfungsutensilien.




Messe in der katholischen Kreuzerhöhungskirche.









Am Nachmittag des 17. 4. 2003 fuhren wir hinaus zum jüdischen Friedhof der Stadt, einer der größten Europas - einen weiteren werden wir bald in der Serie besuchen.




Durch Zufall trafen wir eine Verwandte der 2002 verstorbenen Rosa Roth-Zuckermann. Sie wurde durch Volker Koepps Dokumentarfilm "Herr Zwilling und Frau Zuckermann" von 1999 bekannt.




Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung von Czernowitz kann man hier nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Juden_in_Czernowitz














Vom Friedhof überblickt man das Industrieviertel der Stadt, im Hintergrund befindet sich das Lokomotivdepot.






3. 8. 2016

Für mich ging es am nächsten Morgen Richtung Rumänien weiter. Mit vollem Gepäck marschierte ich den Hügel zum Bahnhof bergab, besorgte mir im Regionalteil des Gebäudes ein Ticket nach Vadul Siret und setzte mich anschließend zu den Wartenden.
Doch Moment... es lag etwas in der Luft, was mich schnell mit dem schweren Rucksack wieder etwas bergauf zur Brücke der Prutstraße laufen ließ... Inzwischen kam links M62-1473 aus dem Depot, das rechte Gleis führt Richtung rumänischer Grenze.




Was stand denn da noch so herum?




Fünf Minuten später ging es Richtung Vadul Siret los! Vierfach-Power durch zwei 2M62... die Stromleitungen nahe meines Brückenstandpunktes habe ich entfernt.




Aufgerollte gelbe Flagge wird gezeigt, hinten rangiert inzwischen die M62.




Die Weitwinkelvariante, danach schaltete ich schnell auf Videomodus um, sodass man hier noch den Sound zur Szene erleben kann: https://youtu.be/WmYCDzD87uc?t=14m34s




Später nahm ich Platz im Zug 959 nach Vadul Siret. Am Nebengleis war gerade eine 2TE10M angekommen.



Als nächstes steuern wir ein anderes Ziel in der Region an, ehe beide Reportageteile wieder zusammengeführt werden... :-)
lg,
Roni

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